DIE BLUTTESTS

Falls Sie zu den glücklichen gehören, die ihre Steroide von einem Arzt verschrieben bekommen, dann ist anzunehmen, daß dieser auch verschiedene Bluttests durchführen wird. Leider werden die meisten Steriode auf dem Schwarzmarkt beschafft. Trotzdem ist es zu empfehlen, die Gesundheit nicht zu gefährden. Aus diesem Grund sollten Sie einen Arzt finden, der Sie trotz ihres Anabolika-Konsums als Patient behandelt. Meistens wird man von den Ärzten nicht mehr als Patient für voll genommen, wenn man offenbart, daß man Anabolika benutzt oder es vor hat.

Hat man dann doch das Glück, einen hilfreichen Arzt gefunden zu haben, kann es vorkommen, daß die durchgeführten Tests mißinterpretiert werden. Das ist ein ganz normales Vorgang, Sportler haben immer andere Bluttest-Ergebnisse als Nichtsportler, speziell was Leber- und Nierenwerte angeht. Bodybuilder und Powerlifter sind normalerweise bei den Tests am oberen Ende der Skala. Die Transaminasen, SGOT und SGPT, sind bei Kraftsportler immer hoch oder zu hoch. Diese beiden Werte beschreiben den Umbauprozeß von einer Aminosäure in eine andere. Der Körper vermag aus bestimmten, aufgenommenen Aminosäuren bei Bedarf andere Aminosäuren zu bilden. Durch die erhöhten Stoffwechselvorgänge (stärkerer Eiweißanbau) bei Kraftsportlern ist der Bedarf an bestimmten Aminosäuren höher als bei Nichtsportlern, aus diesem Grunde die erhöhten Transaminasen. Eine Erhöhung dieser Werte sollte einen Arzt nicht unbedingt in Sorge versetzen.

Zwei Werte, die direkt mit dem Konsum von Steroiden zusammenhängen, sind die Glutaminsäuredehydrogenase (G1DH) und die alkalische Phosphatase. Falls diese beiden Werte also erhöht sind, ist Vorsicht geboten. Dann empfiehlt es sich, bei der Auswahl ihrer Medikamente und bei der Dosierungshöhe Vorsicht walten zu lassen. Bei Problemen in diesem Bereich sind sehr milde Mittel wie z.B. Primobolan, Deca-Durabolin bei den injizierbaren, und Stromba, Andriol oder Primobolan-Tabletten eher angebracht als z.B. Anadrol oder ähnliches. Eine Blutsenkung wird zeigen, ob Ihr Imunsystem angegriffen ist. Es wäre natürlich gut, einen Arzt zu finden, der mit den Besonderheiten von Kraftsportlern Erfahrung hat. Um es noch einmal zu wiederholen: Steroide erhöhen in erster Linie die G1DH und die alkalische Phosphatase. Werte wie SGOT und SGPT sind bei Kraftsportlern schon allein durch das schwere Training und den somit höheren Gewebeverschleiß erhöht. Im Bereich der Nierenfunktionstests wird Ihr Arzt in erster Linie die Kreatininwerte und den Harnsäurespiegel überprüfen. Der Harnsäurespiegel steigt, bzw. schwankt mit der Purinaufnahme (Nukleotide aus dem Muskel). Wenn sie z.B. viel Schweinefleisch, Wurst etc. essen, haben sie sicherlich hohe Harnsäurespiegel. Der Kreatininwert ist nicht abhängig von der Nahrungsaufnahme, sondern nur von der Nierenleistung. Ein hoher Harnsäurespiegel kann zu Gicht, Nierensteinen, Nierenversagen und Herzproblemen führen.

CHOLESTERIN UND TRIGLYZERIDE

Diese beiden Werte messen den Blutfettgehalt. Sie können durch die Nahrungsaufnahme entscheidend beeinflußt werden. Der Cholesterinwert sollte die magische Zahl von 200mg/dl Blut nicht überschreiten. Zu hohe Cholesterinwerte können – falls Diät nicht reicht – mit entsprechenden Medikamenten gesenkt werden. Die gebräuchlichsten Medikamente für diesen Zweck sind Fenofibrat (Lipanthyl©), Gemfibrozil (Gevilon©).

