Hormone 6

Sexualhormone und Fortpflanzung

Der schönste Moment ist nicht das Setzen der Banderillas oder das Cuarto de la Muerte. Das Schönste ist der Augenblick, wenn der Stier in die Sonne der Arena trabt und geblendet stehenbleibt.

Fünftausend Menschen halten den Atem an und starren auf den schwarzen Kampfstier, der unentschlossen mit dem Huf im Sande scharrt. Es herrscht völlige Stille. Nur ein Kind weint. Aus der Richtung der niedrigen Sonne fegt ein kühler Windstoß über den Platz. Der Matador fühlt die Augen der Frau auf sich. Ohne hinzusehen, rückt er an seiner Mütze und nimmt die Schultern zurück. Dann geht er mit gestelzten Schritten auf den Stier los . . .

Und dieser Augenblick ist so schön, weil in ihm so viel Bedeutung liegt, so viel Kraft und Schönheit. Männliches und weibliches Prinzip — vive la diff8rence! Wenige nur sind sich in diesem Augenblick bewußt, was dahintersteckt — hinter den 600 Kilogramm geballter Kraft, der Geste des Toreros, hinter der Frau mit dem blauschwarzen Haar unter der Mantilla. Wenn man nachdächte, wahrscheinlich käme man auf Hormone. Aber wieviel haben sie damit zu tun?

Die Antwort darauf ist eine lange Geschichte — die Geschichte der »Difference«. Sie beginnt 300 Millionen Jahre vor Christus. Einige Würmer, Schnecken und seltene Fische haben sich aus jener Zeit zu uns herübergerettet und lassen ahnen, wie es damals war, als es den Unterschied noch nicht gab, der so viel Schwung in die Welt bringen sollte und so viel Brillanz, so viel Leid, aber auch so viel Liebe.

Damals war man ein Zwitter und lebte vor sich hin, wie man unter so freudlosen Bedingungen eben leben kann, beobachtete höchstens Futterbedingungen und Regenfall, vielleicht auch ein wenig die Außentemperatur . .. Irgendwo im Hirn saß währenddessen ein Anhängsel, die Hypophyse, und sammelte all diese Nachrichten, und wenn ihr die Jahreszeit, der Laichplatz und manch anderes recht schien, sandte sie winzige Spuren von zwei Eiweiß-Hormonen aus, den Gonadotropinen, die die Ur-Keimzellen dieser Tiere mobilisierten. Und wenn die Keimzellen in das umgebende Wasser oder die Erde ausgeschieden und vielleicht befruchtet und vielleicht nicht von ihren Eltern gefressen worden waren, dann ergaben sie zusammen vielleicht ein neues Tier. Ein Tier, das dem Zufall entsprang. Zu viele »Vielleicht« beschränkten die phylogenetische Entwicklung. Mit fortschreitender Evolution stiegen die Ansprüche des befruchteten Eies. Ein differenzierterer Embryo bedurfte zur Entwicklung eines besseren Schutzes und mehr Nahrung. Außerdem benötigte jedes Individuum einen selektiveren Zugang zu fremdem Erbgut, um neue Formen des Lebens entwickeln zu können. Man wollte sich den besten vorhandenen Partner aussuchen. So erfand die Natur die Zweiteilung, die Trennung von männlichem und weiblichem Prinzip. Hier konnte sich jeder Teil spezialisieren — der männliche auf Schutz und der weibliche auf die Ernährung und Pflege des Nachwuchses. Das bedeutete gewaltige Umwälzungen. Der schwierige Auftrag, den die Evolution den Tieren erteilte, die sich weiter entwickeln wollten, lautete konkret: Körperliche Trennung der in jedem Individuum vorhandenen potentiellen weiblichen und männlichen Eigenschaften zum Zwecke ihrer Betonung in einer ersten Phase. Eine zweite Phase sollte der Wiederannäherung dienen, und zwar unter dem Gesichtspunkt einer der Evolution dienenden Partnerwahl, der Befruchtung.

Und eine Synthese des weiblichen und männlichen Prinzips in einer zur Aufzucht am besten geeigneten Form in der dritten Phase.

Das war ein großer Auftrag, den die Gonadotropine, die ja bisher nur Keimzellen auf Befehl des Gehirns zum Reifen gebracht hatten, nicht ausführen konnten. Für diese ungeheuren Änderungen im Körper brauchten sie die Hilfe von Stoffen, die die bisher neutralen Körperzellen dazu bringen konnten, ihre vorprogrammierten Ziele zugunsten der neuen Aufgaben zu ändern. Dies konnte nur durch relativ komplizierte, flache Moleküle erreicht werden, die wir heute Steroid-Hormone nennen. Sie standen jenen primitiven Lebewesen in großer Zahl zur Verfügung, und aus ihnen suchte sich die Natur zwei Gruppen aus, die bisher schon unter dem Oberbefehl der Gonadotropine die primitiven Ausführungsvorgänge, die sogenannten Wolffschen bzw. Müllerschen Gänge, zum Transport der Keimzellen vorbereitet und bei der Reifung der Keimzellen geholfen hatten: Die Gruppe, die die Vermännlichung durchführen sollte, wird heute androgen und jene, die die Verweiblichung durchführen sollte, wird östrogen genannt (s. Abb. S. 66).

Beide wurden durch diesen Auftrag zu den Sexualhormonen, wobei man sich vor Augen halten muß, daß sie trotz dieses Namens weder mit dem Ei noch mit den Spermien in direktem Zusammenhang stehen. Der schwierige Trick bestand zunächst darin, die Trennung von männlich und weiblich zu bewerkstelligen, d. h. eine befruchtete neutrale Eizelle in eine Richtung zu stoßen, in der sie sich in polar entgegengesetzte Formen entwickelte. Denn von Natur aus waren ja alle befruchteten Eizellen gleich und wollten gleiche Tiere produzieren. Dazu gehörte ein Gleichgewicht an androgenen und östrogenen Hormonen. Aber gleiche Mengen von Androgenen und Ostrogenen hätten sich neutralisiert, hätten nicht das Spannungsfeld erzeugt, nicht die Polarität, in der unser Leben verläuft. Es galt also zuerst ein Ungleichgewicht zu erzeugen — sowohl an Steroiden als auch an Organen, auf die sie wirken sollten; denn jedes Hormon braucht sein Zielorgan.

