Medizinische Anwendungen anaboler Steroide II

Verabreichung anaboler Steroide zur Behandlung der durch „Rifampin” ausgelösten Leberverfettung: „Rifampin” ist ein antimikrobiell* wirkendes Medikament, das z.B bei Tuberkulosekranken gegen säureliebende Bakterien eingesetzt wird.

Es hemmt die DNS-abhängige RNS-Polymerase bei Bakterien. PIRIOU und Mitarbeiter” konnten nachweisen, daß die bei Ratten durch „Rifampin” ausgelöste Leberverfettung durch gleichzeitig verabreichte Steroide zum Teil verhindert werden konnte. Bei den Weibchen trat dieser Effekt deutlicher zutage. Der Nachweis der Wirksamkeit anaboler Steroide in diesem Fall ist am Menschen allerdings noch nicht erbrach worden. Anabole Steroide als begleitende Medikation in der Chemotherapie: Eine effektive Therapie von Krebspatienten erfordert oft große Dosen zytotoxischer** Medikamente, die das Knochenmark schädigen und die Anfälligkeit für Infektionen erhöhen. KAHN und Mitarbeiter’ konnten nachweisen, daß das anabole Steroid „Durabolin” in einer Dosierung von 100 mg/Woche die Leukozytenzahl’ von Patienten normalisierte, die sich einer zytotoxischen Chemotherapie unterzogen. Ihre Untersuchungen unterstreichen die Bedeutung anaboler Steroide in der Behandlung von Patienten mit Knochenmarkschädigungen und als unterstützende Medikation in der Chemotherapie zur Behandlung von Krebsleiden.

Anabole Steroide in der Behandlung von Patienten mit chronischen Anämien: Es gilt mittlerweile als gesichert, daß anabole Steroide die Bildung von roten Blutkörperchen stimulieren. Die Hämoglobinkonzentration des erwachsenen Mannes liegt im Schnitt etwa 10 – 20% höher als die der Frau. Die Differenz wird allgemein auf den höheren Androgenspiegel beim Mann zurückgeführt; in den Jahren vor der Pubertät finden sich kaum Unterschiede in der Hämoglobinkonzentration von Mann und Frau.

Die Wirkung von Androgenen beim anämischen Patienten hängt von mehreren Faktoren ab: Von der Art der Blutarmut, dem Zustand des Knochenmarks, ob eine Hämolyse**** vorliegt oder nicht und anderen Parametern. Daher läßt sich die Wirkung von Androgenen zur Behandlung von Anämien nur schwer festlegen.

Bei Patienten mit einer etablierten aplastischen Anämie wie der erworbenen aplastischen Anämie ist die blutbildende Wirkung einer Steroidtherapie vor allem abhängig vom ursprünglichen Zustand des Knochenmarks. Beginnen die Steroide erst einmal zu wirken, kann von einem Andauern der Wirkung ausgegangen werden. Klinische Anämien, die mit anabolen Steroiden behandelt werden können sind die Myleofibrose mit myleoider Metaplasie,’ die chronische lymphozytische Leukämie,’ hämolytische Anämien,’ Anämien, die auf Nierenversagen zurückzuführen sind,”-34 aplastische Anämien351 und andere chronische refraktorische Anämien.4244 Verschiedene Steroidpräparate sind zur Behandlung von Anämien eingesetzt worden. Doch das beste Steroid für diesen Zweck ist wohl ein Präparat, das bei minimaler Virilisierung die Bildung von Erythrozyten anregt. Zudem weisen die injizierbaren anabolen Steroide noch den Vorteil der einfachen Anwendung in wöchentlichen, zweiwöchentlichen oder gar monatlichen Abständen auf. Der genaue der Wirkungsmechanismus von Androgenen auf die Bildung von roten Blutkörperchen ist noch unklar. Wahrscheinlich hängt sie aber mit der gesteigerten Erythropoietinproduktion zusammen, durch die das Knochenmark wiederum zur vermehrten Bildung von Vorläufern der roten Blutkörperchen angeregt wird. Zudem erhöhen anabole Steroide durch eine noch nicht geklärte Stimulation die Anzahl der auf Erythropoietin spezialisierten Zellen. Anabole Steroide können also die Blutbildung in Anämiepatienten spürbar unterstützen; die Frage der Androgenität dieser Medikamente sollte daher eine nachrangige Bedeutung haben.

Anabole Steroide bei Osteoporosepatienten: Osteoporose ist bei weißen Frauen, die die Menopause hinter sich haben, weit verbreitet und zieht ein auffälliges Krankheitsbild nach sich.” Ungezählte Therapien zur Behandlung der Osteoporose wurden bereits erprobt, darunter die einzelne oder kombinierte Verabreichung von Calcium, Vitamin D, Flourid, Calcitonin, Diphosphonaten, Östrogenen und anabolen Steroiden.’ Die Wirkung vieler dieser Medikamente war allerdings mehr als unbefriedigend. Fragwürdige Methoden zum Nachweis der positiven Wirkung über einen längeren Zeitraum tragen zur Unsicherheit bei.