Ein anderes Medikament, das ausschließlich Chloesterin senkt, ist Lovastatin (Mevinacor©). Erwähnenswert im Zusammenhang mit den Leberfunktionen sind auch noch die Bilirubinwerte. Bilirubin ist das Abbauprodukt des roten Blutfarbstoffes. Dieses Pigment wird von der Leber über die Galle ausgeschieden. Das Gesamtbilirubin liegt zwischen 0,1 und 1,2 mg/dl Blut. Steigt dieser Wert an, so ist zu empfehlen, auf ein milderes Anabolikum umzusteigen.

Hoher Blutdruck kann die Nierenfunktion negativ beeinflussen. Mit hohem Blutdruck ist nicht zu spaßen. Man kann zwar damit leben, ruiniert sich aber damit vorzeitig die Arterien – man kann auch frühzeitig daran sterben. Der Ruheblutdruck sollte nicht über 130/90 ansteigen. Falls der Blutdruck auf Dauer übermäßig ansteigt, ist mit einem blutdrucksenkenden Mittel Abhilfe zu schaffen. Das bevorzugte Medikament bei Sportlern ist Katapres, in Deutschland als Catapressan im Handel. Das besondere an diesem Mittel ist die Tatsache, daß es die Sekretion von HGH, Wachstumshormon, erhöht. Weitere gebräuchliche Mittel sind Betablocker. Meiner Meinung nach für Sportler weniger zu empfehlen, da gleichzeitig die Herzfrequenz sinkt, was leistungsmindemd wirkt. Für Sportler keine gute Lösung.

Der Puls sollte zwischen 60 und 70 Schlägen pro Minute liegen. Als nächstes sollte die Schilddrüse überprüft werden. Diese kann durch Anabolika-Gebrauch in ihrer Funktion beeinträchtigt werden.

Fehl- oder Unterfunktionen der Schilddrüse sind relativ einfach zu korrigieren.

Empfehlenswert ist ein Test von T3, T4, T3-Aufnahme und thyroidea-stimmulierendes Hormon (TSH). Das freie T3 ist das Hormon, das uns besonders interessiert. Freies T3 ist das Hormon, das der Körper verwendet. T3-Werte sollten am oberen Ende der Skala angesiedelt sein, damit der Stoffwechsel optimal anabol gestimmt ist. Zur Korrektur sollte ein synthetisches T3- oder T4-Präparat benutzt werden. T4 wird vom Körper in T3 umgewandelt.

Ein weiterer wichtiger Test für Männer und Frauen ist der Serum-Östrogen-RIA. Das Serum-Östrogen sollte am unteren Ende der Skala liegen. Eine Justierung nach unten kann mit handelsüblichen Östrogen-Antagonisten wie zB. Nolvadex erfolgen. Die Dosierung sollte bei Männern 10 mg pro Tag, bei Frauen 20 mg pro Tag betragen. Falls ihr Serumöstrogen hoch ist, kann es sein, daß sie Probleme mit hohen Körperfettspiegeln haben. Leider haben die meisten Ärzte keine Ahnung davon, wie wichtig niedere Östrogenspiegel für Sportler sein können, männliche wie auch weibliche. Eine ganz intensive Betrachtung der Bluttests wäre für unsere Zwecke sicherlich übertrieben. Wenn man die Szene durchleuchtet, wird man feststellen, daß die meisten Sportler Steroide einnehmen, jedoch niemals diesbezüglich Bluttests durchführen lassen. Logisch betrachtet müßten viele dieser Sportler sehr krank werden. Bei einem Bluttest würden viele von ihnen sehr ungesund erscheinen. Seltsamerweise sehen diese Sportler aber sehr gesund aus und entwickeln niemals irgend welche Krankheitssypmtome. Alles in allem leben diese Menschen außerordentlich gut, vor allem, weitgehend verschont von schlimmen Krankheiten. Wie gefährlich sind Steroide eigentlich? Wenn man lange genug sucht, findet man vereinzelt Berichte über kranke Sportler, sogar solche, die gestorben sind. Diese vereinzelten Fälle sind jedoch statistisch so insignifikant, daß ihnen die medizinische Gesellschaft keine Beachtung schenkt. Es gibt keine großen, prallen Bände über steroidbezogene Krankheiten wie dies bei anderen Medikamenten, die Risiken bergen, üblich ist.

