CORTICOSTEROIDE

ACTH

Glaubt man den Darstellungen von Willy Voet, so sind ACTH Präparate die
im Profiradrennsport mitunter am häufigsten genutzte Variante zur
Erhöhung des Kortisonspiegels. Die Injektion von ACTH ist eine sehr
effiziente Methode zur Steigerung der körpereigenen Kortisonproduktion.
Bislang war die Verwendung von ACTH noch nicht nachweisbar.
ACTH ist ein Hormon, das von der Hirnanhangdrüse produziert wird und die
Nebennierenrinden zur Produktion von Kortison anregt. In der Schulmedizin
wird ACTH fast nur noch zur Überprüfung der Nebennierenrinden-Funktion
verwendet. Jegliche Therapie mit dem Ziel eines langfristig erhöhten
Kortisonspiegels wird mittlerweile fast ausschließlich mit Kortisonpräparaten
durchgeführt (siehe Kortison).

Die Wirkungsweise von ACTH läßt sich dabei vielleicht am besten durch
einem Vergleich mit den beiden Peptidhormonen LH (Luteinisierendes
Hormon) und FSH (Follikelstimulierendes Hormon) darstellen. Während LH
und FSH die Hoden zur Testosteronproduktion anregen, führt ACTH zur
Produktion von Kortison sowie in geringerem Ausmaß auch zu einer vermehrten
Produktion von Aldosteron, einem Mineralkortikoid. Die Folge ist
ein höherer Kortisonspiegel im Körper. Sowohl der Kortison-, als auch
Testosteronspiegel sind einem Hyophysären Regelkreis unterworfen. Im Falle
von ACTH bedeutet dies, daß bei einem erniedrigten Kortisonspiegel die
Hypophyse vermehrt ACTH produziert, wodurch wiederum mehr Glucocorticoide
(Kortison) produziert werden. Liegt ein hoher Glucokorticoidspiegel
vor, so wird weniger ACTH ausgeschüttet. Interessant ist allerdings, daß
hohe körpereigene Kortisonspiegel neben einer Unterdrückung der ACTH Produktion
parallel zu einer verminderten GnRH (Gonaden Releasing Hormon)
— sowie zu einer verminderten GHRH (Growth Hormon Releasing
Hormon) Sekretion führen. Dadurch kommt es zu einem niedrigeren
Testosteron- und Wachstumshormonspiegel. Dies erklärt auch, warum
die Gabe von Kortison bei Kindern zu einer Wachstumsverzögerung
führen kann.

Pro Tag werden in etwa 20 mg ACTH von der Hypophyse produziert. Dabei
erfolgt die Sekretion in mehreren täglichen Schüben, die in einem zwei bis
dreistündigen Rhythmus ablaufen. ACTH besitzt eine relativ kurze Halbwertszeit,
und der erzielte Anstieg des Glukokortikoidspiegels ist nur über
zwei Stunden wirksam. Der körpereigene Kortisol-Spiegel erreicht seine
Maximalwerte früh morgens, um dann bis Mitternacht wieder abzusinken.
Dabei ist der Kortisonspiegel neben diesem spontanen Tag-Nachtrhythmus
auch äußeren Einflüssen unterworfen. Beispielsweise führt Streß über eine
vermehrte Katecholaminausschüttung (Adrenalin, Noradrenalin), zu höheren
ACTH Spiegeln und damit wiederum zu höheren Kortisonspiegeln.
ACTH hat dabei ähnlich wie HCG keine direkte Wirkung, sondern entfaltet
lediglich über eine vermehrte Kortisonproduktion seine Wirkung. ACTH wird
von den meisten Athleten gerne kurz vor dem Wettkampf verwendet, um so
für einen konstant hohen Kortisonspiegel zu sorgen. Dieser macht sich dann
in Form einer lockeren und damit auch sehr leistungsfähigen Muskulatur
bemerkbar. Durch ACTH Präparate kommt es zu einem Anstieg des Blutzuckerspiegels
und der Körper befindet sich in einem Zustand erhöhter
Leistungsfähigkeit. Viele Radsportler verwenden z.B. Synacthen® in
Verbindung mit Stimulanzien, wodurch es zu einer spürbar euphorischen Stimmung kommt.

