Synergie: STH + IGF-1

Obwohl die Wirkung des insulinähnlichen Wachstumsfaktors nicht zu unterschätzen ist, bleibt festzustellen, daß ohne gleichzeitiges Vorhandensein von ausreichend Wachstumshormon (natürlich ausgeschüttet oder durch Injektion verabreicht), IGF-1 nicht besonders effektiv sein dürfte.

Eine bedeutend höhere Wirksamkeit verspricht sich die Wissenschaft von der kombinierten Anwendung mit Wachstumshormon. Die synergistische (sich ergänzende) Wirkung von STH und IGF-1 ist angeblich deutlich höher einzustufen, als die Wirkung der Substanzen im einzelnen. Das dürfte die Theorie eines uns bekannten Mediziners bestätigen, der den menschlichen Organismus gerne mit einem großen Orchester vergleicht. Sämtliche Instrumente sind fein aufeinander abgestimmt. Wird ein Instrument verändert, so klingt das gesamte Orchester anders als zuvor.

Die exogene Zufuhr eines Hormons wirkt sich ähnlich auf den Körper aus: Der gesamte Hormonhaushalt wird beeinflußt. Nur wenn alle Hormone exakt aufeinander abgestimmt sind, kann der Körper optimal funktionieren und maximale Leistung bringen. Durch den Eingriff in das körpereigene Hormonsystem wird in der Regel die Substitution zusätzlicher
Wirkstoffe notwendig. Es ist daher total unsinnig, irgendein Hormon als “die Superwaffe für maximalen Muskelaufbau” zu bezeichnen!

IGF-1 Wirkungen

Wie bereits im Kapitel über Wachstumshormon beschrieben, vermittelt IGF-1 die wichtigsten wachstumsfördernden (indirekten) Wirkungen des STH. Dazu zählen:

• Wirkung auf den Proteinstoffwechsel (anabole Wirkung)
• Wirkung auf Knochen- und Knorpelgewebe (wachstumsfördernde + zellerneuernde Wirkung)

Desweiteren besitzt IGF-1 spezifische, insulinähnliche
Wirkungen. Dazu gehören:

Anti-diabetogene Wirkung

Anders als Wachstumshormon, verfügt IGF-1 über eine antidiabetogene
Wirkung. IGF-1 erhöht die Insulin-Empfindlichkeit der Zelle und fördert die Aufnahme von Glukose. Es kommt zur verstärkten Glykogenspeicherung. Der Blutzucker sinkt. Diabetiker weisen in der Regel ein hormonelles Ungleichgewicht auf. Der STH-Spiegel ist erhöht und der IGF-1 Spiegel ist niedrig. Durch die Zufuhr von exogenem IGF-1 wird dieses Verhältnis wieder normalisiert und damit die Insulin-Sensibilität erhöht. In klinischen Untersuchungen stellte sich heraus, daß mit Hilfe von IGF-1 Injektionen, der Insulinbedarf bei Patienten mit einer insulinbedingten Diabetes, um bis zu 45% reduziert werden konnte. Eine mögliche Anwendung zur Behandlung von Diabetes mellitus wird derzeit geprüft; bedarf aber weiterer wissenschaftlicher Forschung. In gewisser Weise ist das IGF-1-Molekül einzigartig, da es sowohl an Insulin- als auch an IGF-Rezeptoren eine Wirkung entfalten kann.

Anti-lipolytische Wirkung

Aufgrund der Strukturähnlichkeit mit Insulin, liegt die Vermutung nahe, daß IGF-1 ebenfalls zur verstärkten Einlagerung von Glukose in Fettzellen und zur Umwandlung
von Glukose in Fettsäuren beiträgt. Zudem werden freie Fettsäuren verstärkt in Fettzellen eingelagert. Diese insulinähnliche Wirkung führt zu einem höheren Körperfettanteil.

Regenerative Wirkung 

In verschiedenen Studien wurde die Wirksamkeit von IGF-1 zur Therapie von Nervenschäden nachgewiesen. IGF- 1 kann die Regeneration von beschädigtem Nervengewebe beschleunigen. Der schwedische Wissenschaftler Hans-Arne Hansson vom Neurobiologischen Institut der Universität Göteborg fand heraus, daß IGF-1 in Verbindung mit anderen Wachstumsfaktoren maßgeblich am Wundheilungs- und Regenerationsprozeß von beschädigten Zellen beteiligt ist. Man geht davon aus, daß IGF-1 in wenigen Jahren bei der Behandlung von sog. postoperativen Zuständen (Zustand nach einer Operation) wichtige Funktionen übernehmen wird.