Atlethen haben Steroide rund 50 Jahre lang ge- und mißbraucht, ohne daß es wirklich Beweise für ihre Schädlichkeit gibt.

Ich glaube, daß man vielen Gesundheitsproblemen durch Steroide vorgebeugen könnte, wenn die Sportler die beschriebenen Tests ernstnehmen würden. Einige Milliliter abgezapftes Blut können Sie vor ernsthaften Gesundheitsproblemen bewahren. Ihre Gesundheit sollte Ihnen den kleinen Stich mit der Nadel wert sein.

Wichtiger als die Fülle der beschriebenen Tests ist die Durchführung der Grundtests. Diese sollten nur dann durchgeführt werden, wenn alle Medikamente aus ihrem Körper ausgeschieden sind. Die Zeit bis zur vollständigen Ausscheidung der Medikamente variiert mit den benutzten Mitteln, doch selbst bei Nandrolonen dürften nach 2-3 Monaten keine aktiven Substanzen mehr im Körper sein. Bei Tabletten sollten nach 3-4 Wochen die Körperfunktionen wieder normal sein.

Lassen Sie die Grundtests niemals durchführen, solange sie Steroide einnehmen. Ihr Arzt oder Sie selbst brauchen Referenzwerte. Diese können nur genommen werden, wenn ihr Körper frei ist von den Medikamenten. Nachdem die Grundwerte festgelegt sind, können Sie oder Ihr Arzt bei Medikamenteneinnahme eventuelle Abweichungen feststellen. Wenn Sie einen guten Arzt oder viel Geld haben, können Sie von Steroid zu Steroid oder Kombination zu Kombination erneut Tests durchführen lassen und so die Belastung Ihres Körpers genau determinieren. Die normalen Tests wird im Normalfall ihre Krankenkasse bezahlen. Die Testosteron- und Östrogen-RIAs müssen Sie aus Ihrer eigenen Tasche bezahlen – eine recht kostspielige Angelegenheit. Vor einigen Jahren mußte ich für einen Hormontest rund 1000 Euro bezahlen. Ein stolzer Preis, der zustande kommt durch die teuren Testreagenzien, die benötigt werden.Möglicherweise ist durch eine regelmäßige Durchführung der Untersuchungen festzustellen, inwieweit verschiedene Steroide sich verschieden auswirken.

Eine Auflistung der wichtigen Tests:

 

Bei Männern:

Komplette Untersuchung plus Prostatauntersuchung
Samenanalyse
Blutbild, Blutsenkung, Triglyceride, Cholesterin mit LDL und
HDL
alkalische Phoshatase, GLDH
Schilddrüsenwerte: freies T3, freies T4 und TSH
Serum-Östrogen-RIA

Bei Frauen zusätzlich eine Unterleibsuntersuchung.

Falls Sie weder Ihre Medikamente noch Ernährung und Training ändern, sind Untersuchungen im Quartalsabstand ausreichend. Anderenfalls sollten bei jeder Veränderung die Tests wiederholt werden. Falls Sie so vorgehen wollen, empfiehlt es sich, die verschiedenen Medikamente ihrer Schädlichkeit entsprechend der Reihe nach zu testen. Das heißt zuerst injizierbar Steroide, dann orale wie Anavar, Stromba oder Andriol, zum Schluß dann orale wie Anadrol 50, Dianabol und Halotestin.