Die Lösung, die die Natur erdachte, war brillant. Sie bediente sich dazu der Chromosomen. Die kleinen, paarigen Stäbchen, im Kern einer jeden Zelle, die bestimmen, ob ein Kind blaue oder braune Augen bekommt oder einen Klumpfuß, kennen wir noch aus dem Biologieunterricht. Beim Menschen sind es 23 Paare von je 2 Chromosomen. Bei der Befruchtung schließen sich immer ein Chromosom der Eizelle mit je einem der Samenzelle zu 23 neuen Paaren zusammen. Diese Chromosomenpaare nennt man die X-Chromosomen (s. Abb. S. 67). Es scheint nun, daß vor etwa 200-300 Millionen Jahren (oder waren es 500?) ein neues, kleines Chromosom aufgetaucht ist, das man Y-Chromosom nennt und das bei einigen Zellen eines der X-Chromosomen ersetzt hat, so daß das entsprechende »Paar« von dann ab aus XY bestand. Nun hing es rein vom Zufall ab, ob sich aus einer Zelle mit den Chromosomen XX bei der Befruchtung einer Zelle mit den Chromosomen XY eine befruchtete Zelle mit dem Paar XX oder dem Paar XY bildete. Das Y-Chromosom (oder vielleicht auch das Fehlen des zweiten X-Chromosoms) bewirkte eine Beschleunigung der Androgen-Produktion. Schon 4 Wochen nach der Befruchtung (bevor sich noch die weiblichen Sexualhormone bilden konnten) wird in XY-Organismen männliches Hormon in der Form von Testosteron gebildet. Damit ist die Schlacht gewonnen!

 

 

Im Handstreich bringt Testosteron die Müllerschen Gänge (die etwas später weibliche Organe und Hormone hergestellt hätten) zum Verkümmern. Von ihnen sind beim Mann später nur Spuren nachzuweisen. Statt dessen werden die Wolffschen Gänge und die Kloake zum Wachstum angeregt: Durch Ostrogen nicht gehemmt, entstehen jetzt typisch männliche Geschlechtsteile, die beim Zwitter noch nicht ausgeprägt waren. Da auch die Hemmung der Testosteron-Produktion durch Ostrogen fortfällt, ist auch der absolute Hormonspiegel im Blut höher als beim Zwitter. Zusätzlich werden die Zielorgane sensibilisiert, so daß sie später in der Pubertät bevorzugt auf die gleichen androgenen Hormone ansprechen. Außer den primären und sekundären Geschlechtsorganen sind es der Körperbau und besonders das Gehirn, die sensibilisiert werden. Das Gehirn ist schon bei der Geburt so unwiderruflich männlich geformt, daß das verschiedene Verhalten von Jungen und Mädchen beim Spielen nur zum kleinen Teil durch Umwelteinflüsse erklärt werden kann. Die neueste Forschung glaubt, daß die »Verlötung« der einzelnen Hirnzellen untereinander schon beim Embryo durch Testosteron so festgelegt ist, daß auch spätere, selbst massive Dosen von weiblichen Hormonen keinen verweiblichenden psychischen Effekt mehr auslösen können. Das Umgekehrte findet statt, wenn zwei X-Chromosomen sich in der befruchteten Zelle zusammenfinden: In der achten Woche bilden sich die Östrogene und lassen die Wolffschen Gänge verkümmern, von denen nur Reste bei der Frau zu finden sind. Statt dessen regen die Ostrogene — ungehemmt durch Testosteron — die Müllerschen Gänge dazu an, die weiblichen Geschlechtsteile auszubauen, bis schließlich ein weiblicher Embryo entsteht. Auch hier wieder die Erhöhung der eigenen Hormonproduktion und die Ausbildung von Zielorganen wie Brustdrüsen und Uterusschleimhaut, die später in der Pubertät auf größere Mengen weiblicher Sexualhormone ansprechen werden.

Die Polarisierung in der ersten Phase bewirkt also eine Erhöhung des betreffenden Hormon-Blutspiegels, eine Hemmung des konträren Hormons, die Ausbildung von geschlechtsspezifischen Organen und die Sensibilisierung dieser und anderer Organe gegenüber seiner eigenen Wirkung.

In Wirklichkeit verläuft die Sache natürlich komplizierter. Aber das Prinzip bleibt bestehen, daß eine geringe zeitliche Verschiebung der Steroidproduktion der Schneeball ist, der die Lawine der Ungleichheit ins Rollen bringt. Es klingt unglaublich simpel und wird doch mit der äußersten Sparsamkeit an Kräften durchgeführt. Und die Fälle, wo das irgendwie nicht geklappt hat, das sind dann die Hermaphroditen. Nachdem die Steroidhormone die Aufgabe der Trennung gelöst hatten, machten sie sich in einer zweiten daran, die Vereinigung mit dem anderen Geschlecht unter den erwähnten Gesichtspunkten vorzubereiten — diesmal ganz ohne die Mitwirkung der Chromosomen.

Die zur Befruchtung notwendigen Geschlechtsteile, sensibilisiert wie sie sind, werden in der Pubertät durch Testosteron bzw. Ostrogen zur völligen Reife gebracht. Man könnte dies die sexuelle Wirkung der Steroidhormone nennen. Die für die evolutiv wichtige Partnerwahl resultierende Schwierigkeit, daß sich nämlich zwei absichtlich wesensfremd gemachte Individuen für eine Befruchtung wieder anziehend finden müssen, wird wieder durch die Sexualhormone elegant gelöst: Sie sensibilisieren während der Pubertät, wenn sich durch die sexuelle Wirkung Behaarung und Stimme ändern und die berühmten Rundungen bilden, die vorprogrammierten Gehirne zusätzlich so, daß plötzlich das, was das konträre Hormon geschaffen hat, als schön empfunden wird. über Nacht werden aus dem »Raufbold« und der »dummen Pute« plötzlich Romeo und Julia, ohne daß sich für den neutralen Beobachter etwas geändert hätte. Hier handelt es sich nicht um eine sexuelle, sondern eher um eine cerebrale Wirkung.

Die Weisheit des arabischen Sprichworts, daß »die Schönheit im Auge des Betrachters liegt«, wird offenbar. Aber das ist nicht nur beim Menschen so, sondern im ganzen Tierreich, und überall verläuft es nach gleichen Gesetzen, schafft Schönheit und Bewunderung. Schon mancher wird sich gefragt haben, wieso sich das Empfinden für Schönheit in der ganzen Wirbeltierreihe so einheitlich geformt hat: Das ist verwunderlich und reizt zum Nachdenken, denn es ist ja nicht so ganz selbstverständlich, daß wir auch das schön finden, was Androgene und Östrogene beim Tier hervorrufen. Warum sollten dem Menschen eigentlich das herrliche Rad des Pfaus oder das Hochzeitskleid des Flammenwebers oder ‘die Anmut des Rehs gefallen? Und doch werden sie auch vom Menschen als schön empfunden. Aber vielleicht ist das nicht so verwunderlich, wenn man bedenkt, daß alle diese Veränderungen durch die gleichen Steroidhormone hervorgerufen werden, für die auch der Mensch sensibilisiert ist.

