Für immer jung

Der beste Weg, bei einer Maus die Alterung zu verzögern, ist sie zu unterernähren. In der Tat leben Mäuse, die am Rand des Verhungerns aufgezogen werden, nicht nur zwischen 35 und 40 Prozent länger als Mäuse, die sich satt essen; es ist auch weit weniger wahrscheinlich, daß sie Krebs oder eine Autoimmunerkrankung bekommen. Die drei Männer, mit denen ich das Mittagessen einnahm, wußten das — sie hatten Jahre damit verbracht, die Ursachen des Alterns bei den Menschen zu untersuchen — doch sie zogen es eindeutig vor, einige Quellen der Jugend unberührt zu lassen. Von einem opulenten Hotelbuffet zurückschlendernd, trugen sie Teller in beiden Händen, Lachs in Estragonsauce und sautierte Ente, gebutterte Brötchen und vulkanartige Salate mit triefendem Dressing. Es muß möglich sein, so denken sie, das Altern zu verzögern, ohne sich deswegen miserabel zu fühlen.

„Was mir aufgefallen ist,” sagte William Regelson, indem er sich niedersetzte, „sind wiederkehrende morgendliche Erektionen,” — der Immunologe auf der anderen Seite des Tisches nickte zwischen zwei Mundvoll. „Als ich begann, DHEA einzunehmen, war die Veränderung in meiner Libido so verblüffend, daß es meiner Frau auffiel und mir auffiel,” sagte er. „Es war höllisch gut, ich meine, ich fühlte mich wieder wie zwanzig.” Während wir aßen, wurden ähnliche Gesprächsfetzen von anderen Tischen zu uns getragen. Die Akademie der Wissenschaften von New York war während drei Tagen in dem Hotel Gastgeber einer Konferenz mit dem Titel „Dehydroepiandrosteron (DHEA) und Altern” gewesen. DHEA ist das im Körper am reichlichsten vorhandene Steroidhormon — und das am wenigsten verstandene. Regelson, ein medizinischer Onkologe am Medical College of Virginia und Co-Autor von „The Melatonin Miracle” nennt DHEA das Muttersteroid, weil der Körper es in Östrogen und Testosteron umwandelt.

Doch DHEA ist am besten als Biokennzeichen des Alterns bekannt. Die Nebennieren sondern das Hormon von der Jugend bis zum frühen Erwachsenenalter in gleichförmig steigenden Mengen ab, und lassen dann die Produktion auslaufen, während der Körper schwächer wird. Im Alter von 80 Jahren weisen die Menschen zwischen 80 und 90 Prozent weniger DHEA in ihrem Blut auf, als sie mit 25 hatten. Der Spiegel von Östrogen, Testosteron, Melatonin und vom menschlichen Wachstumshormon steigt und fällt ebenfalls mit zunehmendem Alter, und es erhebt sich die nunmehr vertraute Frage: Wenn der Körper in dem Ausmaße verfällt, wie die Hormone abnehmen, was passiert dann, wenn diese Hormone ersetzt werden?

Eisbäder, Goldelixire, Schläfchen mit jungen Jungfrauen, Körperläuse begünstigen, zerdrückte Hundehoden spritzen und den Atem anhalten; ständig werden Kuren gegen das Altern vorgeschlagen, die sich laufend als nutzlos erweisen. Doch Konferenzen wie diese, welche angesehene Forscher aus zahlreichen Ländern und Fachgebieten versammelte, signalisieren eine neue Legitimierung einer Forschung über Altern und über DHEA. Forscher haben erste Einblicke in die Wirkungsweise des Hormons erhalten; synthetische Analogsubstanzen werden getestet; und menschliche Studien beginnen, vielversprechende Daten hervorzubringen.
Nachdem es lange im Schatten von Östrogen, dem menschlichen Wachstumshormon und Melatonin gestanden war, ist DHEA schließlich als mögliches „Wundermittel” ins Rampenlicht getreten. Im Juni wurde ein Beitrag über DHEA in der CBS Nachrichtensendung Eye to Eye eingeschoben zwischen Interviews mit Konferenzteilnehmern und Ausschnitten von Senioren, die in dem Film Cocoon ihre Jugend wiedererlangten. Bald folgten Artikel über DHEA in anderen Medien, darunter die Washington Post, Science und The New York Times.

