Melanotan II Teil 5

Der nächste Schritt der Entwicklung?

Nach der Erschaffung von MT-I gab sich das „Arizona Team” mit seiner Entdeckung nicht zufrieden und forschte weiter. Die Wissenschaftler versuchten, MT-I weiterzuentwickeln, und tatsächlich wurde es zu einem Prototypen eines weiteren Melanocortin-Rezeptor- Agonisten. Die Aminosäurensequenz des linearen MT-I wurde verkürzt und in ein zyklisches Peptid verwandelt (Abbildung 3, 12). Damit war das synthetische Melanotan II erschaffen (Tabelle 6).

Bei MT-II handelt es sich also um eine Weiterentwicklung von MT-I, die allerdings problembehaftet ist. Melanotan II durchlief zunächst erfolgreich den IND-Prozess der FDA und durfte an menschlichen Versuchsobjekten getestet werden. Das Ziel der darauffolgenden Pilotstudie war es, das Hautbräunungspotenzial von MT-II zu ermitteln. Doch bei den Tests an den wenigen Probanden ging etwas gründlich schief. Es kam zu unvorhergesehen Nebenwirkungen, die Testpersonen „litten” unter unerwünscht auftretenden Erektionen. Neben den MC1R-Rezeptoren, die unter anderem für die Hautbräunung zuständig sind, schien MT-II einen weiteren Rezeptor zu stimulieren. Die geschäftstüchtigen Wissenschaftler erkannten natürlich das Potenzial ihrer neuen Entdeckung, und über die Technologietransferfirma Competitive Technologies (CTI) wurde erneut ein Partner gesucht. Währenddessen erkannten noch andere die Möglichkeiten von Melanotan II und nahmen sich der Sache an.

Die Barbie® Droge — ein strahlender Stern am Untergrundhimmel

Es lässt sich nicht mehr sicher rekonstruieren, wie Melanotan II im ersten Schritt auf den Schwarzmarkt gelangen konnte, aber dieser Vorgang war nur eine logische Folge der Forschungsmeldungen. Üblicherweise erfährt man als Normalbürger ziemlich wenig über klinische Studien und die Entwicklung von Medikamenten, wenn man sich nicht aktiv informiert. Im Fall der Melanocortin-Rezeptor-Agonisten haben das die involvierten Parteien durch ein aggressives Marketing übernommen, und das Thema wurde dann dankbar von den Massenmedien aufgegriffen. Diese warfen alle Melanocortin-Rezeptor- Agonisten in einen Topf, rührten einmal kräftig um, und MT-II wurde als „Barbie® Droge” zu einem Lifestyle-Produkt. Was durchaus schlüssig ist: Eine attraktive Hautbräunung und eine „stahlharte” Erektion lassen fast jeden aufhorchen. Vergessen wurde bei diesem als Berichterstattung getarnten Werbefeldzug, dass MT-II lediglich die Ausgangssubstanz für ein weiteres Peptid war, das als „Potenzmittel” dienen sollte. Es wurde zumeist von der „Barbie® Droge” und manchmal von Melanotan gesprochen, da man aufgrund des Namens (MT-II) davon ausging, dass es sich um eine Weiterentwicklung von MT-I handelte. Die Medien vermittelten dadurch den unbedarften Beobachtern, dass sich MT-II in dem Zulassungsverfahren befindet. Dabei wurde aber übersehen, dass es sich dabei um MT-I handelte. Dass MT-II aber niemals ausreichend erforscht wurde und nur eine Substanz für Versuchszwecke ist, ging bei der Aussicht, dass sich bald die gesamte männliche Bevölkerung aus superpotenten Latinlovern zusammensetzt, unter.