Allerdings deckt sich das Schönheitsideal nicht in allen Fällen. Es gibt da nämlich noch eine andere, sehr seltsame Hormon-Werbung, die nicht auf dem Umweg über die eigene »Schönheit« auf den Partner wirkt, sondern direkt, womöglich über größere Entfernungen. Man nennt solche Hormone mit Fernwirkung auch Pheromone. Die bekanntesten sind jene, die Schmetterlinge über weite Entfernungen anziehen. Unter den Steroiden gibt es nur ganz wenige Pheromone, und deshalb sollen sie erwähnt werden. Vor hundert Jahren beobachtete Louis Agassiz, daß weibliche Krebse, die während ihrer Häutung einige Tage hilflos sind, von männlichen Krebsen umklammert und vor Feinden geschützt werden. Ryan fand 1964, daß der Grund, der die männlichen Krebse anlockt und zu diesem Verhalten stimuliert, nicht das Aussehen des Weibchens ist, sondern ein Steroidhormon (ein Pheromon), das die Weibchen zu dieser Zeit mit dem Urin ausscheiden und das direkt auf das Gehirn der Männchen wirkt.

Ein anderes Beispiel einer nicht nachempfindbaren Schönheit ist der Duft von A -16-Androsten, das Schweineeber durch die Speicheldrüsen nach außen absondern und dessen moschusartiger Geruch die Sauen deckwillig machen soll. Nach dem Gesagten ist über die dritte Phase nicht mehr viel auszuführen. Der Schutz durch den Mann und die Pflege durch die Frau wird durch Eigenschaften gesichert, die gleichzeitig der Annäherung dienen: Die Größe des Mannes, seine Aggressivität und seine Stärke sind Folgen einer Testosteron-Wirkung auf das Gehirn und die Muskeln. Auf der anderen Seite sind Pflegebereitschaft, die Entwicklung der Brustdrüsen und ein Fettpolster »für den Fall der Not« auf die Wirkung von weiblichen Sexualhormonen zurückzuführen.

Wir müssen hier einen Augenblick innehalten, um uns darüber klarzuwerden, welches technische, aber auch konzeptionelle Meisterwerk die Natur mit der Sexualisierung geschaffen hat. Sie hat aus einem Individuum zwei räumlich getrennte Wesen geschaffen, die einander bedürfen, um ihr Fortbestehen zu garantieren. Und sie hat das Wunder mit einem Minimum an Aufwand erreicht, allein durch die geschickte Manipulierung von einigen Komponenten, deren Reste ohne Ausnahme auch heute noch als Grundausstattung vorhanden sind: Jeder Mann hat noch Spuren von weiblichen Hormonen, und umgekehrt hat die Frau Testosteron im Blut. Beide Geschlechter reagieren auf FSH und LH, und beide haben noch Reste der Müllerschen bzw. Wolffschen Gänge in sich.

Wenn man die Bilanz dieser hypothetischen Entwicklung zieht, so bleibt festzustellen, daß zwar die Chromosomen den Anstoß für die Sexualisierung gegeben, aber zu deren spezifischer Ausprägung nichts beigetragen haben: Sie bestimmen also nicht den Unterschied zwischen den Geschlechtern. Dasselbe trifft auf die Gonadotropine zu. Sie sind bei beiden Geschlechtern in gleichem Ausmaß vorhanden, wenn auch der Rhythmus ihrer Produktion unterschiedlich ist. Auf keinen Fall aber beeinflussen sie das verschiedene Aussehen von Mann und Frau. Das bedeutet, daß »la difference « allein von den Steroidhormonen hervorgerufen wird.

Von den praktischen Erfahrungen der griechischen Bauern und den Experimenten von Berthold bis zu dieser Erkenntnis ist es ein langer Weg gewesen. Zuerst war es die Empirie, die auf das Vorhandensein von Sexualhormonen hinwies, dann die Vermutung und endlich der Beweis im Jahre 1929. Das ist nun fast 50 Jahre her. Butenandt lebt und arbeitet noch. Weil er damals so wahnsinnig jung war, als ihm die Tat gelang. Nur wenige Menschen haben das Glück, miterleben zu dürfen, was aus ihrer Arbeit geworden ist. Man möchte sie kennenlernen.

Ich habe noch Zeit bis zur Begegnung und halte den Wagen an dem kleinen Kirchhof an, der am Wege zum Max-Planck-Institut liegt. Martinsried wird von der kräftigen Frühjahrssonne beschienen, aber der Wind ist noch frisch, selbst für April. Zwischen den ruhigen, etwas altmodischen Grabsteinen liegt das Grab eines Soldaten, der in jenem Jahr geboren ist. Revolutionen hat es seitdem gegeben und Kriege, aber auf die Dauer wird die Entwicklung des Jahres 1929 schwerer wiegen. Später sehe ich die bizarren Würfel des Instituts in der oberbayrischen Landschaft. Butenandt ist erst nach einigem Suchen zu finden. »Der Professor? Da nehmen Sie am besten den Gang geradeaus . . .« Der Pförtner kratzt sich am Kopf und entscheidet dann anders. »Nein, versuchen Sie es im ersten Stock, Gebäude D.« Schließlich ist es doch im Erdgeschoß.

Der Eindruck eines freundlichen Patriarchats bleibt in den langen Gängen bestehen, die von kleinen Labors und Büros eingesäumt sind. Im letzten von ihnen sitzt ein hochgewachsener Mann mit weißem Haar. Eine Narbe am Kinn. Selbst wenn man nicht wüßte, daß man einen der Granden dieser Erde vor sich hat, den Entdekker des Follikelhormons, des Androsterons, des Progesterons, des Ecdysons, einen Nobelpreisträger, Ritter des Ordens pour le merite, Ehrenpräsident aller Max- Planck-Institute, so fühlte man dennoch — das muß Adolf Butenandt sein.

Er sitzt in der Morgensonne, raucht mit Genuß seine Zigarette und erzählt davon, wie es zur Entdeckung des Follikelhormons kam, erzählt mit Begeisterung und ohne Melancholie von den Jahren, an die man sich im Leben am besten erinnert, weil sie noch voller Illusionen sind. Die Atmosphäre am Chemischen Institut in Göttingen wird wieder lebendig, wo mönchische Zuwendung zur Arbeit mit Ausflügen in den Harz abwechselte und oft mit einem Glas Wein beim Chef endete. Butenandt erzählt von dem schicksalsschweren Tag, an dem ihn Windaus in sein Zimmer rief, um ihm die Erforschung der Sexualhormone zu übertragen, ohne damals noch zu wissen, daß es Steroide waren. Der Auftrag kam von einer Arzneimittelfirma, und die Tatsache, daß er nach Göttingen erging, war nichts als ein glücklicher Zufall. Windaus, der mit dem Cholesterinproblem beschäftigt war, gab den Auftrag an seinen jungen Assistenten weiter.

Immer wieder sucht Butenandt nach dem rechten Wort, um seinem Lehrer gerecht zu werden, um seine Dankbarkeit und Verehrung für dessen Großzügigkeit auszudrücken. Und auch für die Verdienste seiner eigenen Mitarbeiter bei der Entdeckung des Follikelhormons. Darin besteht die echte Größe dieses Mannes — in seiner Menschlichkeit, seiner Anständigkeit.