Medikamentenpublicity ist eine Konstante der Volkskultur, doch Geschichten über DHEA sind wie ein Vorspann für einen Film, der vielleicht nie gedreht wird. Die zuständige amerikanische Behörde für Nahrung und Medikamente muß DHEA erst zulassen, und nur wenige Ärzte werden es verschreiben. Aufgrund von Lücken, die durch die Ergänzung zur Gesundheits- und Erziehungsverordnung von 1994 geschaffen wurden, kann man DHEA von unterschiedlicher Qualität und Konzentration, synthetisiert oder als Cystosterin aus der mexikanischen Yamswurzel, in Gesundheitsläden, Versandhäusern oder Apotheken kaufen. Doch die DEA hat DHEA vorsichtig als anaboles Steroid definiert; wenn diese Definition sich hält und wenn die Behörde es sich leisten kann, sie auch durchzusetzen, werden der rezeptfreie Verkauf und der Versand des Medikamentes eingeschränkt werden. Nur die Genehmigung von FDA kann das Hormon vor der Graumarktzone retten. Doch DHEA gibt es schon zu lange, um patentiert werden zu können, und die Pharmakonzerne sind nicht willens, Hunderte von Millionen Dollar für das Testen einer Substanz auszugeben, die sie nicht besitzen können. Somit kann es, in anderen Worten, noch Jahre dauern, bis es auf breiter Ebene erhältlich ist; das heißt außer wenn klinische Versuche beweisen, daß es verheerende Nebenwirkungen hat.

Verständlicherweise ist jedoch für Anwender von Antialterungsmedikamenten die Zeit von wesentlicher Bedeutung.
Während der Konferenz, bei Gesprächen im Ballsaal des Hotels, spiegelte sich der Kerzenschein auf Dutzenden von Glatzen und dicken Brillengläsern. Emeritierte Professoren drängten sich zwischen den Sitzungen um ihre jüngeren Kollegen, auf der Suche nach Antworten, Ratschlägen und Zuversichtsbekundungen. Am Beginn seiner Rede faßte der Biochemiker Arthur G. Schwartz der Temple Univerisity School of Medicine Ergebnisse zusammen, die zeigen, daß DHEA bei Nagetieren Leberkrebs verursachen kann.

„Ich konnte durch die Art, wie die Leute im Gesicht verfielen, erkennen, wer von ihnen DHEA einnimmt,” sagte er später „ich würde sagen, 25 Prozent.” Es gibt bei Ärzten eine lange Tradition, Medikamente an sich selbst zu testen. Jonas Salk injizierte sich selbst und seiner ganzen Familie den Polioimpfstoff, bevor er damit an die Öffentlichkeit trat. Doch einige von denen, die DHEA nehmen, verschreiben es auch, und sie haben ein grundlegendes Problem mit der Art, wie die Zulassung neuer Medikamente geregelt wird. Die alten Menschen, so behaupten sie, sind ebenso gefährdet wie AIDS-Patienten, und man sollte ihnen eine ähnliche Freiheit lassen, mit neuen Medikamenten zu experimentieren. Die Babyboom-Generation stolpert millionenfach durch das Midlife und wendet sich New Age-Kuren und chinesischer Medizin zu. Warum sollte man sie nicht statt dessen erschöpfte Hormone ersetzen lassen?

Warum auf Multimillionen-Dollar-Versuche warten, die den gesunden Menschenverstand bestätigen sollen? „Vielleicht arbeitet die Wissenschaft nicht auf eine solche Weise.” sagte mir eine DHEA-Forscher. „Doch so funktioniert das wirkliche Leben.” John E. Nestler, einer der Organisatoren der Konferenz, prüfte seinen eigenen DHEA-Spiegel und stellte fest, daß er unter dem für sein Alter normalen Wert war. Seine Forschungen ergaben, daß hohe Dosen von DHEA die Menge an „schlechtem” Cholesterin im Blut senken kann. Dennoch möchte er nicht mit seinen Kollegen wetteifern. „Ich glaube, daß sie voreilig handeln” sagt er.

