BERUFSRISIKO LEISTUNGSSPORT

Wer einmal 100 Jahre zurückblickt und einen Blick auf die Arbeitsbedingungen
wirft, der wird feststellen, wie viel sich in dieser Richtung getan hat.
Wer zu dieser Zeit als Heizer auf einer Dampflock tätig war, oder im Untertagebau
sein täglich Brot verdienen mußte, den fragte keiner danach, ob dies
für seine Wirbelsäule oder für seine Lunge negative Auswirkungen habe…
Die Arbeitsbedingungen sind weit besser geworden, doch wo gesundheitsschädliche
Berufe wegfallen, kommen im gleichen Atemzug neue hinzu und
einer davon schimpft sich Leistungssportler. Wer heute an die nationale oder
gar internationale Spitze will, der muß aus seinem Körper das letzte herausholen.
Vorbei sind die Zeiten, in denen Ausnahmeerscheinungen allein durch
ihr Talent und ihren Trainingsfleiß die Welt des Sports erobert haben; zu groß
ist die Konkurrenz. Je weiter man nach oben kommt, desto dünner wird die
Luft…

Der einzige Unterschied zwischen damals und heute ist die Freiheit des
Menschen. Wer im Jahre 2000 zu der Überzeugung gelangt, daß die Chance
auf einen überdurchschnittlichen Verdienst und auf einen entsprechenden
Bekanntheitsgrad die gesundheitlichen Risiken nicht wert ist, der hat die
Möglichkeit sich einen anderen Job zu suchen. Im Jahre 1900 war die
Realisierung einer derartigen Entscheidung dagegen schwierig.
Dabei ist der Leistungsport sein eigener Gegner: Wie kaum eine andere
Berufssparte ist er auf eine positive Öffentlichkeitsresonanz angewiesen.
Würde Doping freigegeben, so ginge wohl die Anzahl der Sponsoren schlagartig
zurück. Mit gedopten Sportlern läßt sich kein Geld verdienen: „Wer als
Sponsor nicht absolut sicher sein kann, daß in seinem Team Sauberkeit
herrscht, der muß zurück — wer Doping toleriert, der ruiniert sein Firmenimage”,
so der Aufsichtsratvorsitzende des Opel-Konzerns Hans Wilhelm
Gäb in einem Interview mit dem Spiegel vom 3. August 1998.

Doch welch ein Sponsor kann bei den heutigen Verhältnissen, den enormen
Anforderungen und dem harten Wettbewerb noch sicher sein, daß sein
Athlet oder sein Team „clean” ist? Die Tatsachen eines mittlerweile flächendeckend
verbreiteten Dopings stehen dem gegenüber. Auch König Fußball
hat bereits seine ersten Blessuren abbekommen:
„Es wird noch soweit kommen, daß wir alle Doping brauchen, um zu überleben.
Einige Fußballer tun es schon jetzt. Ich weiß das. Aber ich gebe keine
Namen bekannt”, erklärte der französische Weltmeister Petit. Auch in Italien
zitterten unzählige Fußballprofis vor den Ermittlungen der Behörden wegen
dem verbotenen Einsatz von Dopingmitteln.

Ob in Schulen, Universitäten oder in Büros: Der Einsatz von leistungssteigernden
Substanzen ist in unserer Leistungsgesellschaft heute allgegenwärtig.
13 Millionen Franzosen schlucken regelmäßig Beruhigungs- und Aufputschpillen,
so der Spiegel in seiner Ausgabe vom 20. Juli 1998, fraglich bleibt nur,
wieviele dabei auf der Strecke bleiben…

Meist ist es ein gradueller Einstieg in die Welt des „pharmazeutischen Sports”
und die meisten Athleten wissen nicht, auf was sie sich mit dem ersten Griff
zur „chemischen Keule” einlassen. Waren es anfangs vielleicht nur ein paar
Clenbuterol-Tabletten, so werden später daraus anabole Steroide und dann
vielleicht Kortison und sogar Amphetamine. Wer gleich mit der gesamten
Wahrheit der Welt des Dopings konfrontiert wird, kann unabhängig eine Entscheidung
für sich treffen, ohne irgendwann von sich sagen zu müssen, daß
er schon zu viel investiert habe und die Sache jetzt durchziehen müsse.
Hochleistungssport ist ein knallhartes Geschäft und hat sich mittlerweile sehr
weit vom Gesundheitssport entfernt. Wer hier mit falschen Erwartungen
einsteigt, der setzt vielleicht viel aufs Spiel, um letzten Endes doch auszusteigen…
Vor allem die Tatsache, daß eine Vielzahl von Medikamenten parallel eingesetzt
werden, wobei möglichen Nebenwirkungen Tür und Tor geöffnet ist,
gibt Grund zur Besorgnis. Kaum jemand weiß um die potentiellen
Neben- und Wechselwirkungen einer derartigen „polypharmazeutischen”
Vorgehensweise, geschweige denn um die möglichen Spätfolgen.

Wer einmal die weite Verbreitung von Medikamenten zur Leistungssteigerung im internationalen Spitzensport betrachtet, dem stellt sich unweigerlich die Frage, warum
nicht mehr Studien über Nebenwirkungen und Spätfolgen existieren. Dabei
geht es nicht nur um den Sport: Auch in anderen Bereichen werden
Arzneimittel eingesetzt, um die menschliche Leistungsfähigkeit oder das
Verhalten zu manipulieren. Die Zeiten, in denen diese nur zur Bekämpfung
von Krankheiten eingesetzt wurden, scheinen sich dem Ende zu zuneigen.
Wo ist die Grenze? In den USA wird mittlerweile über 3 Millionen (!) Kindern
das Arzneimittel Ritalin verabreicht. Man diagnostiziere bei dem lebhaften
Nachwuchs flux eine Hyperaktivität, und schon ist der Einsatz eines
Beruhigungsmittels genehm…

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