Medizinische Anwendungen anaboler Steroide I

Nachdem die ersten synthetischen Testosteronderivate* in den frühen Fünfziger Jahren für Laborgebrauch und Studien zur Verfügung standen, wurden bald auch die ersten Versuche mit Tieren und Menschen durchgeführt. Die virilisierenden Effekte der Testosteronabkömmlinge führten aber dazu, daß die medizinische Anwendung auf vielen Gebieten bis heute eingeschränkt ist.

doch sind sie die am wenigsten untersuchte und beschriebene Gattung der Steroidhormone. Viel mehr Aufmerksamkeit wurde den Corticosteroiden gewidmet, den Östrogenen und den Progesteronsteroiden. Und obwohl anabole Steroide sich theoretisch für viele medizinische Anwendungen eignen, spielen sie keine Hauptrolle in der Behandlung von Krankheiten. Steroiden werden vor allem unterstützende und begleitende Rollen zugedacht.

Präsentation der medizinischen Anwendungen

Da anabole Steroide auch als antikatabole Steroide gelten können, sind viele medizinische Anwendungen bekannt, die sich auf diese Eigenschaft der Steroide stützen. Einige dieser Indikationen* beinhalten die Verabreichung an:

1) chronisch kranke Patienten zur Unterstützung der Ernährung
in Krankenhäusern;
2) Patienten, die an rheumatoider Arthritis leiden, mit
oder ohne gleichzeitige Verabreichung von „Prednisonff;
3) frisch Operierte, um der katabolen Stoffwechsellage
nach einer Operation entgegenzuwirken;
4) Patienten mit chronischem Raynaud-Syndrom bei Gefäßkrankheiten;
5) Patienten, die lebertoxische Medikamente wie z.B. „Rifampin”
erhalten und
6) zur Senkung des Infektionsrisikos an krebskranke Patienten,
die sich einer Chemotherapie unterziehen
müssen.

Andere Einsatzgebiete für die Therapie mit anabolen Steroiden
konzentrieren sich auf die anabolen Eigenschaften
dieser Medikamente, z.B. die Verabreichung an:

7) Patienten mit chronischen Anämien;*
8) nierenkranke Patienten, die sich einer Dialyse** unterziehen
müssen;
9) Patienten mit Osteoporose;***
10) Patienten mit Testosteronmangel;
11) Sportler, die an Muskelmasse, Kraft und Ausdauer gewinnen
wollen;
12) Männer, die an Haarausfall leiden;
13) kleinwüchsige Jungen, und
14) Patienten mit einigen Arten der Hyperlipidemie.

Diskussion einiger Anwendungen

Verabreichung anaboler Steroide zur Ernährungsunterstützung: Seit den sechziger Jahren widmen Mediziner der Ernährung kranker Menschen größere Aufmerksamkeit. Die intravenöse* Ernährung, die Ernährung durch nasogastrische Schläuche’ und durch chirurgisch in den Darm implantierte Schläuche hat sich in der heutigen Medizin durchgesetzt. Die Festlegung einer angemessenen Dosierung von Infusionen, der nötigen Kalorienaufnahme bestimmter Patienten, wie auch der Mengenverhältnisse von Kohlenhydraten, Fetten, Proteinen, Mineralien, Vitaminen und Elektrolyten sind ebenso wie technische und medizinische Fragen noch nicht abschließend geklärt. Viele Patienten in Krankenhäusern müssen wegen Problemen bei der oralen Aufnahme von Nahrung künstlich ernährt werden. Das Ziel der künstlichen Ernährung ist die Korrektur existierender Stoffwechseldefizite und die Unterstützung von Heilungsvorgängen. In diesem Zusammenhang wurde auch der Einsatz anaboler Steroide untersucht. Sie erhöhen die Stickstoffretention, sind also antikatabole Medikamente, die theoretisch eine anabole Stoffwechsellage bei vielen Erkrankungen auslösen können. Mehrere Wissenschaftler haben die Auswirkungen anaboler Steroide auf katabole Stoffwechsellagen bei verschiedenen Krankheitsbildern untersucht. Die Ergebnisse lassen den Schluß zu, daß der Stickstoffverlust durch eine Steroidtherapie reduziert oder sogar umgekehrt werden kann. 1981 untersuchten LEWIS und Mitarbeiter die Bedeutung anaboler Steroide als routinemäßigen Bestandteil künstlicher Ernährung. Sie stellten fest, daß die Verabreichung von 50 mg „Deca Durabolin” alle zwei Wochen über einen Zeitraum von zwei bis drei Wochen bei künstlich ernährten Patienten mit katabolen Erkrankungen — trotz leicht erhöhter Stickstoffietention — letztlich keine signifikanten Unterschiede in Stickstoffretention und Proteinmetabolismus bewirkte. Obwohl die Wissenschaftler die Unterschiede in der Stickstoffretention als statistisch nicht bedeutsam werteten (p kleiner als 0.05), erhöhten die Steroide die Stickstoffretention um 13%. Die größten Zuwächse erfolgten nach der zweiten Woche der Steroidtherapie. Die Autoren dieser Studie kamen dennoch zu dem Ergebnis, daß die routinemäßige Zufuhr anaboler Steroide bei künstlicher Ernährung nicht gerechtfertigt sei. Lediglich bei künstlicher Ernährung über einen Zeitraum von mehr als drei Wochen sei eine unterstützende Steroidtherapie von Nutzen. Die Veröffentlichung einer Untersuchung dieser Art kann viel bewirken — unangemessene Schlußfolgerungen und im ungünstigsten Fall eine Einstellung der Forschung auf diesem Gebiet. Im vorliegenden Fall war an der Methode LEWIS und seiner Mitarbeiter nichts auszusetzen, trotzdem könnten einige Schwachpunkte die Ergebnisse ihrer Untersuchung ins Wanken bringen

1) Der Einsatz von „Deca-Durabolin”: Dieses Präparat ist ein starkes Steroid, das seine Wirkung über einen längeren Zeitraum entfaltet. Andere injizierbare Steroide mit schneller einsetzender Wirkung könnten die Stickstoffretention innerhalb weniger Tage verbessern, statt im Verlauf von einigen Wochen, wie in der Studie geschehen.