„Zuerst sagte man auch, das menschliche Wachstumshormon sei eine tolle Sache, doch in der Zwischenzeit erkennen wir signifikante Nebenwirkungen — Schwellungen, Karpaltunnelsyndrom.
Das gleiche könnte mit DHEA passieren.” Beim Mittagessen tat Regelson, während er in eine Schnitte weißer Schokoladenmousse eintauchte, Nestlers Meinung mit einem knappen Achselzucken ab. Obwohl die beiden Männer Freunde und Kollegen am Medical College of Virginia sind, sind sie zu Befürwortern für entgegengesetzte Lager in der Debatte um DHEA geworden. „Ich respektiere John Nestler.” bemerkte Regelson, indem er seine Wut für einen Augenblick unterdrückte. „Er ist ein Spitzenwissenschaftler. Doch der Kerl ist 42 Jahre alt! Ich will damit sagen, der Typ hat gerade eine Familie gegründet, er erhält gerade seine volle Professur, er kann es sich leisten, konservativ zu sein. Ich werde am 12. Juli 70. Das ist, als ob da draußen jemand wäre, der den Auftrag hat, mich zu töten. Ich will nicht zwanzig oder dreißig Jahre warten. Ich will es jetzt.”
Regelson ist ein alter Hase für Demagogie in der Altersforschung.
Bei der Konferenz wirkte er, während er in Hosenträgern und Hemdsärmeln zum Mikrofon schritt, eher wie ein Gewerkschaftsführer als der angesehene Onkologe, der er ist. Er sprach in einem flüssigen, bannenden Bass, die Zuhörer zwischen seinen Erklärungen anspornend: „Okay? … Können Sie mir folgen? …
Okay?” Seine Stimme wurde zunehmend nachdrücklicher,
während er seine Argumente aufeinandertürmte. Regelson sieht im Gesicht entfernt Art Buchwald ähnlich, obwohl er eine dunklere Gesichtsfarbe hat; denken Sie sich dazu ein Körper, der sich mit der Agilität eines Dachses bewegt. Doch das Verblüffendeste an ihm kommt aus der Kombination seiner Züge: er wirkt zwanzig Jahre jünger als sein Alter.
Regelson wurde zuerst 1980 auf DHEA aufmerksam. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten Studien in Europa gezeigt, daß DHEA bei der Heilung von Gicht, Psoriasis und Herzstauungsproblemen helfen konnte. Noch wichtiger, Arthur Schwartz hatte herausgefunden, daß DHEA bei Mäusen Brustkrebs und eine ganze Reihe von anderen, durch chemische Wirkstoffe verursachte Krebsarten unterdrücken konnte. Für Regelson war jedoch der wissenschaftlich am wenigsten schlüssige der überzeugendste Beweis. Er erinnerte sich: „1982 wurde bei meiner Schwiegermutter eine Amputation auf halber Schenkelhöhe vorgenommen und sie wurde deutlich schwächer, deprimiert, senil wie ein Pfahl. Sie lebte also in meinem Haus, wie ein Stück Gemüse. Ich warf ihr alles an den Kopf, ausgenommen das Spülbecken aus der Küche. Das war keine Studie, es war ein Akt der Verzweiflung. Doch siehe da, als ich ihr DHEA gab, wurde aus ihr wieder ein menschliches Wesen.”

Regelsons Frau nimmt DHEA, seit er selbst vor fünf Jahren damit begann.
Zuerst schien Regelson gut plaziert, um DHEA zu fördern. Zu dem Zeitpunkt, als er Informationen zu dem Hormon sammelte, organisierten er und Senator Alan M.Cranston den Fonds für Integrative Biomedizinische Forschung (FIBER). „Das ganze Konzept bei FIBER beruhte darauf, daß Altern als ein Syndrom angesehen wurde, und nicht als eine zufällige Ansammlung degenerativer Erkrankungen,” sagt er. „Ich stelle mir den Körper mit einer Uhr vor, und diese Uhr kann manipuliert werden.” Regelson ist nun der Meinung, daß Melatonin tatsächlich die Uhr neu einstellen und das Leben verlängern kann. DHEA hält den Körper frei von Krankheiten und voller Energie, indem der Spiegel der beiden Hormone auf ihren jugendlichen Spitzenwert angehoben wird; die Menschen könnten in der Lage sein, ihrem Leben bis zu 30 Jahren hinzuzufügen.
Als wissenschaftlicher Direktor von FIBER versuchte Regelson fünf Jahre lang, Interesse an DHEA wachzurufen. Er gab Entwicklungsgelder aus, organisierte Konferenzen, schrieb Förderungsvorschläge aus und versuchte, beim Nationalen Institut für Alterung eine DHEA Studie durchzusetzen — alles mit wenig Erfolg. Das medizinische Establishment lehnte Antialterungsmedikamente als High-tech-Verführung ab. Derart verlassen, wechselte Regelson zu einem anderen Teil der AntialterungsGemeinschaft und wurde zum Mentor und Provokateur für andere DHEA-Forscher, indem er die Punkte zwischen den Daten in verschiedenen Studien verband. Ironischerweise löste nur ein Jahr, nachdem FIBER eingegangen war, eine einzelne Studie den Boom aus, auf den er gewartet hatte.