Entscheidend für die Leistung in allen Sportarten, die eine hohe Anforderung
an die Ausdauerleistungsfähigkeit stellen, ist die Versorgung der arbeitenden
Muskulatur mit Sauerstoff. Neben der Sauerstoffaufnahmekapazität der
Lunge und dem Sauerstofftransport durch die Blutgefäße ist vor allem die
Aufnahme des Sauerstoffs aus den Kapillargefäßen in die Muskulatur ein
entscheidender Punkt dafür, wieviel Sauerstoff dem Muskel letzten Endes zur
Verfügung steht. Damit es zum Sauerstoffaustausch kommen kann, ist ein
entsprechender Blutfluß durch diese kleinsten Gefäße notwendig. Sowohl
eine übermäßige Nährstoffeinlagerung in der Muskulatur, als auch eine
hohe Kaliumkonzentration führen zu einem hohen Druck innerhalb der
Muskulatur, was wiederum zu einer verminderten Durchblutung der
Kapillaren führt. In diesem Fall kommt es dann zu einer anaeroben Energiegewinnung
in der betroffenen Muskulatur. Man spricht von einer lokal
anaeroben Energiebereitstellung.

Wird die anaerobe Schwelle während eines Wettkampfes zu oft und zu lange
überschritten, so kommt es zu einem merklichen Leistungsabfall. Auch die
Abbauzeit für entstandenes Laktat nimmt überproportional zu, und der
Athlet ist gezwungen „einige Gänge herunterzuschalten”. Gelingt es, die
anaerobe Schwelle hinauszuzögern, so steigt automatisch die Ausdauerleistungsfähigkeit.
Damit geht jegliche Methode zur Erhöhung der aeroben
Leistungsfähigkeit mit einer signifikanten Leistungssteigerung einher.
Unter der Verwendung von ACTH kommt es zu einer vermehrten Ausscheidung
von Kalium aus der Muskelzelle, wodurch der intramuskuläre
Druck abnimmt. Die Versorgung der Muskulatur mit Sauerstoff verbessert
sich deutlich. Athleten berichten davon, daß sich durch die Gabe von
Synacthen® die Muskulatur am ganzen Körper merklich entspannt. Die
Muskulatur befindet sich in einem „weicheren Zustand”. So fällt es beispielsweise
dem Radrennfahrer leichter, steile Anstiege zu bewältigen, ohne daß
„die Muskeln zu machen”, also ohne daß es aufgrund des erhöhten intramuskulären
Drucks zu einer Minderdurchblutung der Kapillaren kommt. So
kann der Athlet bei höheren Herzschlagfrequenzen mehr Leistung entfalten,
ohne daß es zu einer lokalen Übersäuerung und damit zu einem schnellen
Leistungsabfall kommt.

Bei Radkriterien etwa ist es von entscheidender Bedeutung, gleich vom Start
weg hohe Kraftanforderungen bzw. Intensitätsspitzen zu verkraften. Vor
allem dann, wenn sich der Athlet fälschlicherweise mit Kohlenhydraten aufgeladen
hat, kommt es schnell zu einer lokal-anaeroben Energiegewinnung.
Wer sich hier gleich zu Beginn sauer fährt, hat später schlechte Karten: Die
entstehende Milchsäure hat schon des öfteren gleich zu Beginn des Rennens
die Hoffnung auf eine vordere Plazierung zunichte gemacht. Athleten, die
Kortison verwenden, besitzen hier einen eindeutigen Vorteil.
Ebenfalls berichten Athleten davon, daß sich durch die Gabe von ACTH
Muskelschmerzen kurzfristig beseitigen lassen. Auch in den Laufdisziplinen,
in denen die Beinmuskulatur immense Stoßbelastungen verkraften muß
kommt es oft zu Verhärtungen und Entzündungen. Hier ist es vor allem die
antiphlogistische Wirkung eines erhöhten Kortisonspiegels, die für einen
schmerzfreien Verlauf des Wettkampfes sorgt. Wird Kortison allerdings zu
hoch dosiert, so tritt ein allgemeines Trägheitsgefühl ein.