Tatsache ist, dass ausschließlich eine Zulassung von MT-I angestrebt wird und nur dieser Wirkstoff ausreichend wissenschaftlich untersucht wird. Melanotan II wurde niemals ausreichend am Menschen getestet, und es besteht derzeit auch kein Bedarf, dies in irgendeiner Form nachzuholen. Alle Studien, die MT-II am Menschen erprobt haben, waren überschaubare Projekte. Das Größte beinhaltete gerade mal 20 Personen. Dies ist nichts im Vergleich zu Studien der Phase III, die erforderlich sind, um einem Medikament die Zulassung zu erteilen. Im Fall von MT-I wurden hunderte Probanden in verschiedenen Ländern und Instituten genommen. Lediglich eine Studie wurde gestartet, die den Hautbräunungseffekt von MT-II am Menschen untersuchte – und zwar an sage und schreibe drei Männern über einen Zeitraum von zwei Wochen. Alle der darauffolgenden Studien am Menschen beschäftigten sich mit den Auswirkungen auf die Erektion. Die klinischen Studien, die eine Auswirkung von MT-II auf die Sexualität des Menschen untersuchten, wurden aber relativ zügig zugunsten von Tierversuchen eingestellt. Der Großteil aller Studien wurde somit an Tieren (Nagern) durchgeführt, und bei diesen Tests ging es nicht um Fragen, die einen Einsatz von MT-II als Medikament betreffen, sondern darum, ein besseres Verständnis des Melanocortin-Systems zu erlangen. Die meisten der Informationen über MT-II sind Schilderungen auf Basis von Tierversuchen und von Personen, die MT-II in Eigenverantwortung konsumiert haben. Es gibt keine wissenschaftlichen Untersuchungen, die bei einer Einnahme von MT-II die mittel- bis langfristigen Auswirkungen am Menschen dokumentieren. Anders ausgedrückt: Bei Melanotan II handelt es sich um eine am Menschen fast gänzlich unerprobte Substanz mit nicht wissenschaftlich untersuchten Nebenwirkungen und unvorhersehbaren Langzeitfolgen.

Doch auch die Personen, denen diese Umstände bekannt waren, wollten das Wundermittel haben, und Melanotan II wurde der Anschein einer relativ harmlosen Substanz gegeben. Alsbald boten in den USA die ersten Händler illegal MT-II feil, das diese aus dubiosen Quellen erhalten hatten. Kurze Zeit später wurde MT-II im großen Stil vor allem in China hergestellt und in alle Welt unter falscher Deklarierung exportiert. Dies war nur möglich, da die Formel frei zugänglich gemacht wurde. Es entwickelte sich ein blühender Handel, der 2007 in den USA so weit ging, dass für eine Substanz, die gar nicht auf dem freien Markt existieren durfte, offen Werbung gemacht wurde. Der FDA platzte daraufhin der Kragen und sprach über das „Safety Information and Adverse Event Reporting Program” eine Warnung an die Bevölkerung aus. Darüber hinaus brach eine Abmahnwelle aus, die diverse illegale Anbieter von Melanocortin-Rezeptor-Agonisten betraf. Das „Department of Health and Human Service” (FDA) im New-Orleans-Distrikt mahnte 2007 die erste Firma ab. Dies setzt sich bis in das Jahr 2009 fort (6. Januar, FDA, Cincinnati Distrikt), was empfindliche Strafen zur Folge hat

Mittlerweile haben sich die Melanocortin-Rezeptor-Agonisten und insbesondere Melanotan II weltweit verbreitet. Nach und nach reagieren nun auch europäische Behörden und sprechen verstärkt Warnungen aus, die aber ein paar Jahre zu spät kommen. Der Gebrauch von MT-II beschränkt sich nicht mehr auf eine bestimmte Klientel, sondern ist mitten in der Gesellschaft angekommen. Neben dem Umstand, dass eine anständige Bräune zum heutigen Lifestyle der „werberelevanten Zielgruppe” gehört, liegt dies nicht zuletzt auch an der einfachen Beschaffung von MT-II. Im Internet tummeln sich tausende Anbieter, die Melanotan II illegal anbieten, und man ist nach der Eingabe in eine Suchmaschine nur ein paar Klicks von seinem persönlichen Bräunungs-Ideal entfernt. Die verschiedenen Anbieter machen dabei einen mehr oder wenig seriösen Eindruck, soweit es in dem Metier möglich ist, und bieten diverse Verkaufseinheiten an. Die übliche Verkaufseinheit ist ein Injektionsfläschchen (Vial) mit 10 mg Melanotan-Il-Pulver, das zu Preisen von 30-50 € exklusive Lieferkosten angeboten wird. Daneben werden auch Staffelungen mit z. B. 20, 30, 50 mg und mehr angeboten. Einige ganz besonders findige Anbieter liefern so genannte „Startersets” aus. Diese Sets beinhalten dann neben den Injektionsfläschchen, die den Wirkstoff enthalten, z. B. so genanntes Injektionswasser, um das Melanotan II zu lösen, Alkohol -Pads zur Haut-Desinfektion und Insulinspritzen zur Verabreichung.

