Das anabole/androgene Verhältnis

Wie bereits erwähnt, waren die durch Testosteron stimulierten anabolen und androgenen Prozesse schon häufiger Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Trotzdem ist die Grenze zwischen „anabol” und „androgen” oft willkürlich gezogen worden; viele Vorgänge gehen ineinander über. Um einem besseren Überblick über die Möglichkeiten synthetischer anaboler Steroide zu geben, wurde dieses Konzept aus Gründen der Anschaulichkeit vereinfacht. Die klassische Definition von „androgen” baut eigentlich auf dem durch Steroide ausgelösten Wachstum von Prostata und Keimdrüsen einiger Nagetierarten auf. Die Veränderungen können jeweils nach einer Obduktion der Tiere präzise festgestellt werden. Im Gegensatz dazu ist das anabole Potential einer Steroidverbindung nicht so einfach zu bestimmen.

Das anabole/androgene Verhältnis (therapeutischer Index) einiger Steroide ist bereits in mehreren Untersuchungen festgelegt worden. Als Vergleich wurde stets Testosteron herangezogen, dem ein Wert von 1 zugewiesen wurde. Je größer der therapeutische Index eines anabolen Steroids, desto größer ist theoretisch seine anabole Wirkung. Anders ausgedrückt: Steroide mit einem hohen therapeutischen Index können eher die gewünschten anabolen Prozesse in Gang setzen, ohne dabei ungewollte androgene Stoffwechselvorgänge zu auszulösen.

In älteren Untersuchungen mit Androgenen konnte nachgewiesen werden, daß sogar so spezifische Zielorgane wie Prostata und Keimdrüsen kastrierter Ratten auf die Stimulation mit anabolen/androgenen Substanzen nicht mit gleichen Veränderungen reagierten.’ Seitdem wurde in einer Vielzahl von Tests versucht, den therapeutischen Index anderer Steroide zu bestimmen.’ In einigen der später durchgeführten Untersuchungen wurden folgende Methoden festgelegt, um den Einfluß anaboler/androgener Steroide auf Geschlechts— und andere Körperteile zu messen:

1) Verhältnis von renotropher zu androgener Reaktion”
2) Verhältnis von myotropher zu androgener Reaktion”
3) Verhältnis von Muskelwachstum des Levator Ani zur
androgenen Reaktion”‘
4) Verhältnis von Stickstoffbalance zu androgener Reaktion’

Auf diese Methoden soll hier nicht weiter eingegangen werden, doch wird deutlich, daß verschiedene Ansätze zur Definition des therapeutischen Index existieren.

Der therapeutische Index

Die anabole Aktivität eines Steroids ist abhängig von seiner Molekülstruktur. Anabole Steroide stimulieren das Wachstum der Geschlechtsorgane und anderer Körpergewebe. Doch selbst die Auswirkungen eines bestimmten Steroids sind bei einigen Tierarten unterschiedlich. Der in einigen Studien nachgewiesene Einfluß auf das Muskelwachstum bei bestimmten Arten war in einigen Fällen reproduzierbar, konnte also wiederholt werden, in anderen Fällen aber nicht. In allen Untersuchungen zeigte sich aber, daß Veränderungen am Testosteronmolekül (der Grundstruktur der Steroide) drastische Auswirkungen auf das Wachstum verschiedener Muskelgewebe hat. So liegt die Vermutung nahe, daß einige Körpergewebe speziell auf bestimmte Veränderungen des Testosteronmoleküls ansprechen. Bisher ist es aber noch nicht gelungen, ein synthetisches Steroid herzustellen, daß nur in einigen ausgesuchten Körpergeweben Wachstumsprozesse auslöst und andere unbehelligt läßt.

Als Grundregel ist also festzuhalten, daß verschiedene Körpergewebe auf eine Stimulation durch anabole Steroide unterschiedlich reagieren. Die meisten Theorien zur Klärung dieses Sachverhalts stecken noch in den Kinderschuhen; eine komplette Erklärung für die Bandbreite der Wirkung anaboler Steroide ist noch nicht gefunden. Einige Faktoren erschweren die Bestimmung des therapeutischen Index zusätzlich:

1) Die Wasserlöslichkeit des jeweiligen Steroids, die die
Möglichkeit einer Bindung an Geweberezeptoren erhöht;
2) die verschiedenen Schwellwertkonzentrationen der
einzelnen Steroide;
3) eine nicht optimale Methode zur Abgrenzung der anabolen
gegenüber der androgenen Wirksamkeit;
4) die Absorptionsrate aus intramuskulären Depots;
5) die Schwierigkeit, Ergebnisse aus Tierexperimenten
auf den Menschen zu übertragen: Anabole Steroide
wirken auf Tiergewebe in Teilbereichen anders als
beim Menschen;
6) der Mangel an Untersuchungen an Menschen in den
letzten Jahren;
7) sowie die Schwierigkeit, die androgene Wirksamkeit
beim Menschen genau zu bestimmen. Beim Menschen
ist die Reaktion auf androgene Wirkungen verschiedener
Steroide (Virilisation) individuell sehr unterschiedlich.

Da die Methoden zur Bestimmung der Stickstoffbalance in den letzten Jahren erheblich genauer geworden sind, wird die Festlegung der androgenen Wirkung beim Menschen letztlich der begrenzende Faktor bei der genauen Definition des therapeutischen Index sein.

Testosteron und andere verwandte Steroide haben vielfältige anabole Effekte im menschlichen Körper. Zahlreiche Untersuchungen haben gezeigt, wie schwierig die präzise Bestimmung der anabolen Wirksamkeit ist. Unter 3.1 sind mehrere Methoden aufgelistet, die im Tierversuch angewandt wurden. Obwohl jede Methode exakt das messen kann, wozu sie angelegt ist, bleiben grundlegende Bedenken bezüglich der Validität* der gewonnen Ergebnisse. Auch wenn ein bestimmtes Steroid Skelettmuskulatur oder Genitalien von Tieren beeinflußt, können diese Ergebnisse in vielen Fällen nicht einfach auf den Menschen übertragen werden. Die Bestimmung der Stickstoffaufnahme oder -balance liefert wohl die verläßlichsten und am besten reproduzierbaren Ergebnisse bezüglich der Bewertung des therapeutischen Index verschiedener Steroide.

Doch gibt es absolut keinen Zweifel daran, daß zahlreiche anabole Steroide einen größeren Einfluß auf Muskelwachstum und Kraft haben als Testosteron. Ob diese Verbindungen auch bei trainierten Athleten ein Muskelwachstum auslösen, wurde niemals endgültig geklärt. Die meisten mit mit der Materie beschäftigten Wissenschaftler lassen aber keinen Zweifel daran, daß anabole Steroide einem Athleten Vorteile in Sportarten verschaffen können, wo Kraft eine Rolle spielt.

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