Vor nicht langer Zeit wurde die Neutronenaktivationsanlyse zur Bestimmung des Körpergehalts an Calcium eingeführt.”- 61 CHESTNUT und Mitarbeiter’ konnten anhand dieser Methode die Bedeutung einer längerdauernden Therapie mit anabolen Steroiden für die Behandlung der postmenopausalen* Osteoporose untermauern. Die Zufuhr einer geringen Dosis („Dianabol” 5 mg/Tag für drei Wochen, danach eine Woche Pause, über einen Zeitraum von 26 Monaten) hatte nach längerer Zeit bei der Testgruppe einen signifikanten Anstieg des Körpergehalts an Calcium zur Folge. Die Analyse der Serum Glutamin-Oxalsäure-Transaminase bei Test- und Kontrollgruppe ergab keine signifikanten Unterschiede; bei den Steroidpatienten konnte keine signifikante Virilisation festgestellt werden. Diese Untersuchung beweist, daß die Langzeitgabe anaboler Steroide in kleinen Dosen den Verlust an Knochensubstanz bei einer postmenopausalen Osteoporose verhindern kann. Anabole androgene Steroide in der Behandlung von Männern mit Androgenmangel: Diese naheliegende Medikation wurde bei ausgewählten Patienten mit großen Erfolg eingesetzt.

Anabole Steroide in der Behandlung des Haarausfalls bei Männern: Bei der androgenen Alopecie ist die Konzentration einer im Testosteronstoffwechsel gebildeten Substanz, Dihydrotestosteron (DHT), erhöht.’ Wissenschaftler vermuten, daß ein hoher DHT-Spiegel gesunde Haarfollikel durch Hemmung des Enzyms Adenylcylase Schädigt.”Theoretisch könnte eine Hemmung der DHT-Produktion in der Vermeidung des Haarausfalls bei Männern eine Rolle spielen. Zwei Ansätze scheinen erfolgversprechend: Die Verabreichung von Antiandrogenen,67 um entweder die Testosteronkonzentration selbst zu reduzieren oder die für die Umwandlung von Testosteron in DHT verantwortlichen Enzyme zu blockieren, und die Zufuhr anaboler Steroide. Diese werden zu anderen Verbindungen abgebaut und verringern zusätzlich die Menge des zirkulierenden Testosterons durch eine Hemmung der Hypthalamus-Hirnanhangdrüse- Hoden Achse. Im Augenblick ist die Anwendung anaboler Steroide für diesen Zweck nur Theorie, weiterführende Untersuchungen stehen noch aus. Anabole Steroide zur Behandlung von Zwergwuchs bei Kindern: Ist der Zwergwuchs nicht auf eine Hormonunterfunktion, genetisch festgelegten Kleinwuchs oder andere Erkrankungen zurückzuführen, könnten Steroide zur Behandlung eingesetzt werden. Die Patienten sind später als Erwachsene viel kleiner als ihre Geschwister, körperliche Nachteile und psychologische Probleme gleichsam vorprogrammiert. Es ist schon lange bekannt, daß Testosteron und anabole Steroide in zweifacher Hinsicht das Knochenwachstum begünstigen: durch eine Zunahme des Längenwachstums und durch einen schnelleren Abschluß des Skelettwachstums. Untersuchungen mit anabolen Steroiden zur Behandlung verschiedener Wachstumsstörungen führten zu wider sprüchliche Ergebnissen und trugen bisher eher dazu bei, die Lösung des Problems zu verschleiern. MOORE und Mitarbeiters untersuchten 1976 die Wirkung einer längerdauernden Zufuhr anaboler Steroide auf das Wachstum von zwergwüchsigen Kindern und Jugendlichen. 130 Patienten im Alter von 4 bis 17 Jahren erhielten über einen Zeitraum von vier Jahren eine tägliche Dosis von 0,25 mg Oxandrolon. Die Ergebnisse:

1) Oxandrolon verdoppelte das Wachstum der Patienten
in den ersten sechs Monaten der Therapie und
blieb über vier Jahre ein effektives Wachstumsstimulans;
2 die Mehrzahl der Patienten wiesen während der Therapie
Übereinstimmungen im Verlauf des Wachstums
auf;
3) insgesamt wiesen mehr Patienten ein stärkeres Wachstum
auf als umgekehrt und
4) es wurden keine Nebenwirkungen der Oxandrolon-
Therapie festgestellt im Hinblick auf die Geschwindigkeit
des Wachstums nach der Steroidbehandlung und
der Knochenreifung in Relation zum Längenwachstum.

Anabole Steroide in der Behandlung von Patienten mit Hyperlipidemie: Bei dieser Erkrankung werden mehrere Arten durch biochemische Methoden unterschieden. Ein erhöhter Gehalt von Fetten oder fetthaltigen Substanzen im Blut wird als Hyperlipidemie bezeichnet. Vererbung, Fehlernährung und ein überwiegend sitzende Lebensweise sind Auslöser für ihre Entstehung. Mehrere erfolgreiche Behandlungen der Hyperlipidemie mit anabolen androgenen Steroiden sind bekanntgeworden.” MENDOZA und Mitarbeit& wiesen nach, daß Männer mit Oligospermie* und niedrigem Testosteronspiegel einem größeren Herzinfarktrisiko ausgesetzt sind.

Zusammenfassung

Anabole Steroide sind sehr wirksame Hormone, die zur Behandlung vieler Erkrankungen eingesetzt werden könnten. Obwohl viele Indikationen eindeutig sind und einem Patienten potentielle Vorteile eröffnen würden, zögern viele Ärzte mit der Verschreibung dieser Medikamente. Und obwohl mehr als ein Dutzend Indikationen bekannt sind und viele andere möglich wären, ist unter Ärzten eher bekannt, daß der überwiegende Anteil anaboler Steroide im Handel von Sportlern zur Leistungssteigerung eingesetzt wird. Die Untersuchung der immunologischen Wirkungen anaboler Steroide steckt noch in den Kinderschuhen; das Studium der Eignung dieser Medikamente für andere Zwecke ebenfalls. Es ist anzunehmen, daß die Steroidforschung in Zukunft mehr Aufmerksamkeit erfahren wird

This entry was posted in Anabolika. Bookmark the permalink.