Beschaffungsmöglichkeiten und überschaubaren
Preisen stehen die diversen Risiken eines MT-II-Einkaufs entgegen:

• Das Melanotan II, was auf den Schwarzmarkt verteilt wird, ist nicht von einer
lizenzierten Pharmafirma hergestellt, die nach internationalen Normen produziert und daraufhin kontrolliert wird. Melanotan II wird zum Großteil in China
hergestellt, da man es dort mit Lizenzen nicht so genau nimmt. Das Hauptproblem
hierbei sind die teils schlampigen bis grob fahrlässigen Produktionsmethoden.
Als an China eine Lizenz zur Produktion des Medikament „Heparin”
vergeben wurde, hatte dies weltweit 100 Tote aufgrund von „Einsparmaßnahmen”
zur Folge. Hier handelte es sich um ein offizielles Medikament, das mit
einer Lizenz hergestellt wurde, und nicht um eine illegal produzierte Substanz
wie MT-II. Es sollte einem schon zu denken geben, wenn sogar bei legal hergestellten
Medikamenten „gepfuscht” wird.

• Die Zertifikate, die gerne als Beleg für die standardisierten Produktionsmethoden
(=einwandfreies Produkt) von Herstellern bereitgestellt werden, sind
absolut wertlos. Eine Herstellerfirma kann sich ja kein Gütesiegel für die eigene
Produktion zusammenschustern. Desweiteren unterliegt der Zertifizierungsprozess
in anderen Ländern einer anderen gesetzlichen Grundlage, falls
überhaupt eine vorhanden ist.

• Ebenfalls sind die Analyseberichte der Anbieter (Analysis Certificate), die die
Reinheit bestätigen sollen, mit Vorsicht zu genießen. Zum einem können normale
Personen nicht so einfach einem Labor Substanzen geben und diese analysieren
lassen. In den meisten Ländern der EU wird man als Privatperson
entweder abgewiesen und/oder direkt an die Behörden weitergemeldet. Falls
tatsächlich mal eine korrekte Analyse gemacht wird, gilt dies nur für diese eine
Probe und für keine darüber hinaus. Womit wir wieder beim Thema „standardisierte
Produktionsmethoden” wären. Da der Rohstoff nicht immer von derselben
Qualität ist, ist jede Analyse mit der nächsten Charge, die produziert
wird, hinfällig.

• Die Anbieter können Betrüger sein, die nicht liefern, eine rechtliche Handhabe
dagegen gibt es nicht. Die Post kann vom Zoll abgefangen, geöffnet und beschlagnahmt
werden.

All diesen doch eklatanten Problemen zum Trotz verbreitet sich Melanotan II vor allem Dank des Internets ausgezeichnet, und das Thema nimmt immer absurdere Auswüchse an. Mittlerweile werden von ganz ausgefuchsten Anbietern MT-II Nasensprays vermarktet. Damit wird wie zuvor versucht, die Grenzen zwischen in der Entwicklung befindliche Medikamente und Melanotan II zu verwischen. Der genaue Hintergrund wird noch in späteren Kapiteln näher beleuchtet werden, da ein direkter Bezug zur Wirkung und Weiterentwicklung von MT-II besteht.

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