Wir sprechen darüber, wie es zur Entdeckung der Sexualhormone kam. Wie Berthold 1849 seine Hodenverpflanzung vorgenommen hatte, Knauer und Halban um die Jahrhundertwende Eierstöcke von Kaninchen bzw. Meerschweinchen verpflanzten und dabei ähnliche Einflüsse auf die Vagina entdeckten, wie Berthold sie zum Hahnenkamm gefunden hatte. Wie sie sicher gewesen waren, daß es neben den männlichen Hormonen entsprechende weibliche gab und diese in den Ovarien enthalten sein mußten. Später hatte man ihre Spuren auch in der menschlichen Placenta gefunden. Im Blut dagegen oder im Urin schienen sie kaum enthalten zu sein. Wir sprechen darüber, wie die folgenden 20 Jahre mit vergeblichen Versuchen verbracht wurden, aus diesen Organen wirkungsvolle Extrakte herzustellen — aus dem gleichen Grunde, der auch Windaus beim Vitamin D so lange aufgehalten hatte:

Weil es keine schnelle Methode gab, festzustellen, ob in irgendeinem Extrakt das hypothetische Hormon überhaupt vorhanden war.

Damals hörte der Biochemiker Edward Doisy während eines Aufenthaltes in Washington von seinem Freund, dem Anatomen Edgar Allen, daß möglicherweise die Maus die Antwort geben könnte. Beide arbeiteten zusammen einen Test aus, der heute noch unersetzlich und als Allen-Doisy-Test bekannt ist. Er bestand darin, die zu untersuchende Substanz einer Maus einzuspritzen und daraufhin ihre Vaginalzellen zu untersuchen. Dadurch konnte noch 1110000stel eines Milligrammes eines Ostrogens nachgewiesen werden Damit hatte man noch nicht das Hormon gefunden, aber man konnte sagen, in welchen Extrakten und in welcher Stärke es darin vorhanden war. Langsam und unerbittlich begann man es einzukreisen. Die größte Schwierigkeit bereiteten die bis dahin unvorstellbar geringen Mengen, mit denen man arbeiten mußte, um das Hormon zu isolieren. Die Forscher arbeiteten zum Teil mit Organen, die nur 10 Mäuseeinheiten pro Kilogramm Substanz enthielten, das heißt: 1 Teil Hormon befand sich unter 1 Milliarde von Teilen, die nicht dazugehörten! Wie sollte man es davon trennen? Die entscheidende Wende kam, als Aschheim und Zondek 1927 in Berlin fanden, daß große Mengen des gesuchten Hormons im Harn schwangerer Frauen zu finden waren. Ein besonders glücklicher Umstand, da sich Urin nicht nur billig und in unbegrenzten Mengen beschaffen ließ, sondern auch keine störenden Beiprodukte wie Eiweiß oder Gewebe enthielt, die die Bearbeitung der Ovarien beträchtlich erschwert hätten. Kaum war diese Tatsache bekannt, so begann das internationale Rennen auf beiden Seiten des Atlantischen Ozeans. Drüben war es hauptsächlich Doisy mit seinen Mitarbeitern, in Europa hingegen eine lange Reihe von Forschern mit jahrelanger Erfahrung, Laqueur, Aschheim, Löwe, Zondek und viele andere, die die Isolierung versuchten. Keiner kannte damals noch Butenandt, den Windaus gerade erst mit dieser Aufgabe betraut hatte.

Doisy, mit seiner größeren Erfahrung, gewann das Rennen um Kopfeslänge. Am 23. August 1929 zeigt er während eines Vortrages vor dem Internationalen Physiologie- Kongreß die ersten zwei Aufnahmen eines kristallisierten Steroidhormons.

 

Die Menge, die Doisy gewonnen hatte, wog 1,39 Milligramm. Wenige Monate später konnte der bis dahin unbekannte Adolf Butenandt ebenfalls über die Isolierung des Follikelhormons berichten — nach nur anderthalbjähriger Zusammenarbeit mit seiner späteren Frau Erika von Ziegner. Der 26jährige Butenandt ahnte schon damals die Konstitution: In seiner ersten Veröffentlichung weist er darauf hin, daß es sich bei diesem neuen Stoff wahrscheinlich um ein Steroid handelt — die Verwandtschaft mit Digitalis ist ihm klar. Aber noch kann er es nicht beweisen. Die Struktur dieses Hormons, das man Ostron nennt, stellte sich später wie folgt heraus:

falsch aufgestellt worden war und die Butenandt damals kritisiert hatte — aus ästhetischen Gründen! »Ich nahm Anstoß an der sonderbaren Ecke des B-Rings. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, daß die Natur nicht ästhetischer sein sollte.« Ein sonderbarer Grund für einen Wissenschaftler, der nur Zweckmäßigkeit als Maßstab gelten lassen sollte. Und dann sehe ich die Erklärung: Zweckmäßigkeit der Natur als Ästhetik zu empfinden — das ist Genie. Alles andere ist Fleiß, Begabung, Glück. Jeder von uns kann die innere Notwendigkeit eines Kristalls oder eines Sonnenuntergangs als ästhetisch empfinden, aber die nur einzig mögliche Konstellation eines Steranmoleküls als schön zu empfinden, dazu gehört mehr. Während Doisy nach anderen Ostrogenen sucht und später auch die Identität des Vitamins K aufklären wird (wofür er den Nobelpreis erhält), wendet sich Butenandt jetzt dem männlichen Hormon zu. Und wieder hilft ihm dabei ein Test zur Identifizierung — der Hahnenkammtest von Koch:

Wird ein kastrierter Hahn, dessen Kamm zurückgebildet ist, für zwei Wochen mit einem Extrakt behandelt, der das unbekannte männliche Sexualhormon enthält, dann vergrößert sich die Oberfläche des Kammes und der Schnabellappen bis auf das Sechsfache (s. Abb. S. 74). Diesmal wendet sich Butenandt gleich dem Urin als Ausgangsprodukt zu. Die notwendigen Mengen beschafft er aus Polizeikasernen von Berlin bis zum Balkan. Tscherning hilft ihm bei der Arbeit. Aus 15 000 Litern gelingt es Butenandt schließlich, 15 Milligramm eines männlichen Hormons zu isolieren, das er Andosteron nennt. Man schreibt das Jahr 1931. Butenandt befaßt sich mit der Struktur dieses Hormons und kommt zu dem Schluß, daß er auf Grund eines damals ganz ungeheuer erscheinenden Zufalls schon wieder auf ein Steroid gestoßen ist:

er schon eine Formel vor, die erst viele Jahre später als richtig bewiesen werden kann, wenn man genügende Mengen zur Strukturaufklärung zur Verfügung haben wird. Aber Butenandt hat seine Suche noch nicht beendet. Er versucht die Isolierung eines weiteren weiblichen Hormons, das sich in seiner Wirkung vom Ostrogen unterscheiden soll. Die Amerikaner nennen es Progestin. Aber die Untersuchung des Urins ergibt enttäuschenderweise nur unwirksame Abbauprodukte. Auch im Blut ist nicht genügend aktive Substanz vorhanden. So geht also Butenandt an die schwierige Arbeit, das fehlende Hormon aus Schweineovarien zu isolieren. Aber er ist nicht der einzige. Das Problem wurde inzwischen auf der ganzen Welt erkannt, und überall arbeitet man fieberhaft an der Isolierung des Hormons, das im Gelbkörper der Ovarien enthalten sein soll. Der Test, der diesmal die Suche ermöglicht, war wieder von zwei Amerikanern entdeckt worden — Comer und Allen. Drei Jahre lang arbeiten die Hormonlaboratorien in Europa und Amerika an dieser Aufgabe, und es mutet ganz unwahrscheinlich an, daß sich der Erfolg noch einmal Butenandt zuwenden sollte. Er schildert lebendig, wie er im Herbst 1933 als frisch gebackener Professor von Göttingen nach Danzig kommt, mit 30 Jahren ältester einer Forschungsgruppe, die aus jungen Assistenten und Studenten besteht. Nur die ovarienlosen Mäuse, die sie aus Göttingen mitgebracht hatten, war noch jünger. Es muß eine unvergeßliche Zeit für Butenandt und seine Gruppe gewesen sein, als sie nach morgendlichen Ritten in den Kiefernwäldern der Küste die Tage im Wettkampf gegen die besten Biochemiker der Welt verbrachten und abends mit einem Bad in der kalten Ostsee beendeten. Im März 1934 sehen er und sein Assistent Westphal, wie sich im Hals einer Retorte glitzernde Kristalle bilden. »Ein Anblick, für den wir bereit waren, 1000 Tage unseres Lebens hinzugeben!« Am 11. April berichten sie der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin, daß sie das gesuchte Gelbkörperhormon gefunden haben. Im gleichen Jahr isolieren Slotta in Breslau, Allen und Wintersteiner in den USA und Hartmann und Wettstein in der Schweiz dasselbe Hormon. Bei einer Konferenz aller Beteiligten in London wird es Progesteron genannt.

Die größte Menge, die Butenandt davon je in Händen gehalten hat, waren 20 Milligramm, und dazu hat er die Ovarien von 20 000 Schweinen gebraucht! Er sieht, daß für therapeutische Zwecke eine Gewinnung auf diesem Wege aussichtslos ist, und zeigt einen Weg, wie das Hormon aus Sojabohnenöl gewonnen werden kann. Wir werden später sehen, welche Bedeutung dieser Erkenntnis zukommt. Und dann folgt im Jahre 1935 die Entdeckung des letzten großen Sexualhormons, des Testosterons. Lange hatte man Androsteron für das eigentliche männliche Keimdrüsenhormon gehalten, bis Laqueur und seine Mitarbeiter in Amsterdam das noch stärkere Testosteron abspalten konnten. Innerhalb von drei Monaten haben sie zusammen mit Ruzicka in der Schweiz und Butenandt in Danzig die Konstitution aufgeklärt.

 

 

1939 erhält Butenandt für seine Arbeiten den Nobelpreis, den ihm die deutsche Regierung anzunehmen verbietet. Später, als der Krieg vorbei ist, wird ihm dann die Urkunde mit gewöhnlicher Post zugestellt — aber das Geld bleibt in Stockholm. Der erste große Akt der Steroidforschung ist zu Ende. Seine Akteure waren Kometen am Himmel der Wissenschaft. Ihr Thema: der Felsuntergrund, auf dem unser Leben ruht.

Jetzt konnte man beginnen, ihn zu vermessen. Die Folgen dieser Entdeckungen waren unübersehbar. Sie beschränkten sich nicht auf den naturwissenschaftlichen Bereich, sondern haben viel mehr, als wir vielleicht ahnen, unser weltanschauliches Bild beeinflußt. Zwar hatte Darwin eine stammesgeschichtliche Verwandtschaft mit dem Tier bewiesen, doch schloß dies eine Sonderstellung des Menschen, ein Über-sich-Hinauswachsen nicht aus. Nun lagen auf einmal sichtbare, glitzernde Kristalle vor uns, die wir nicht nur mit den Tieren gemeinsam hatten, sondern die auch unser Verhalten und Denken steuern sollten — als ob wir nicht einzelne, individuelle Wesen wären. Das muß einen Schock erzeugt haben, der darum nicht geringer war, weil er nur langsam in das Bewußtsein der Menschen eindrang. Nachdem die Erde seit Kopernikus ihre Einmaligkeit verloren hatte, war es jetzt die Spezies Mensch, ja sogar die Individualität, die in Frage gestellt wurde. Zugegebenerweise war man von philosophischer Seite her diesen Schritt schon längst gegangen, aber der Beweis hatte gefehlt, um ihm zum Durchbruch zu verhelfen. Man muß sich fragen, ob das Interesse, das existentialistische Strömungen in unserer Zeit gefunden haben, nicht durch diese Entdeckungen der zwanziger und dreißiger Jahre geweckt worden ist, ja inwieweit nicht das gegenwärtige skeptische Weltgefühl der Erkenntnis entspringt, »ein Spielball unserer Hormone und Nerven« zu sein. Es wird geraume Zeit dauern, bis wir diesen zweiten kopernikanischen Schock überwunden haben. Das wird in dem Augenblick geschehen, wenn wir erkennen, daß wir durch diese Entdeckungen gleichzeitig in einem höheren Sinne freier geworden sind.

Sicher, wir sind heute nicht weniger gefangen in dem Bauplan der Natur oder weniger abhängig von der Hand unseres Schöpfers als früher, aber wir haben die großartige Gelegenheit gewonnen, in uns hineinzusehen und ein wenig mehr von uns selbst zu verstehen, als dies je zuvor möglich war. Und in einigen Fällen haben wir sogar die Möglichkeit gewonnen, die Webfehler der Natur auszubessern. Denn in dem Augenblick, in dem die Sexualhormone in Reinsubstanz zur Verfügung standen, war nicht nur der Weg frei zum Verständnis, sondern auch zur Hilfe. Was das Verständnis betraf, so kamen dabei ganz sonderbare Entdeckungen zutage: So fand man zur allgemeinen Überraschung, daß z. B. Testosteron trotz seines Namens (Testes = Hoden) auch in der Nebennierenrinde und in den Ovarien der Frau produziert wird. Man kann sich die Frage kaum verkneifen, welche als typisch »weiblich« oder »männlich« kritisierten Eigenschaften auf diese hormonelle Gemeinsamkeit zurückzuführen sind. Man fand weiter, daß nicht nur offensichtlich männliche Merkmale wie der Kamm des Molches oder das Schnabelpigment der Vögel von Testosteron geprägt werden, sondern auch Verhaltensweisen, die nicht mit der Paarung zusammenhängen: Die soziale Rangleiter von Küken, nach der sie sich hacken dürfen, wird durch Testosteron bestimmt. Behandlung mit diesem Hormon bedingt einen Aufstieg in der Hack-Hierarchie. Ebenfalls ein Feld für Spekulationen!