2) Die Dosierung: Die Injektion von 50 mg „Deca-Durabolin”
alle zwei Wochen ist wahrscheinlich zu niedrig,um wirklich statistisch signifikante Veränderungen
auszulösen.

3) Dauer der Therapie: Da für diese Studie ein Steroid mit einer langen Halbwertzeit gewählt wurde, wäre es interessant, die Stickstoffretention über einen Zeitraum
von vier bis sechs Wochen nach Beginn der Therapie
zu untersuchen. Dies wäre bei einem schneller wirkenden Steroid nicht nötig.

Verabreichung anaboler Steroide bei Patienten mit rheumatoider Artritis: BROCHNER-MORTENSEN und Mitarbeiter untersuchten die durch „Prednison” in Kombination mit den anabolen Steroiden „Nilevar” und „Durabolin” ausgelösten Stoffwechseleffekte bei Patienten mit chronischer Arthritis. Sie kamen zu folgenden Ergebnissen:

1) es konnte überzeugend nachgewiesen werden, daß
die katabolen Auswirkungen von „Prednison” auf
Stickstoffhaushalt, Calcium- und Phosphorbalance
durch den Einsatz anaboler Steroide verhindert werden
können;

2) „Durabolin” zeigte bei zwei der vier weiblichen Test
personen nur geringe virilisierende Effekte;

3) Die Wirkung von „Durabolin” war erheblich stärker
und hielt länger an als die von „Nilevar”, einem oralen
anabolen Steroid, und

4) anabole Steroide störten die positive Wirkung von
„Prednison” auf die Krankheitssymptome nicht.

Das Immunsystem allgemein wird von Sexualhormonen beeinflußt. Es wird angenommen, daß Autoimmunkrankheiten* wie Lupus Erythematosis, rheumatoide Arthritis und Sklerodermie durch einen Mangel an T-Supressor- Lymphozyten ausgelöst werden. Vor kurzem wurde ein Enzym (20-alpha-SDH) entdeckt, mit dem sich T-Lymphozyten markieren lassen.1’14 1981 wiesen WEINSTEIN und BERKOVICH12 mit Hilfe der Markierung durch 20-alpha- SDH nach, daß mit Androgenen behandelte weiblich Mäuse eine gesteigerte Aktivität der T-Supressor Lymphozyten aufweisen. Allerdings blieb unklar, ob Androgene eine verstärkte Freisetzung von T-Supressor Lymphozyten aus dem Knochenmark begünstigen oder die T-Supressor- Lymphozyten direkt zu verstärkter Teilung anregen. Obwohl die Wirkungsweise anabol-androgener Steroide für die Behandlung von Autoimmunerkrankungen noch nicht abschließend geklärt werden konnte, sollte die Behandlung mit diesen Medikamenten doch in Betracht gezogen werden.

Einsatz anabole Steroide nach Operationen: Patienten reagieren auf den Stress schwerer Verletzungen oder umfangreicher Operationen für gewöhnlich mit einer katabolen Stoffwechsellage als Ausdruck des gesteigerten Bedarfs an Protein und Kalorien für Wundheilung und Energie. Wird dieser Bedarf nicht befriedigt, kommt es zu einem signifikanten Abbau von Körpergewebe. Dieser Zustand steht im krassen Gegensatz zu der Stoffwechsellage von Patienten, die sich einer Therapie mit anabolen Steroiden unterziehen. Der begleitende Einsatz anaboler Steroide nach Operationen sollte also in Erwägung gezogen werden.

BRADSHAW und Mitarbeiter stellten diese Forderung schon 1960.15 Sie waren zwar der Meinung, das die zu diesem Zeitpunkt verfügbaren Informationen noch keine gesicherten Aussagen über die Wirksamkeit von Steroiden erlaubten.

Doch sei eine eingeschränkte Anwendung bei solchen Krankheiten gerechtfertigt, bei denen der Ernährungsstatus des Patienten eine wichtige Rolle für dessen Genesung spielt. Dies galt ihrer Auffassung nach auch für Erkrankungen, die durch einen Überschuß an antianabolen oder katabolen Hormonen verursacht werden sowie für frisch operierte Osteoporosepatienten. Die Wissenschaftler waren überzeugt, daß weitergehende Untersuchungen den Beweis für die positiven Wirkungen anaboler Steroide auch auf die Genesungszeit nach anderen Operationen bestätigen würden. Mittlerweile sind die Methoden zur Bestimmung des Muskelproteinabbaus nach Operationen verfeinert worden.1417″ Diese fortschrittlichen Methoden sollten bei zukünftigen Untersuchungen berücksichtigt werden.

 

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