Hier die atemberaubende Geschichte eines der segensreichsten Medikamente in der kardiologischen Krankenbehandlung

Hier die atemberaubende Geschichte eines der segensreichsten Medikamente in der kardiologischen
Krankenbehandlung:

1859 erkrankte der Engländer Dr. Kirk, Konsul von Sansibar, auf einer seiner Reisen ins Sambesigebiet an einer
Tropeninfektion. Er klagte über beklemmende, stechende Schmerzen in der Herzgegend. Dr. Kirk hatte in seinem
Reisegepäck Samen der Liane Strophantus gratus gesammelt. Er hatte erfahren, dass die dortigen Eingeborenen aus
diesen Samen ein Pfeilgift herstellten. Die eingesammelten Strophantussamen verunreinigten seine Zahnbürste, die
er wie die Samen in seinem Reisegepäck mit sich trug. Beim Zähneputzen verschwanden wie durch ein Wunder seine
Herzbeschwerden. Mit diesem Urdoppelblindversuch beginnt die Geschichte eines der segensreichsten Arzneimittel,
das der Menschheit zufällig in die Hände fiel: Dr. Kirk brachte den Strophantussamen nach England.

Konsul Kirk berichtete über seine Erfahrung, die er während seiner Reise ins Sambesigebiet beim Zähneputzen
gemacht hatte: Sie deutete auf eine verblüffende Arzneiwirksamkeit.

1862 erfolgten pharmakologische Versuche mit Strophantin durch den Edinburgher Arzt Thomas Fraser. Er stellte
einen alkoholischen Auszug des Strophantussamens her und erprobte sein Produkt 16 Jahre klinisch.
1865 wurde Strophantin in zunehmend großem Umfang in der von Dr. Fraser entwickelten und klinisch an seinen
Herzpatienten erprobten Form als Arznei verwendet, nicht nur in England, aber dort besonders. Fortan gehörte das
peroral (über den Mund) angewendete Strophantin im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert zu den
umfangreichsten Anwendungen von Medikamenten.

1893 wurde Strophantin als Tct. (Abkürzung von Tinctura = Tinktur) Strophanti, dem alkoholischen Auszug des
Strophantussamens, in das Deutsche Arzneibuch offiziell aufgenommen. Seitdem wird Strophantin vorrangig im
deutschsprachigen Raum angewendet und durch die renommiertesten Kliniker ihrer Zeit gerühmt:
1893, im selben Jahr der Registrierung des Medikaments im Deutschen Arzneibuch, erklärte der Wiener
Universitätskliniker Brestowski orales Strophantin als dem Herzglycosid Digitals (Glykoside sind pflanzliche, in Zucker
spaltbare Verbindungen) überlegen. Digitalis hat heute Strophantin fast vollkommen verdrängt: zu Unrecht, wie man
sehen wird.

1901 gaben die deutschen Universitätskliniker Ludolf von Krehlund Jürgensen im Handbuch der Inneren Medizin
aufgrund ihrer klinischen Erfahrungen eine ähnliche Beurteilung ab wie ihr Wiener Kollege Brestowski. Der
Heidelberger Arzt von Krehl galt damals als bedeutendster deutscher Herzspezialist. Er rühmte die “vorzügliche
Eignung” oralen Strophantins sowohl bei Herzinsuffizienz (Herzschwäche) als auch “in all den zahlreichen Fällen von
Myokarderkrankungen” (Myokard ist der Herzmuskel mitsamt eines bestimmten Teiles der Herzwandschicht), in
denen keine Herzschwäche, aber doch Behandlungsbedürftigkeit bestehe. “In der Regel”, so der Herzspezialist,
“ergäben sich “ausgezeichnete Erfolge” des “ganz vortrefflichen Strophantins”.

Jürgensen bezeichnete orales Strophantin gar als “einzigartig” unter den Herzmitteln, da es längere Zeit hindurch
genommen werden könne und die “ernsthaften Vergiftungserscheinungen” des Digitalis nicht auslöse.

1902 lobte der Erlanger Universitätskliniker Adolf Strümpell die Tinctura Strophanti im Gegensatz zu Digitalis als von
“entschieden günstigeren Wirkung” bei folgenden Diagnosen: Lungenödem, akute Herzinsuffizienz infolge
Infektionskrankheiten wie Pneumonie (Entzündung der Lunge), Grippe, Scharlach, Typhus, akuter Herzinfarkt,
Stenokardien (Angina pectoris-Anfälle: oft ein Durchgangstadium einer bedrohlichen koronaren Herzerkrankung, die
unbehandelt zum Tod führt, auch Herzbräune genannt) und stauungslosen Doppelinsuffizienzen (globale
Herzleistungsschwäche: sowohl die linke als auch die rechte Herzhälfte arbeiten mit verminderter Pumpkraft).
Strümpell dosierte 3 mg täglich oder 2 mg stündlich Tct. (Tinctura) Strophanti.

Rechtsherzinsuffizienzen behandelte er mit Strophantin-Digitalis-Mischtherapie.

1907 rühmte von Krehl die Überlegenheit der Strophantintinktur, wenn über einen längeren Zeitraum
medikamentöse Behandlung erforderlich sei, und Digitalis “unter allen Umständen” schon nach wenigen Tagen
ausgesetzt werden müsse.

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