1986 berichtete Elizabeth Barrett-Connor, eine Epidemiologin der University of California, San Diego, daß unter 143 Männer mittleren und fortgeschrittenen Alters, die 12 Jahre hindurch beobachtet worden waren, diejenigen mit dem höchsten DHEA-SulfatSpiegel im Blut halb so oft an Herzerkrankungen litten als Männer mit einem niedrigen DHEA-Spiegel. „Die Ergebnisse waren so unglaublich, daß ich sie zuerst nicht glauben konnte,” sagt BarrettConnor. „Also kehrte ich zurück und nahm 99 weitere Blutproben.

Sie ergaben das Gleiche.” Für Frauen, die in der Studie einen hohen DHEA-Sulfat-Spiegel hatten, zeigt sich auch ein leicht erhöhtes Risiko für Herzerkrankungen, doch diese kleine schlechte Nachricht wurde überschattet von der angeblichen guten Nachricht für Männer.
Die allerbeste Nachricht blieb jedoch den Mäusen vorbehalten. Die Flut von kleinen Studien, welche durch die Ergebnisse von BarrettConnor hervorgerufen wurde, betraf vorwiegend Labormäuse, die auf schwindelerregende Weise von DHEA-Dosen profitierten.
DHEA machte Diabetes rückgängig und unterdrückte Lungen-, Brust- und Hautkrebs. Es verhalf Mäusen zu einer Gewichtsabnahme, indem es ihren Stoffwechsel anhob und ihren Appetit zügelte; es verbesserte ihr Gedächtnis (durch Anregung der Neuritbildung im Gehirn) und brachte eine Stresserleichterung. Abbildungen mit DHEA-Erfolgen waren bei der Konferenz der Akademie allgegenwärtig. Mäuse mit Hautkrebs neben Mäusen ohne Hautkrebs; alte Mäuse mit Haarausfall neben ebenso alten Mäusen mit glänzendem Fell. Wenn die Redner über die Wirkungen bei Menschen sprachen, wurden sie vorsichtig, zweideutig. Doch wenn sie die Auswirkungen bei Mäusen behandelten, hatten sie wenig Zweifel.

„Selbst wenn Nagetiere dieses Hormon von Natur aus nicht haben, so sollten sie es vermutlich haben,” sagte Raymond A. Daynes, ein Immunologe der Utah School of Medicine. Mit einer hohen, gewölbten Stirn und kleinen Augen, die hinter runden Gläsern funkeln, schien Dayes genüßlich die Rolle des führenden medizinischen Kopfes zu spielen; er sprach mit abgehackter, programmatischer Präzision, als ob er Informationsschläge direkt in unser Hirn hämmern würde. In den letzten sechs Jahren hat er untersucht, wie DHEA-S (die Sulfatform von DHEA) das Immunsystem der Maus beeinflußt. Er formulierte ein elegantes Modell davon, wie Mäuse mit zunehmendem Alter verfallen und wie DHEA sie davon abhält.

Sehr alte Mäuse haben wie sehr alte Menschen ein so schwaches Immunsystem, daß für sie Impfungen nur wenig vorteilhaft sind.
Doch als Daynes seinen Mäusen DHEA-S gab, wurde ihr Immunsystem plötzlich verjüngt. „Es war klar, eine 100prozentige Veränderung,”
sagt er. „Nun arbeitete ihr Immunsystem und vorher tat es das nicht.” Gleichzeitig begannen andere Zeichen des Alters wegzufallen. „Sie nahmen zu, anstatt Gewicht zu verlieren; sie besaßen eine größere Vitalität; wir beobachteten dramatische Veränderungen in einer Reihe von Systemen,” bemerkt Daynes. „Sogar mit einem relativ niedrigen Spiegel von DHEA-S wurde das Immunsystem der Mäuse um ein Jahr jünger. „Nach zwei Jahren blieben uns manchmal nur fünf von zehn Kontrolltieren,” sagt er, „doch fast alle zehn Mäuse mit DHEA-S waren noch am Leben.”