Trotz dieser Vielfältigkeit lassen sich die Eigenschaften des Testosterons (wenn wir zunächst bei diesem verweilen) in drei Wirkungsgruppen zusammenfassen: Die androgene oder vermännlichende Wirkung, die am meisten ins Auge fällt, die eiweißaufbauende oder anabole Wirkung, die gern therapeutisch verwendet wird, und die hemmende Wirkung auf die Hypophyse.

Die androgene Wirkung wird therapeutisch relativ wenig verwendet: Es gibt bei Knaben eine Entwicklungsstörung, bei der die Hoden auf ihrem entwicklungsgeschichtlichen Weg von der Bauchhöhle in den Hodensack in der Leiste steckengeblieben sind. Wenn Abwarten nichts hilft, versucht man hier zunächst Testosteron, bevor man operiert. Warum das wichtig ist? Einfach weil es in der Leistenbeuge für die Spermatozyten zu warm ist. Um sich zu fruchtbaren Samenzellen zu entwickeln, brauchen sie einen Ort mit einer Temperatur, die etwas unter der des übrigen Körpers liegt. Und Testosteron, neben seinen vielen anderen Aufgaben, sorgt auch noch dafür, daß sie dorthinkommen.

Und dann gibt es Kinder, bei denen infolge der erwähnten Chromosomendefekte die Testosteronproduktion von Anfang an nicht recht angelaufen ist und die daher in die Nähe der Zwitter gerückt sind. Die Namen der Krankheiten sind hier uninteressant, doch stellt der Gebrauch von Androgenen oft die einzig mögliche Therapie dar. Beim normalen erwachsenen Mann ist die Verabreichung von Androgenen im allgemeinen auf die Störung der Libido und der Potenz reduziert, die mit zunehmendem Alter auftreten. Sie kompensiert den allmählichen Ausfall der eigenen Testosteronproduktion.

Eine Testosteronkur stellt oft das geistige und physische Wohlbefinden wieder her, dem leider oft das äußere Erscheinungsbild nicht entspricht. Einen Jungbrunnen gibt es nicht, aber des Menschen Wille ist sein Himmelreich, und die Frage, ob man überhaupt der Natur ins Handwerk pfuschen soll, haben die meisten von uns bereits positiv beantwortet. Auch bei den Fällen von Unfruchtbarkeit, von denen man glaubt, daß sie auf einem solchen Ausfall beruhen, wird Testosteron verwendet. Es sei gleich gesagt, daß es keine dramatischen Erfolge gibt; lange und komplizierte Behandlungen (sowohl beim Mann als auch bei der Frau) sind die Regel, und ihr Erfolg hängt, wie man früher sagte, immer noch ein wenig vom Segen des lieben Gottes ab. Später sagte man »vom Glück«, heute vom »konkomitanten Enzymmuster«. Wahrscheinlich ist alles das gleiche.

Was die anabolen Eigenschaften von Testosteron betrifft, so werden sie schon häufiger therapeutisch in Anspruch genommen: Bei Nierenerkrankungen, Frühgeburten, schlecht heilenden Knochenbrüchen und selbst zum Doping von Sportlern werden Steroide dieser Gruppe verwendet, weil sie den Stoffwechsel günstig beeinflussen. Bei Frauen hat das natürlich den Nachteil, daß Vermännlichung auftritt — Bartwuchs, Stimmbruch und »Geheimratsecken«. Daher ersetzt man Testosteron hier durch andere Steroide. Bei einer Erkrankung allerdings fallen diese Nebenerscheinungen nicht ins Gewicht, und das ist der Krebs. Wir hören noch davon.

Die dritte Wirkung von Testosteron, die Hemmwirkung auf die Hypophyse, wird therapeutisch kaum angewandt. Sie ist aber aus theoretischen Gründen interessant: Wie wir schon beim Vitamin D gesehen haben, sind Steroidhormone in einen Reglermechanismus eingebaut. Die Hemmwirkung der Sexualhormone auf die Hypophyse ist Teil dieses Reglermechanismus

Theoretisch könnte ein solcher Mechanismus beim Testosteron folgendermaß en aussehen: Der Hypothalamus befiehlt z. B. der Hypophyse den Beginn der Pubertät. Das Gonadotropin LH wird ausgeschüttet, welches die Testosteronsekretion anregt. Das Testosteron wiederum baut die Samenblase aus, fördert den Bartwuchs, baut die Muskeln auf usw. Die Erfolgsorgane melden (via Hypothalamus) die Fertigstellung an die Hypophyse: Die Produktion von LH wird eingestellt. Das Testosteron versiegt. So war es beim Vitamin D, wo der Erfolg in den Reglerablauf eingebaut war. Bei den Sexualhormonen aber, mit ihren vielseitigen Wirkungen, ist es unmöglich, alle zeitlich oft differierenden Erfolge zu einer Meldung zu koordinieren. So begnügt sich denn die Hypophyse mit der Meldung über eine Erhöhung des Testosteronspiegels im Blut. Ist diese Meldung anhaltend und stark genug, dann reduziert sie, in der Hoffnung, daß die Arbeit ausgeführt worden ist, die Produktion von LH, worauf die Testosteronproduktion wieder absinkt. Wir müssen uns aber darüber klar sein, daß dies keine echte Erfolgsmeldung ist.

Ähnlich verhält es sich mit den weiblichen Sexualhormonen. Mehr jedoch als die männlichen haben sich die weiblichen Hormone für unser Selbst-Verständnis und für die Therapie als fruchtbar erwiesen. Erst durch ihre Isolierung lernte man die komplexen Aktionen und Interaktionen der verschiedenen weiblichen Hormone zu differenzieren. Man fand, daß Östrogene, von denen das auch beim Mann vorkommende Ostradiol das bekannteste ist, dem Testosteron beim Mann entsprechen, indem sie den Ausbau der Geschlechtsmerkmale bewirken und die Reifung der Keimzellen unterstützen. Man konnte nach der Isolierung zum ersten Mal (im Kontrast zu den Progestagenen) genau die Zielorgane bestimmen, wobei im einzelnen neben dem Gehirn der Uterus, die Vagina und die Brustdrüse erwähnt seien, die alle durch Östrogene in einer spezifischen Form zum Wachstum angeregt werden.

