Fluoxymesteron

— Die Fakten
Struktur: 9-alpha-fluoro-11-beta-hydroxy-17-alpha-methy1-4-androstene-3-one,17b-cl
Beschaffenheit: weißes, geruchloses, kristallines Pulver
Erste Synthese: 1956 Herrer et al
Bekannteste Markennamen: Halotestin (*1957), Stenox, Android-F (a.H.)
Erste kommerzielle Vermarktung: 1957, in Form von Halotestin (Upjohn, USA)
Verabreichungsform: oral
Halbwertszeit: ca. 9 Stunden
Nachweiszeit: durch Metaboliten 2 Monate nach der Einnahme
Verhältnis anabole/androgene Wirkung: 1.900/850

Typische Nebenwirkungen: Magen-/Darm-Probleme, erhöhter Blutdruck, Lebertoxizität
Muskeldefinition, Aggressivität, Kraft, Powerlifting, Bodybuilding-Wettkampf, Lebertoxizität, hohe Androgenität — das sind wohl die Schlagworte, die einem im Bezug auf Fluoxymesteron bzw. dem weltweit bekannten Markenpräparat „Halotestin” als erstes in den Sinn kommen.

Haben sie nun folgende Sätze schon einmal in ihrem Fitness-Studio gehört oder in einem
Buch bzw. Magazin gelesen?

• Fluoxymesteron verbessert die Muskeldefinition und ist daher das optimale Diät-
Steroid!

• Fluoxymesteron ist jedoch nur zu Diätzwecken nützlich – zum Muskelaufbau ist esdank fehlender anaboler Komponenten nutzlos!

• Fluoxymesteron erhöht die Körperkraft und stellt somit das perfekte Steroid für
Powerlifter dar!
• Fluoxymesteron sollte aufgrund extrem hoher Androgenität von Frauen gemieden
werden!

• Mit Fluoxymesteron brennst du dir Löcher in die Leber!
Wie wir wissen, findet man in Bodybuilderkreisen auf der ganzen Welt eine derartige Fülle an Behauptungen, die vom medizinischen Standpunkt aus gesehen, ja oftmals sogar vom rein logischen Denken her, ziemlich unbegründet und falsch sind. Betrifft das schon einfache Themen und Wirkstoffe, so vertiefen sich die Mythen und Geschichten erst recht, wenn man sich über Mittel unterhält, deren Verfügbarkeit schlecht und deren Anwenderzahl eher niedrig war oder ist. Dies trifft sicher voll und ganz auf Fluoxymesteron zu.
Beliebt wurde dieses Steroid unter Wettkampf-Bodybuildern, die Fluoxymesteron für gewöhnlich in den letzten sechs Wochen der Diät einsetzten. Bei einem bereits stark reduzierten Körperfettanteil ist der Effekt auf die Härte und Definition der Muskulatur nach kürzester Zeit sichtbar. Andererseits weist es Eigenschaften auf, die es für Kraftsport, Kampfsport und sogar für Ausdauersportler interessant macht. Kraft und Aggressivität – Wie androgen ist Fluoxymesteron? Androgenität steht für Männlichkeit – ein stark androgenes Steroid führt also zur Ausprägung von männlichen Merkmalen, sprich zu einer verstärkten Körperbehaarung, tiefen Stimmlage, erhöhtem Sexualtrieb und aggressivem und dominantem Verhalten. Die androgene Komponente eines Steroids kann mittels wissenschaftlicher Techniken gemessen werden. Dafür dürfen wieder die so beliebten Laborratten herhalten, die nach einem Zeitraum, in dem ihnen ein Steroid verabreicht wurde, getötet und analysiert werden. Hierbei misst man schlichtweg das Wachstum und Gewicht von zwei Gewebesorten: der Prostata und des Levator Ani (ein Muskel des Beckenbodens).

Das Wachstum der Prostata wird mit einer androgenen Wirkung, das Wachstum des Levator Ani mit einer anabolen Wirkung verbunden. Hieraus entsteht ein Verhältnis. Da die Wirkung eines Steroids nur in diesen beiden Gewebesorten gemessen wird und dies auch nur bei Ratten, ist das Ergebnis keineswegs zuverlässig, wenn man es auf den Menschen überträgt. Es mag ein Hinweis sein und in manchen Fällen sogar den tatsächlichen Erfahrungswerten entsprechen, doch im Falle von Fluoxymesteron liegt das anabole/ androgene Verhältnis von 19 zu 8,5 – verglichen mit Testosteron – ganz klar weit entfernt von den Erfahrungswerten mit diesem Mittel. Liest man die üblichen Erfahrungsberichte mit Fluoxymesteron, so fällt einem sicher auf, wie oft die Kraftsteigerungen erwähnt werden, die ausgeprägte Trainingswut und die allgemeine Aggressivität. Unter Bodybuildern ist es anscheinend üblich, Steroide mit diesen Eigenschaften allgemein als stark androgen zu bezeichnen. Dies kann man auch teilweise auf Literatur aus den 90er-Jahren zurückführen oder auch auf mangelndes Verständnis der gesamten Thematik. Ist Fluoxymesteron ein so stark androgenes Steroid, wie es in vielen Quellen, insbesondere im Internet, so schön nachzulesen ist? – Nein! Gesteigerte Trainingsaggressivität, Kraftzunahme und härtere Muskulatur sind rein wissenschaftlich gesehen keine Indikatoren für die androgene Wirkung eines Steroids. Man sollte sich beim Lesen dieser Berichte auch stets das Fehlen von androgentypischen Nebenwirkungen mit Fluoxymesteron vor Augen führen – fettige Haut, Akne oder Haarausfall werden meines Wissens nicht oder nur sehr selten erwähnt.