Daynes begann zu glauben, daß DHEA-S in den Mäusen einen Mechanismus reparierte, einen fehlerhaften Teil, der normalerweise zum Zusammenbruch führte. „Dann ging uns ein Licht auf”, sagt er. 1993 hatte sein Forschungsteam einen „undichten Hahn” entdeckt: bei sehr alten Mäusen sonderte das Immunsystem das Zytokin Interleukin-6 (IL-6) ab, ohne ersichtlichen Grund. Ein rascher Blick auf die Fachliteratur zeigte, daß viele der altersbedingten Probleme, darunter viele Krebsarten, durch überschüssige Mengen von IL-6 hervorgerufen werden konnten. Daynes machte sich daran zu verstehen, wie DHEA-S die überschüssige Produktion von IL-6 beeinflußte. „Es war dramatisch”, beteuert er. „Innerhalb von 24 Stunden nach Verabreichung des Zusatzes hatten wir keinen undichten Hahn mehr.” Sein Team hat seither zwei weitere Hormonlecks entdeckt, die mit einer ganzen Reihe von physischen Leiden zusammenhängen. DHEA stopft beide undichten Stellen.

Doch wird es das auch bei Menschen tun? Die Frage, die während jeder Vorstellung der Konferenz im Publikum gemurmelt wurde. DHEA mag Wunder wirken bei Mäusen, doch Mäuse haben nur wenig von dem Hormon im Körper, und könnten somit auf eine andere Art und Weise darauf reagieren als Menschen. Zum Beispiel heilen viele Medikamente Krebs bei Mäusen, doch nur wenige tun dies beim Menschen.

In manchen klinischen Studien wirkten kleine Dosen DHEA und DHEA-S sich positiv auf Menschen aus: ältere Personen unter DHEA-S waren empfänglicher für Grippeimpfungen als sie es ohne waren; bei Menschen mit Lupus (eine Autoimmunerkrankung) konnte ein gewisse Erleichterung der Symptome festgestellt werden; alternde Männer und Frauen, die ein Jahr lang in einem doppelblinden Versuch DHEA eingenommen hatten, hatten den Eindruck, besser zu schlafen und weniger Ärger in der Arbeit zu haben. Doch die dramatische Wirkung, die Ärzte auf DHEA losgehen und es als eine Quelle der Jugend erscheinen läßt — muß sich bei Menschen erst zeigen. „Ich möchte gerne glauben, daß ich mehr als nur eine bessere Mausefalle baue,” sagt Daynes. Doch DHEA Studien erfordern buchstäblich die Zeit eines Lebens, um seine Hoffnungen auszulöschen oder zu bestätigen. „Alle fünf Jahre kommt ein neues Wundermittel daher,” sagt Barrett-Connor. „Nun, ich glaube nicht, daß DHEA das Wundermittel ist, als das es von den Menschen bei dem Treffen angesehen wird.” Neun Jahre nachdem sie DHEA durch ihre Studie über Herzkrankheiten hat auferstehen lassen, befindet sich BarrettConnor in der ironischen Situation, es wieder begraben zu wollen. In einer größeren Folgestudie stellte sie fest, daß ein hoher DHEA-Spiegel das Risiko einer Herzerkrankung bei Männern nur um 20 Prozent senkte — was mit den Ergebnissen anderer Studien übereinstimmt. „Vielleicht ist es gut, daß meine neuen Resultate dazu beitragen, den Enthusiasmus zu dämpfen,” sagt sie. „Ich war äußerst überrascht, daß es da draußen Ärzte gab, die Tausenden von Menschen dieses Medikament verschreiben, ohne daß es irgendwelche Studien gibt, die zeigen, welche Wirkungen es hat.”

Wenn die Vorteile von DHEA erst bewiesen werden müssen, so sind einige Risiken klar. Da DHEA so viele Körperteile betrifft, könnte die Einnahme so viel bedeuten wie eine Handvoll ungekennzeichneter Pillen zu nehmen.

Die Forscher sind nicht sicher, ob das Hormon den Körper direkt oder über die Regulierung anderer Hormone oder durch eine Umwandlung in Androgene und Östrogene beeinflußt — wobei letzere ihre eigenen Probleme bereiten. Um einige der bei Mäusen beobachteten Wirkungen zu erzielen, könnten bei Menschen „superpharmakologische” Dosen
erforderlich sein, die wie sich gezeigt hat, bei Frauen Akne und Haarwuchs verursacht haben. „Wenn Sie es als Pille nehmen, geht es zuerst in Ihre Leber,” bemerkt Barrett-Connor. „Die Dinge passieren in der Leber. Enzyme verändern seine Beschaffenheit, zerstören es und machen andere Dinge, von denen wir nichts wissen.”

