Der relative Nutzen der Anabolika

Gegenwärtig will es so scheinen, als müsse man den Bodybuildern nicht mehr ihre (Doping)schuld nachweisen, sondern die Bodybuilder ihre Dopingunschuld. Spitzenathleten wird nicht nur unterstellt, sie nähmen Anabolika, sondern sie seien Spitzenathleten, weil sie Anabolika nehmen. Genau diese Fehleinschätzung veranlaßt viele.Freizeit- und Breitensportler, auf den sportlichen Erfolg mittels der Muskelpille zu hoffen.

Dann unterstellen wir doch einmal einem Athleten wie Tom Platz, er verdanke seinen 09Erfolg den Anabolika. Tom Platz ist ein Athlet, bei dem genetische Schwächen und Stärken in einer Person auftreten und sichtbar werden. Nicht umsonst trägt er den Beinamen Mr. Legs. Seine überdimensionale Oberschenkelentwicklung war zwar bei allen Meisterschaften spektakulär, verhinderte jedoch fortwährend einen Sieg bei den Mr.-Olympia-Veranstaltungen aufgrund der Disharmonie zu seiner Rumpf- und Armmuskulatur. Wäre eine Naturkorrektur möglich, das heißt, ein Erfolg durch Anabolika, losgelöst von den genetischen Voraussetzungen, dann hätte Tom Platz die Anabolika sinnvollerweise eingesetzt, um sein Bizepstraining zu unterstützen, damit seine Arme proportional zu seinen Beinen passen. Den Versuch, ob mit oder ohne Anabolika, hat Platz unternommen. Ein Bizepssehnenabriß steht für seine Bemühungen. Gelungen ist es ihm nicht.

„Das genetische Programm, in dem alle Anweisungen für die körperliche Konstruktion gespeichert sind, läßt in einem bestimmten Rahmen eine adaptive Umorganisation des Systems zu” [33]. Aber eben nur innerhalb eines bestimmten, genetisch festgelegten Rahmens; und der ist auch durch Anabolika nicht zu durchbrechen. So kann ein Sportler mit einem Körpergewicht von 70 kg bei einer Größe von 1,97 m — gleichgültig ob mit oder ohne Anabolika — durchaus 35 kg Muskeln auftrainieren. Damit hat er, gut 100 kg schwer, seinen genetischen Rahmen in bereits hohem Maße ausgeschöpft. Auf hochtrainiertem Niveau jedoch fallen Trainingsanpassungen immer spärlicher aus, so daß dieser Athlet einem Weltmeister Möller immer unterlegen sein muß, der mit einem Körpergewicht von ca. 100 kg erst anfängt zu trainieren. Aussagen wie die Erich Deusers, „die Medizin [könne] 75 % des Leistungsvermögens bestimm[en], und nur noch 25% [würden] für Training und Talent übrigbleiben” [11], gehen deshalb an der Realität vorbei.

Und auch die nicht totzukriegenden Berichte über unglaubliche Trainingserfolge, immer wenn er die Pille nahm, erweisen sich bei näherem Hinsehen als Trugbilder; denn wenn diese Athleten die Pille nehmen, verändern sie unzählige Faktoren, angefangen bei der höheren Motivation über das regelmäßigere und organisiertere Training bis zur kontrollierten Ernährung. Diese Faktoren führen zusammengenommen zu ihrer „unglaublichen” Leistungssteigerung. Es wäre unangemessen, sie allein den Anabolika zuschreiben zu wollen. „Die demagogischen Bemerkungen über die Schlacht der Pharmakahersteller gehören [eindeutig] in den Bereich der Mythen” [1]. Das Talent und nicht die Anabolika machen den Spitzensportler aus. Selbst wenn dieser Sportler in der speziellen Wettkampfsituation des Dopings überführt wird, haben ihn die Anabolika nicht zum Spitzensportler gemacht. Finden wir uns damit ab: Es gibt Sensationen der Natur. Ob es nun eine Größe von 2,20 m ist, außergewöhnliche Schönheit, Kraft, Muskulatur oder Klugheit; es handelt sich um Artikel, die es so in der Apotheke nicht zu kaufen gibt.

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