Fluoxymesteron besitzt eine eher schwache Bindungsneigung zum Androgenrezeptor. Die meiste Wirkung wird also nicht über diesen vermittelt. Dies mag ein kleiner Hinweis auf die Wirkung eines Steroids sein, dennoch binden manche, auch schwach androgene Steroide wie Nandrolon, stark an den Androgenrezeptor (1). Wenn man sich die Struktur dieses Steroids genauer anschaut, so weiß man, dass gewisse Eigenschaften (11-Hydroxy und 9-Fluoro) eigentlich weniger einem Steroid ähneln, sondern vielmehr einer cortisolähnlichen Substanz. In einer biochemischen Betrachtung des Fluoxymesterons und seiner Metaboliten schreibt der Autor einer Studie, es sei ein schwaches Androgen, und dasselbe würde auch auf seine Abkömmlinge zutreffen (2). Fluoxymesteron wurde sogar häufig bei Frauen in der Brustkrebstherapie eingesetzt, wobei man in der Medizin den Einsatz starker Androgene bei Frauen scheut und wenn, dann eher zu Wirkstoffen wie Oxandrolon greift. Man setzte mehrfach Fluoxymesteron mit Tamoxifen ein. Eine Studie begründete dies mit der geringeren vermännlichenden Wirkung des Fluoxymesterons gegenüber anderen in Frage kommenden Steroiden. Tatsächlich kam es dann doch in der Tamoxifen/Fluoxymesteron-Gruppe zu mehr Vermännlichungserscheinungen als bei Tamoxifen allein.

Man muss jedoch bedenken, dass hier über ein Jahr (l) hinweg 20 mg Fluoxymesteron täglich verabreicht wurden, was selbst erfahrenen Steroid-Verwendern unvorstellbar hoch erscheint (Man erinnere sich an die anfangs zitierte These, Fluoxymesteron würde Löcher in die Leber brennen!) (3). Auch wenn Fluoxymesteron an sich kein starkes Androgen ist, kann es über das 5AREnzym zu seiner Dihydro-Variante umgewandelt werden; diese ist androgener und kann bei Frauen sicherlich auch zu Problemen führen. In einer anderen, älteren Studie, auch Brustkrebs bei Frauen betreffend – mit derselben Dosis von 20 mg pro Tag über einen Zeitraum von einem halben Monat bis hin zu neun Monaten, notierte man bei 40 % der Anwenderinnen Heiserkeit – ein erstes Anzeichen einer beginnenden Vermännlichung. Bei 38 % beobachtete man eine leichte Zunahme der Gesichtsbehaarung (Hirsutismus) und bei 17 % konnte man Hautprobleme in Form von Akne feststellen. Die Studien stimmen darin überein, dass die Probleme in Bezug auf Libido, Behaarung und Haut eher gering einzustufen sind, jedoch die Heiserkeit ein größeres Problem darstellt. Letztendlich ist Fluoxymesteron, zumindest laut der letzten Studie, dem Testosteron-Propionat-Einsatz bei Frauen klar zu bevorzugen (4, 5). Was sagt uns das alles? Dieses Steroid liegt, vorsichtig geschätzt, klar über dem androgenen Potenzial des schwach androgenen Oxandrolons. Es ist jedoch keineswegs das stark vermännlichende Mittel, als das es jahrelang bezeichnet wurde. Heißt das, dass Fluoxymesteron somit ein optimales Steroid für weibliche Anwenderinnen ist? – Nein, ganz und gar nicht, da jedes Steroid mit gewissem androgenen Potenzial eine Gefahr für diesen Anwenderkreis darstellt. Erfahren Männer auch unterschiedlichste Arten von Nebenwirkungen, bedeutet der Einsatz von anabolen/androgen Steroiden (im Folgenden kurz „AAS” genannt) bei Frauen stets einen wesentlich tieferen Eingriff in den eigenen Körper. Und das sollte immer klar sein, ohne hier Moralpredigten halten zu wollen. Männer jedoch, die sich um ihr Haupthaar sorgen oder sich vor Hautproblemen fürchten, müssen in Fluoxymesteron keine allzu große Gefahr sehen. Weiterhin lässt sich die androgene Wirkung durch Mittel wie Finasterid sicher weiter begrenzen. Wie kann man sich dann die Erfahrungen im Bodybuilding mit Fluoxymesteron erklären, wie z.B. die erwähnte Kraftsteigerung und Aggressivität? Um das zu verstehen, müssen wir ein wenig „um die Ecke” denken…

This entry was posted in Fluoxymesteron. Bookmark the permalink.