Die Leber bei Mäusen unter DHEA-Einnahmen vergrößert sich und ihre Farbe wechselt von rosa zu mahagonifarben. Als 16 Ratten in einer Studie der Nortwestern University Medical School für eine so lange Zeit wie 84 Wochen mit DHEA gefüttert wurden, entwickelte sich bei 14 von ihnen Leberkrebs. „Jeder der sich von dieser Leberkrebs-Geschichte beeindrucken läßt, ist ein Idiot,” sagt Regelson. Warum sollte der Körper durchdrehen, wenn er so viel DHEA erhält, wie er einst von Natur aus bildete? Laut Regelson haben Patienten, die super-pharmakologische Dosen einnehmen, um Krebs oder AIDS zu bekämpfen, bislang keinen Leberkrebs entwickelt. Und selbst wenn sie das hätten, wären sie vielleicht bereit, das Risiko auf sich zu nehmen. Als Onkologist, der regelmäßig fortgeschrittenen Krebs behandelt, ist Regelson daran gewöhnt, in experimentellen Versuchen sparsam potentiell tödliche Heilmittel auszugeben. Er bittet einfach nur die Patienten, eine Entlastungserklärung zu unterschreiben, durch die die Gefahren der Einnahme eines ungenehmigten Medikamentes anerkannt werden. Doch die meisten Ärzte glauben, daß eine solche Erklärung keine Garantie gegen eine Rechtsklage darstellen würde, wenn ungenehmigte Medikamente betroffen sind. „Ich habe einen 87-jährigen Freund mit chronischem Herzversagen. Ich möchte ihn mit DHEA behandeln, doch sein Arzt ist zu beschränkt,” sagt Regelson. „Du hast einen Patienten, der stirbt und Dir sagt ‚Doktor, bitte helfen Sie mir.’ Manche Typen warten darauf, daß ein Medikament freigegeben wird, ich nicht.”

Ein Staatsprogramm sollte eingerichtet werden, um nicht patentierbare Medikamente wie DHEA zu bestimmen, meint Regelson, und den Medikamentenherstellern, die bereit sind, sie zu testen und zu entwickeln, sollte dann ein patentartiger Schutz zuteil werden. Noch besser, Altern sollte als lebensbedrohliche Krankheit eingestuft werden, und Antialterungsmedikamente sollten auf schnellstem Weg einer Genehmigung durch FDA zugängig gemacht werden, mit weniger anspruchsvollen Kriterien. „Jeder möchte eine sichere Gesellschaft, doch Sie müssen das hier wie einen Krieg betrachten. Es wird Opfer geben,” sagt er. „Wenn die Menschen Mäuse wären, hätten wir das Mittel gegen Krebs schon vor 50 Jahren gefunden.”

Sei es beabsichtigt oder nicht, die Slogans von Regelson wiederholen die Warnungen von Menschen, die noch mehr von ihrer Sterblichkeit verfolgt werden als jene, die DHEA einnehmen: AIDS Aktivisten. In den Jahren seit dem Auftreten des Virus haben sie Veränderungen im Genehmigungsverfahren für Medikamente herbeigeführt, die Beschwerden von Ärzten wie Regelson nie hätten bewirken können. Das FDA, in den frühen 80er Jahren wegen seiner schleppenden Medikamentenversuche kritisiert, hat versucht, den Virusopfern entgegenzukommen, sowohl indem es neue Mittel gegen AIDS einem Schnellverfahren unterzog als auch indem es wegsah, wenn ungenehmigte Medikamente auf der Straße verkauft und angewendet wurden.
Im fortgeschrittenen Stadium von AIDS haben die Patienten nahezu kein DHEA mehr im Körper. Das Hormon an diesem Punkt wiederherzustellen scheint wenig zu bringen (obwohl das Hormon in vitro die Infektion der Zellen durch das Virus unterdrückt), doch viele Menschen, die HIV-positiv sind, nehmen DHEA, um ihr Immunsystem zu stärken, die Müdigkeit zu bessern und Muskel aufzubauen, bevor die Krankheit diese verzehrt.

