Insulin

Auch Insulin wird als Dopingmittel eingesetzt. Während der Diabeteskranke
Insulin zur ordnungsgemäßen Verstoffwechslung von Kohlenhydraten
benötigt, verspricht sich der (gesunde) Bodybuilder einen gesteigerten
Anabolismus durch Insulin-Injektionen.
Physiologische und pharmakologische Grundlagen
Insulin ist ein anabol wirksames Hormon. Unter seinem Einfluß wird
Blutzucker als Glykogen in der Muskulatur gespeichert und der Aminosäuretransport
in die Skelettmuskulatur gefördert. Unabhängig davon
wird durch Insulin die Proteinbiosynthese im Muskel angeregt, während
gleichzeitig der Proteinabbau gehemmt wird [32]. Dies sind Eigenschaften,
die für Bodybuilder von Vorteil sind. Weniger günstig für diese
Sportler sind jedoch die lipidanabolen Wirkungen von Insulin: Es fördert
die Umwandlung von Kohlenhydraten in Fett und die Aufnahme
von freien Fettsäuren in die Fettzellen. Gleichzeitig wird die Fettverbrennung
gehemmt [32]. Insulin hat für Bodybuilder also Vor- und Nachteile:
Es fördert den Muskelaufbau, aber gleichzeitig auch die Fettspeicherung.

Verbreitung

Insulin erfreut sich in den letzten Jahren gerade in den USA einer ständig
wachsenden Beliebtheit. Was es dort für Bodybuilder so attraktiv
macht, ist der geringe Preis (ca. 20 US-Dollar für 1000 I.E.), und daß es
dort in vielen Staaten rezeptfrei in der Apotheke erhältlich ist [221]. Deshalb
greifen dort immer mehr Athleten auf Insulin zum Muskelaufbau
zurück, während es hier in Deutschland eher selten verwendet wird,
was wohl auch an der hier geltenden Rezeptpflicht für dieses Medikament liegt. Die meisten Bodybuilder in Deutschland nehmen Insulin
ausschließlich, um die Wirksamkeit von gleichzeitig injiziertem STH zu
verbessern [persönliche Mitteilungen].

Anwendung im Bodybuilding

Bei Einnahme von STH applizieren viele Bodybuilder zusätzlich Insulin,
um die Wirksamkeit des Wachstumshormons zu verbessern, wie es in
der Untergrundliteratur postuliert wird [201]. Dabei wird meist ein Depotinsulin
mit mittellanger Wirksamkeit gewählt (z.B. Depot H-Insulin
® der Firma Hoechst), das früh morgens subkutan (unter die Haut)
injiziert wird. Die meisten Sportler verwenden bei Depotinsulin nur eine
Injektion mit der gesamten Tagesdosis, meist 10-30 I.E., manche
verteilen die Tagesdosis auch auf mehrere Einzelgaben [persönliche Mitteilungen].
Bei Verwendung von kurzwirksamem Altinsulin werden typischerweise
dreimal pro Tag 15-20 Minuten vor einer Mahlzeit 6-12 I.E.
gespritzt, da der Wirkungseintritt rasch erfolgt.
Obwohl Insulin von den meisten Bodybuildern zusammen mit STH
verwendet wird, um dessen Wirksamkeit zu verstärken, so nehmen es
einige, um dessen protein-anabole Wirkung zu nutzen. Nach dem Training
ist die Insulinempfindlichkeit der gerade trainierten Muskulatur
stark erhöht. Wird nun Altinsulin appliziert, so wird dadurch die Glykogenspeicherung
im Muskel verstärkt und die Proteinsynthese gefördert.
Zu diesem Zweck werden üblicherweise 6-12 I.E. Altinsulin verwendet
[219, persönliche Mitteilungen].