Parallel zum Testosteron zeigt sich auch beim Ostrogen ein anaboler Effekt, der sich besonders beim Knochenwachstum äußert: In der Pubertät schließen sich (nach einem kurzen Schuß in die Länge) die Epiphysenfugen, und das Wachstum wird abgeschlossen. Wie zu erwarten, wirkt auch Ostrogen bremsend auf die Hypophyse, und zwar auf den FSH-Anteil der Gonadotropine. Davon leitet sich das jetzt schon bekannte Rückkopplungsschema ab, bei dem statt der geleisteten Arbeit wiederum nur das Steroid als Signal von der Hypophyse empfangen wird. HYPOTHALAMUS

Man lernte ferner die andere weibliche Hormongruppe, zu welcher als bekanntestes das Progesteron gehört, in ihrer Wirkung zu differenzieren. Sie dient der Vorbereitung der Schwangerschaft, für die es beim Mann keine Parallele gibt: Vorbereitung der Uterusschleimhaut für die Einnistung des Eies, Erhaltung der Schwangerschaft und Verhütung weiterer Eisprünge sind die hauptsächlichsten Aufgaben. Auch hier wieder gibt es Einflüsse auf Leber, Muskeln, Haut und Gehirn . Und zum Schluß findet auch hier wieder die Rückkopplung statt, die sich am Steroidgehalt des Blutes orientiert statt an der erzielten Wirkung .

Endlich lernte man den weiblichen Zyklus, dem bis dahin immer etwas Geheimnisvolles angehaftet hatte, zu verstehen. Man erfuhr, wie das Gonadotropin FSH in der ersten Hälfte des Zyklus nicht nur ein Ei des Ovars zum Wachsen brachte, sondern auch gleichzeitig die Produktion von Ostrogenen anregte, während das Gonadotropin LH in der zweiten Hälfte des Zyklus das Ei reifen ließ und gleichzeitig die Progesteronproduktion ankurbelte, so daß sich für den Zyklus der Frau etwa das folgende Schema ergibt, welches die Ausschüttung der verschiedenen Hormone während eines Monats zeigt :

Hier ist nicht der Ort, ein Kompendium der Behandlung mit weiblichen Sexualhormonen zu schreiben, die durch Gewinnung der Reinsubstanzen möglich geworden ist. Aus der ungeheuren Fülle seien nur die Behandlung des Abortus, der Sterilität, der Dysmenorrhöen und des Klimakteriums genannt, die Millionen Frauen in bedrückenden Situationen Hilfe gebracht hat (s. Abb. S. 85). Die Methodik hat sich so verfeinert, daß man in den letzten Jahren sogar gelernt hat, bei einer noch näher zu beschreibenden Therapie die Medikamente so auszusuchen, daß sie auf das vorherrschende Hormonmuster der Patientin Rücksicht nehmen.

Diese eine Therapie sei näher erwähnt, weil sie der Welt wahrscheinlich die größte biologische Umwälzung seit dem Aussterben der Dinosaurier gebracht hat — die hormonelle Geburtenverhütung!

Um die »Pille« zu verstehen, müssen wir daran denken, wie die Hypophyse sich über die Ausführung der von ihr angeordneten Arbeit orientiert: nur indem sie die im Blut zirkulierenden Steroide mißt. Mit einem Wort — schlampig. Selbst für die ureigenste Aufgabe der Gonadotropine, nämlich die Stimulierung der Keimzellen, besteht kein eigener Meßapparat. Werden die Gonadotropine ausgeschickt, um das Ei zum Reifen zu bringen, und melden sich darauf die Steroide, so wird sofort die Produktion von Gonadotropinen und damit auch die Reifung der Eizellen wieder eingestellt. Man ahnt, welchen Trick man hier der Natur spielen kann. Die ersten Beobachtungen, daß die Einpflanzung von Ovarien Sterilität erzeugt, geht auf Tierärzte zurück, die die Brunft bei Kühen und das Eierlegen bei Hühnern dadurch hinauszögern konnten. Der Innsbrucker Haberlandt schlug daraufhin schon 1921 den entsprechenden Gebrauch beim Menschen vor. Zufällige klinische Beobachtungen bewiesen die Richtigkeit dieser Theorie. Und es wird wohl für immer ein Rätsel bleiben, wieso volle 30 Jahre vergehen mußten, bis dieser Gedanke aufgegriffen wurde.

Der Mann, der den entscheidenden Schritt tat, hieß Gregory Pincus. Den Gedanken, Progestagene zur Sterilisation zu benutzen, hat er nicht als erster gehabt. Den hatten schon Haberlandt im Jahr 1921 und noch viele andere Wissenschaftler. Den Gedanken, die Behandlung jeweils nach 20 Tagen abzubrechen und damit eine künstliche Menstruation zu erreichen, hat er auch nicht als erster gehabt. Den hatte Kaufmann im Jahre 1933. Den Gedanken, die reichen Vorräte an Barbasco zur Herstellung von Progestagenen auszunützen, hat Marker gehabt. Und die verschiedenen Progestagene hat ihm die Firma Searle hergestellt. Aber Pincus hat das Ganze vom Experiment in die tägliche Realität übergeführt. Er hat die Pille hoffähig gemacht, indem er nach Kaufmanns Idee die ersten Versuchspersonen von der Neurasthenie befreite; er hat sie für den Geldbeutel der Frauen von Puerto Rico erschwinglich gemacht, indem er die halbsynthetischen Produkte ausprobierte, die Searle für ihn herstellte. Es begann im Jahre 1953, als er und Chang zeigten, daß zugeführtes Progesteron die Ovulation, d. h. die Abberufung des Eis, bei Kaninchen verhüten kann. Schon damals vermutete er korrekt, diese Wirkung sei auf die Hemmung der Gonadotropine zurückzuführen, da die Hypophyse nicht zwischen ihren eigenen und fremden Progestagenen unterscheiden kann. Dann dehnte er die Versuche auf Menschen aus, was kein Risiko darstellte, da Progesteron schon seit fast 20 Jahren in hohen Dosen therapeutisch verwendet worden war, allerdings hauptsächlich zum gegenteiligen Zweck — der Erhaltung einer bestehenden Schwangerschaft. Zunächst gab Pincus kontinuierlich 300 mg Progesteron an junge Ehefrauen. Doch obwohl sich der erwartete Erfolg einstellte, drohte die daraus resultierende Amenorrhöe, d. h. das Fehlen von Perioden, den Zusammenbruch des Experimentes aus psychologischen Gründen herbeizuführen: Frauen, Ehegatten und Untersucher litten zunehmend unter einer »Amenorrhöe-Psychose«, wie Pincus sie nannte. Da griff er Kaufmanns Idee auf und legte eine fünftägige Pause ein. Heute erscheint dieser Gedanke logisch, weil wir ihn alle kennen, aber damals trug er entscheidend dazu bei, die »Pille« salonfähig zu machen.