Zusammenfassung

Welche Wirkungen IGF-1 in Bezug auf die Steigerung der sportlichen Leistungsfähigkeit hat, sind noch einmal zusammengefaßt:

Positive IGF-1 Wirkungen

Anabole Wirkung Muskelwachstum (Steigerung der Muskelkraft)

Zellerneuernde Wirkung Bindegewebsbildung (stärkere Bänder, Sehnen)
Anti-diabetogene Wirkung leistungsfähigere Muskulatur (bb-spezifisch: subjektiv — besserer Pump)

Regenerative Wirkung beschleunigte Regeneration nach Sportverletzungen

Negative IGF-1 Wirkungen

Anti-lipolytische Wirkung Fettspeicherung (erhöhter Körperfettanteil)

 

Körpereigenes-/synthetisches IGF-1

Der Wissenschaft ist es inzwischen gelungen, IGF-1 gentechnologisch herzustellen. Die Wirkungsweise von synthetischem IGF-1 ist identisch mit der von körpereigenem
IGF-1. Derzeit gibt es synthetisches IGF-1 in zwei Versionen. Zum einen das sog. “cell culture grade IGF-1” mit einem Reinheitsgrad von 70% und zum andern das “receptor grade IGF-1”. Das letztere hat einen Reinheitsgrad von 95% und wird zur Behandlung beim Menschen eingesetzt. Zum heutigen Zeitpunkt ist IGF-1 weder in Europa, noch in den USA als Medikament erhältlich. Das dürfte besonders für die Sportler von Interesse sein, die sich “sicher” sind, schon einmal echtes IGF-1 verwendet zu haben. Verschiedene Quellen berichten, daß IGF-1 angeblich in Japan (Produkt: Somazon) offiziell im Handel ist. Diese Aussage wurde uns von den befragten Arzneimittel-Importeuren nicht bestätigt.

IGF-1 — Die Realität

Inwieweit IGF-1 tatsächlich von Sportlern zum Muskelaufbau und zur Leistungsverbesserung eingesetzt wird, bleibt lediglich Spekulation. Besonders was die muskelaufbauende Wirkung von IGF-1 betrifft, gehen die Meinungen weit auseinander. Verschiedene Bodybuilding-Publikationen berichten über Athleten, die sensationelle Fortschritte mit IGF-1 erzielen konnten. So wird zum Beispiel von “5% weniger Körperfett bei gleichzeitiger Zunahme an Muskelsubstanz” berichtet.

Der kanadische Arzt und Hormon-Experte Dr. Mauro DiPasquale beurteilt die Wirkung von IGF-1 deutlich geringer. Mit der von Sportlern verwendeten Dosierung von 20-100mcg pro Tag, ist laut DiPasquale kaum eine muskelaufbauende Wirkung zu erwarten. Da dürfte er Recht haben. Bei einer vor kurzem veröffentlichten Studie, die die anabole Wirkung von IGF-1 bestätigte, wurde den Testpersonen 100mcg IGF-1 pro Kilogramm Körpergewicht verabreicht. Und das zweimal täglich. Für einen 100kg schweren Sportler wären das 20mg IGF-1 pro Tag. Derartige Dosierungen dürften mit Sicherheit den finanziellen Rahmen der meisten Sportler sprengen.

Tatsache ist, daß auf dem Schwarzmarkt verschiedene IGF-1 Präparate erhältlich sind, die nicht einmal einen Hauch IGF-1 enthalten. Hören Sie nicht auf Athleten, die wieder einmal von “gigantischem Muskelaufbau” dank IGF-1 berichten. Bei dem heutzutage von einigen Sportlern verwendeten “Medikamentenarsenal” könnte die Wirkung auch von anabolen Steroiden, STH, Schilddrüsenhormonen,
Clenbuterol, Ephedrin…kommen.

Blick in die Zukunft

Wissenschaftler untersuchen bereits jetzt die wachstumsfördernden Wirkungen von verschiedenen Releasing-Hormonen. Der amerikanische Mediziner Dr. Ronald Klatz berichtet von einer Studie, bei der Schweine mit dem Releasing-Hormon GHRH (Growth Hormone Releasing Hormone) behandelt wurden. Das Ergebnis: 16% Zunahme an fettfreierKörpersubstanz und Rückgang des Körperfettanteils um 25%.GHRH stimuliert die Hypophyse direkt zur Produktion von Wachstumshormon und wird daher als die “natürlichste Alternative” zur Wachstumshormon-Behandlung bezeichnet.

Wissenschaftler sind sich schon jetzt sicher, daß die Zukunft in der Erforschung der Releasing-Hormone und Wachstumsfaktoren liegt. Bleibt abzuwarten, welche Auswirkungen sich daraus für den Sport ergeben.

This entry was posted in IGF, Wachstumshormone. Bookmark the permalink.