Da die Wirkungsdauer der ACTH-Präparate relativ kurz ist, injizieren viele
Athleten das Präparat direkt vor dem Wettkampf und führen dann bei Bedarf
während des Rennens Hydrocortison Tabletten zu. Im Gegensatz zu reinem
ACTH (Acetropan) liegt bei den gängigen ACTH Varianten lediglich eine dem
Adenocorticotrophen Hormon (ACTH) ähnliche Substanz vor. Dieser unter
dem Namen Tetracosactid bekannte Wirkstoff ist in seiner Wirkungsweise
dem ACTH identisch, besitzt aber einen chemischen Aufbau, der eine kürzere
Aminosäuren-Kette aufweist.

Da Tetracosactid bei oraler Aufnahme von der Magensäure zerstört werden
würde, bleibt als einzige Darreichungsform die injizierbare Variante.
Bis zu diesem Punkt mag sich die Anwendung von ACTH aus der Sicht des
Athleten als positiv und vielversprechend ausnehmen, doch leider hat die
Sache einen Haken. Die einmalige Anwendungen moderater Mengen an
ACTH führt in den allermeisten Fällen lediglich zu einer Wasserspeicherung
unter der Haut.

Während bei einem wiederholten und vor allem langfristigen Gebrauch
durchaus schwerwiegende Nebenwirkungen auftreten können.
Wer einen Blick in die Packungsbeilage eines Glukocorticoides wie Synacthen
wirft, findet unter Nebenwirkungen in etwa folgende Auflistung:

Muskelschwund
Osteoporose und damit ein erhöhtes Risiko von Knochenbrüchen
Erhöhtes Risiko an Augenleiden (grauer und grüner Star) zu erkranken.
— Abnahme der Hautstärke, verzögerte Wundheilung, vermehrtes
Auftreten von sog. Dehnstreifen, Steroidakne
Depression, Gereiztheit
Magenbeschwerden, Neigung zu Magengeschwüren,
Magenschleimhautentzündung
Vollmondgesicht
Stammfettsucht ( Neigung zur Gewichtszunahme an Bauch, Rücken)
Verminderte Glukosetoleranz, Diabetes mellitus
Vermehrte Natriumretention, Kaliummangel
Desensibilisierung der Nebennierenrinde
Wachstumsverzögerung bei Kindern
Störung der Sexualhormonsekretion
Hirsuitismus (übermäßige Körperbehaarung)
Bluthochdruck
— Erhöhtes Thromboserisiko (Bildung von Blutgerinnseln)
— Schwächung des Immunsystems

Wie bei jedem Beipackzettel handelt es sich auch in diesem Fall bei den aufgelisteten
Nebenwirkungen jeweils um potentielle Nebenwirkungen, was
bedeutet, daß es zum Auftreten der Symptome kommen kann, aber nicht
kommen muß. Kurzfristige Anwendungen (10-14 Tage) rufen selbst bei
höheren Dosierungen kaum Nebenwirkungen hervor. Dennoch wird ersichtlich,
wie vielfältig und zum Teil auch schwerwiegend die Nebenwirkungen sein
können. Viele Athleten verwenden daher Corticosteroide entweder nur
punktuell zu den Wettkämpfen oder führen die Anwendung in Zyklen durch.
Meist wird in den Wintermonaten und in der Vorbereitungsphase vermehrt
mit anabolen Steroiden gearbeitet, wohingegen zu den Wettkämpfen hin
dann mehr Kortisonpräparate zum Einsatz kommen. So halten sich die
katabolen (abbauenden) Prozesse auf der einen Seite, sowie die anabolen
(aufbauenden) Prozesse auf der anderen Seite über die Saison hinweg
gesehen die Waage.

Die meisten Athleten verwenden dabei zwischen 50 und 200 IE Tetracosactid,
die direkt vor dem Wettkampf intramuskulös injiziert werden. Ganz Wagemutige
basteln sich sogar Injektionskanülen unter Trikot oder Hose, so daß
noch eine Dosis während des Rennens verabreicht werden kann. Synacthen
ist neben seiner ursprünglichen Form auch als Retard-Variante mit Depot
Wirkung erhältlich.

Das in deutschen Apotheken erhältliche Synacthen Depot ist in Dosierungsstärken
von 0,5 Milligramm je Milliliter, sowie zu 1 Milligramm je Milliliter
erhältlich, was einer Menge von 50 IE bzw. 100 IE Tetracosactid entspricht.
ACTH ist bislang auf dem Schwarzmarkt nur sehr schwer erhältlich.

Die Präparate
Ciba (GER), Synacthen 25 IE
Ciba (GER), Synacthen Depot 501E/100 IE

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