 

 

Später probierte Pincus verschiedene synthetische Gestagene aus, d. h. Substanzen mit progesteronähnlicher Wirkung. Eine von ihnen, Norethynodrel, zeigte die gewünschte Wirkung, und 1960 kam die erste Pille auf den Markt, die statt der ursprünglichen 300 Milligramm Progesteron nur 10 Milligramm dieses Progestagens enthielt. Sie enthielt außerdem geringe Mengen eines künstlichen Ostrogens, um den Zyklus möglichst naturgetreu nachzuahmen. Wiederholen wir noch einmal die große Idee der Kontrazeption, die Pincus zu einer sicheren und bewährten Methode ausgebildet hat: Die Gonadotropine, die in regelmäßigen Abständen von der Hirnanhangdrüse ausgesandt werden, um neue Keimzellen zum Reifen zu bringen, sind blind. Sie wissen nicht, ob ihre Anstrengung von Erfolg gekrönt ist. Als Äquivalent akzeptieren sie die Rückmeldung über einen anderen Effekt, den sie ausüben: die Stimulierung der weiblichen Sexualhormone. Steigt deren Spiegel im Blut an, wird die Abberufung der Eizellen eingestellt, gleichgültig ob die Meldung von körpereigenen oder von fremden Hormonen erfolgt. Im Laufe der Zeit wurden drei Arten von »Pillen« entwickelt, die man wenigstens im Prinzip kennen sollte:

Da ist zunächst die von Pincus entwickelte Kombinationsform, bei der während 21 Tagen das Progestagen immer im festen Verhältnis mit einem Ostrogen gegeben

wird. Nach Absetzen am 21. Tag erfolgt dann die Abbruchsblutung, die als Menstruationsblutung empfunden wird.

Später hat man die sogenannten phasischen Präparate entwickelt, bei denen während 16 Tagen der Progesteronanteil niedrig gehalten und erst in den folgenden 7 Tagen auf die Dosis der Kombinationspräparate angehoben wird. Und in den letzten Jahren hat man mit sogenannten Minipillen experimentiert, die niedrige Progesterondosen (ohne Ostrogen) enthalten und ständig eingenommen werden müssen. Hierbei wird die Ovulation (der Eisprung) nicht verhütet, und die Menstruation ist echt. Es ist klar, daß hier der Schutz gegen Befruchtung auf anderen Mechanismen beruht. Man vermutet eine hormonelle Veränderung des Schleims im Gebärmutterhals, die das Sperma nicht eindringen läßt. Alle drei Methoden haben ihre Vor- und Nachteile und dementsprechend ihre Verteidiger und Gegner. Die Weiterentwicklungen sind nicht immer allein wissenschaftlichen Motivierungen gefolgt, sondern oft dem einfachen Bestreben, immer geringere Mengen an Arzneistoffen zu verwenden, wobei die niedrigsten Dosierungen natürlich nur durch extrem aktive Steroide erreicht werden können, so daß der Vorteil diskutabel bleibt. Trotzdem ist der Fortschritt beachtlich: Im Jahre 1951 benutzte Pincus noch 300 mg Progesteron, die er später durch 10 mg Norethynodrel ersetzte. 1961 senkte Searle die Dosis auf 5 mg und später, wieder mit Hilfe eines neuen Progestagens, auf 1 mg und dann auf 0,5 mg. Diese Menge konnte lange Zeit nicht unterschritten werden. Erst in den letzten Jahren gelang dies durch die Synthetisierung von d-Norgestrel. Die Minipillen enthalten jetzt Dosen von 0,03 mg; das ist der 10 000ste Teil der ursprünglichen 300 mg!

Die Suche nach immer schwächeren Dosierungen ist durch die oft zitierten Nebenwirkungen der Pille beschleunigt worden. Wie gefährlich ist nun die Pille wirklich? Das ist natürlich eine wichtige Frage, da ca. 20 Millionen Frauen auf der Welt hormonale Kontrazeptiva einnehmen. Daß es Nebenwirkungen gibt, ist sicher. Es ist aber nur fair, sie mit den Nebenwirkungen der Schwangerschaft, mit Aborten, Blutungen, Infektionen und Nierenerkrankungen zu vergleichen. So gesehen schneidet die Pille besser ab als die Schwangerschaft. Trotzdem muß man die Nebenwirkungen kennen. Ganz sicher kann die Pille bei einem relativ geringen Prozentsatz der Frauen Übelkeit, Kopfschmerzen, Ansteigen des Körpergewichtes, Zwischenblutungen und Empfindlichkeit der Brust erzeugen. Jedoch sind dies relativ harmlose Beschwerden im Vergleich mit den zwei Hauptvorwürfen — die Pille bewirke Thrombosen und Krebserkrankungen. Zu letzterem sei sofort gesagt, daß dafür im menschlichen Bereich kein Beweis vorliegt. Das geht besonders aus Studien mehrerer Autoren in Deutschland hervor. Trotzdem empfehlen erfahrene Gynäkologen regelmäßige Untersuchungen der Frauen, die die Pille einnehmen. Schwerwiegender sind jedoch die Einwände, die sich mit der Gefahr von Venenthrombosen und Embolien befassen.

Wer sich unbefangen den hierüber veröffentlichten Berichten nähert, sieht sich bald einem Wust von esoterischen Statistiken und Gegendarstellungen gegenüber, in denen sich selbst Regierungen und pharmazeutische Firmen kaum noch auskennen. Trotzdem kann man vielleicht sagen, daß ein Ostrogenanteil, der 0,05 mg überschreitet, eine Gefährdung darstellt. Die meisten Firmen haben hieraus die Konsequenz gezogen und die Erzeugung derartiger Präparate fast zur Gänze eingestellt. Den geschilderten Nachteilen steht die Tatsache gegenüber, daß die Pille die sicherste und wirkungsvollste Form der Empfängnisverhütung darstellt — abgesehen von dem »Glas Wasser«. Sie ist aber möglicherweise nicht die letzte Antwort. Injektionen, deren Wirkung Monate anhält, Einpflanzungen von Tabletten unter die Haut, die sogenannte »Jahrespille«, werden seit Jahren ebenso genau klinisch geprüft wie intrauterine Einlagen von Hormonen oder Armbänder, die Steroide kontinuierlich an die Haut abgeben.

Bei alledem wird oft der Mann vergessen. Es ist selbstverständlich, daß sich im Prinzip die Hypophysen-Spermien-Achse genauso mit Hilfe von Steroiden unterbrechen läßt wie bei der Frau. Das ist auch bereits geschehen. Versuche mit Einpflanzungen unter die Haut haben die Möglichkeit einer einjährigen Sterilisation gezeigt. Jetzt, wo das Ei des Kolumbus gefunden ist, mangelt es nicht an Vorschlägen, wie sich das Prinzip verbessern ließe. An Stelle der Vorkämpfer, der Erfinder und Neuerer haben nun Fleiß und Emsigkeit das Wort.

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