Im Internet reichen die „Fäden” der Fragen und Antworten Jahre zurück. „Die Resultate scheinen in meinem Fall bis jetzt hoffnungsvoll,”
heißt es in einem Kommentar von 1993. „Doch ich glaube, einige Monate sind erforderlich, bevor ich sagen kann, daß es das DHEA ist.” Der Schreiber ist seither verstorben, und er hinterließ keinen wirklichen Beweis dafür, ob das Hormon seinen Zustand verzögert oder beschleunigt hat.

Spencer Cox läßt sich für DHEA nur schwer begeistern. Als Vorsitzender des antiviralen Komitees der Treatment Action Group in New York verbrachte er sieben Jahre im Epizentrum des Medikamentenrummels.
„Es kommt der Augenblick, wo man das Mittel immer wieder kurz vor dem Durchbruch gesehen hat,” sagt er. „Und es hat Ängste gegeben, schlimme Ängste.” 1993, als das Medikament Fialuridin als Behandlung bei chronischer Hepatitis getestet wurde (an der AIDS-Patienten oft leiden), schien es zuerst relativ sicher. „Einige Monate später begannen die Leute, an Leberversagen dahinzusterben,” erinnert sich Cox. „Die Botschaft, die man mit nach Hause nehmen konnte, hieß: neue Medikamente können gefährlich sein.”

Das FDA baute sein Verfahrens-Bollwerk, um nach ähnlichen Desastern in den 30er und 60er Jahren die Konsumenten zu schützen. Ergebnisse aus Studien kleineren Umfangs sind nicht immer verläßlich, wie die Erfahrung lehrt. Ärzte können bewußt oder unbewußt Patienten aussuchen, die besonders gut auf ein Medikament reagieren werden, oder sie werden zu dem Schluß kommen, daß ein Medikament einen breiten Bereich von Zuständen heilt, während es nur ein einzelnes Symptom beeinflußt. Durch ihre Erfahrungen mit Medikamenten wie Fialuridin nachdenklich gestimmt, haben manche AIDS-Aktivisten ihre früheren Appelle umgekehrt und fordern, daß das FDA die neuen Medikamente gründlicher testet. „Wenn ein Heilmittel auftaucht, wird es leicht zu erkennen sein,” sagt Cox, „und wir können alle Regeln fallenlassen. In der Zwischenzeit beschäftigen wir uns nicht mit therapeutischen Wirkungen, die so bedeutend sind.”

In der Medizin wie, unglücklicherweise, in der Regierung, kann der strengste Standard die wildeste, unsinnigste Suche nach Lücken fördern. Weil DHEA nicht patentiert werden kann, jedoch genehmigt werden muß, um auf breiter Basis verkauft zu werden, testen die Medikamentenhersteller synthetische Analogsubstanzen, bei denen die Nebenwirkungen des natürlichen Hormons fehlen. Natürlich können solche Substanzen eigene Langzeit-Nebenwirkungen haben. Und nachdem keine Firma Zeit oder Geld für eine 50-Jahre-Studie hat, um zu sehen, ob ein Medikament das Leben verlängert, wird DHEA wahrscheinlich für besondere Zwecke wie etwa die Behandlung von Lupus freigegeben werden, oder in anderen Worten, irgendeine Form von DHEA wird in einigen Jahren genehmigt und leicht erhältlich sein, doch Menschen, welche es einnehmen, um jung zu bleiben, werden es weiterhin heimlich tun müssen, ohne Langzeitinformationen, um ihre Entscheidung zu unterstützen.

Antialterungs-Medikamente mögen den Menschen helfen,
gesund zu bleiben oder länger zu leben. Doch niemand wird dies mit Sicherheit wissen können, bevor nicht die meisten der nun lebenden Menschen tot sind. Angesichts dieses Widerspruchs haben DHEA Forscher, wie die Patienten, die sie beraten oder informieren, keine andere Wahl, als sich auf Mäusestudien und unschlüssige Versuche, auf Gerüchte und Anekdoten zu verlassen.

Raymond Daynes ist 50 Jahre alt — zu jung um DHEA einzunehmen, sagt er, doch alt genug, um Kollegen wie Regelson mit einem aufmerksamen Auge zu betrachten. „Manche Leute auf der Konferenz nehmen seit langem das Hormon ein, und sie sind ziemlich gescheite, schlaue Menschen,” sagt er. „Sie gehen auf die 80 zu, doch Tennis oder so was ähnliches möchte ich nicht mit ihnen spielen.”

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