Die Bodybuilder, die Altinsulin in Kombination mit Depotinsulin
nach dem »Basis-Bolus-Konzept« verwenden, nehmen zwischen 20 und
40 I.E. pro Tag [220]. Philipps [220] gibt dazu ein Anwendungsbeispiel eines
Topathleten: Morgens 15 I.E. Depot-Insulin zusammen mit 5 I.E. Altinsulin
vor dem Frühstück, 6 Stunden später 10 I.E. Altinsulin vor einer
Mahlzeit und weitere 6 Stunden später vor dem Essen erneut 10 I.E. Altinsulin,
so daß die gesamte Tagesdosierung 40 I.E. beträgt. Die Einnahme
wird dabei meist kurz gehalten (3-4 Wochen) [persönliche Mitteilungen]
Da Insulin, wie bereits erwähnt, nicht nur protein-anabol wirkt, sondern
auch die Fetteinlagerung im Körper fördert, nehmen einige Bodybuilder
gleichzeitig ein oder mehrere Medikamente ein, die die Fettverbrennung
fördern: STH (was für die meisten allerdings zu teuer ist),
Clenbuterol und/oder Schilddrüsenhormone [219,223, persönliche Mitteilungen]. Eine andere Möglichkeit, die mit der Insulingabe verbundene
verstärkte Fettsynthese abzuschwächen, ist die Erhöhung der Insulinsensitivität
im Körper. Dadurch werden die aufgenommenen Kohlenhydrate
zu einem Großteil als Muskelglykogen gespeichert und nicht als Fett.
Um dies zu erreichen, wird entweder Metformin (Glucophage®) eingenommen
[persönliche Mitteilungen], oder es wird Altinsulin direkt nach
dem Training appliziert, wenn die Insulinsensitivität in der gerade trainierten
Muskulatur besonders hoch ist [219, persönliche Mitteilungen].
Metformin ist ein Biguanid, daß bei Typ II-Diabetikern eingesetzt wird.
Es verzögert die Glucoseaufnahme im Magen-Darmtrakt, hemmt die
Glukoneogenese (Zuckerneubildung) in der Leber und erhöht die Glukoseaufnahme
in die Muskulatur [32]. Die übliche Dosierung, die Bodybuilder
verwenden, deckt sich mit der therapeutischen und liegt bei
1500-2000mg pro Tag, aufgeteilt auf zwei oder drei Einnahmen [persönliche
Mitteilungen].
Bezüglich der Wirksamkeit von Insulin zum Muskelaufbau gibt es unterschiedliche
Meinungen: Während die persönlichen Mitteilungen dem
Autor gegenüber eher verhalten ausfielen, ist in der Untergrundliteratur
zu lesen, daß nahezu 10kg mehr Muskeln in sechs Wochen möglich seien
[219]. Philipps [220] glaubt, daß Insulin einen großen Einfluß insbesondere
auf das Wettkampfbodybuilding habe. Besonders die Glykogensuperkompensation
(vermehrte Glykogenspeicherung in der Muskulatur
über das Normalmaß hinaus), die Bodybuilder vor einem Wettkampf
anstreben, solle durch Insulin dramatisch verbessert werden. Außerdem
erwähnenswert ist, daß die Athleten bei einer Insulineinnahme oft von
einem überproportionalen Kraftzuwachs berichten [persönliche Mitteilungen].
Warum Insulin gerade zusammen mit STH bei Athleten gute Ergebnisse
bringen soll, ist nicht vollständig geklärt. Vermutlich wirkt es der
insulinantagonistischen Wirkung von Wachstumshormon entgegen. Eine
andere mögliche Erklärung ist, daß durch die anti-katabolen Eigenschaften
dieses Hormons die Bindungsproteine der Wachstumsfaktoren,
die von der Leber unter STH-Einfluß gebildet werden, länger stabil bleiben
und damit dem vorzeitigen Abbau dieser Substanzen entgegengewirkt
wird.

Gefahren und Nebenwirkungen

Der Gebrauch von Insulin durch Bodybuilder birgt erhebliche Gefahren:

Durch Überdosierung ist eine Hypoglykämie (Unterzuckerung) möglich,
eventuell sogar ein hypoglykämisches Koma oder im Extremfall der Tod.
Denkbar ist auch die Entwicklung eines späteren Diabetes mellitus. Auf
diese Gefahren wird auch in der Untergrundliteratur hingewiesen und
es wird dort vor dem Gebrauch von Insulin gewarnt [206, 219, 220, 222,
223, 255]. Grunding und Bachmann [239] berichten von zwei deutschen
Bodybuildern, die durch Insulininjektionen in ein mehrwöchiges Koma
fielen. In der medizinischen Literatur wird von einem Fall berichtet, in
dem ein Bodybuilder nach mehreren Insulininjektionen eine schwere
Unterzuckerung entwickelte, die notfallmedizinisch behandelt werden
mußte [167].
DiPasquale [222] verweist außerdem darauf, daß bei längerem Gebrauch
von Insulin der Körper die gegenregulatorischen Hormone Glukagon
und Adrenalin, die den Blutzuckerspiegel wieder anheben, vermindert
ausschüttet. Dadurch würden sich Unterzuckerungen nicht
mehr mit den üblichen Warnsymptomen wie Zittern, Nervosität und
Schweißausbrüchen ankündigen; der Athlet könne so noch leichter in einen
hypoglykämischen Schock geraten.

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