Posted in Anabolika | Comments Off on DIE BLUTTESTS

Frauen und anabole Steroide

Der Gebrauch anaboler Steroide bei weiblichen Sportlern ist bisher noch nicht wissenschaftlich untersucht worden. Viele weibliche Athleten kennen die Vorteile anaboler Steroide. Der Gebrauch dieser Medikamente nimmt bei ihnen mit wachsendem Interesse für eine bestimmte Sportart zu. Die Verbreitung des Steroidgebrauchs bei Frauen läßt sich aber aus verschiedenen Gründen nicht genau bestimmen. Virilisierende Effekte können mit heutigen Steroidpräparaten leicht vermieden werden und über das Tabu „männliche Hormone im weiblichen Körper” wird zudem nur ungern gesprochen.

Hegen weibliche Athleten falsche Hoffnungen bezüglich anaboler Steroide?

Weibliche Athleten liegen sehr wahrscheinlich nicht falsch, wenn sie annehmen, daß anabole Steroide ihnen Vorteile in ihrer speziellen Sportart verschaffen. Kraft, Muskelmasse und Ausdauer sind wichtige Faktoren in beinahe allen Disziplinen; Frauen können einen Zuwachs an Kraft und Ausdauer genauso gewinnbringend einsetzen wie Männer. In einigen Sportarten sind mit Steroiden gedopte weibliche Sportler nicht von ungedopten Frauen zu unterscheiden; in anderen fallen sie selbst dem flüchtigen Befrachter auf.

Unter den Sportarten, in denen Steroiddoping bei Frauen zugenommen hat, wäre z.B. das Bodybuilding zu nennen. Aber es steht lange nicht an erster Stelle: Steroide werden von Frauen vor allem beim Marathonlauf und in der Leichtathletik eingesetzt. Die Auswirkungen anaboler Steroide sind bei der Frau die gleichen wie beim Mann: Zunahme des Blutvolumens, Anstieg der Hämoglobinkonzentration und eine mögliche Zunahme an Muskelmasse und Kraft. Daraus ergeben sich eine Zunahme der Ausdauerleistung, eine Verringerung des Körperfettgehalts und Veränderungen in dessen Verteilung sowie Veränderungen des menstrualen Zyklus.

Man weiß heute, daß viele Frauen Doping mit Steroiden durch die Behauptung verschleiern, sie würden orale Kontrazeptiva (die „Pille”) einnehmen. Die Einnahme von empfängnisverhütenden Mitteln ist weiblichen Sportlern vor und während des Wettkampfes erlaubt, sogar bei den olympischen Spielen. Frauen werden mit den gleichen Methoden auf androgene anabole Steroide getestet wie Männer. Wenn eine Frau aber angibt, die „Pille” zu nehmen, verläuft der Dopingtest etwas anders. Man nimmt an, daß in den osteuropäischen Ländern (besonders in der ehemaligen DDR) eine Pille mit hohem Anteil an Progesteron-Steroiden von weiblichen Athleten eingesetzt wird. Diese Pille soll stark anabol wirken, beim Dopingtest aber nur als Kontrazeptivum identifiziert werden können. Diese Art des Steroiddopings ist nur schwer zu entdecken.

Zusammenfassung

Bei den weiblichen Athleten zeigten die Verunglimpfung anaboler Steroide und ausgeklügelte Dopingtests ebensowenig Wirkung wie bei den männlichen. Die meisten Frauen, die Steroide einsetzen, werden wahrscheinlich die gleichen Verbesserungen ihrer Leistungsfähigkeit erfahren wie Männer. Und genau wie bei den Männern, gilt auch für weibliche Athleten: Wenn keine präzisen Untersuchungen stattfinden, wird man auch in Zukunft keine verläßlichen Aussagen über den Steroidgebrauch machen können. Doch dieser Mangel an Daten wird den Gebrauch anaboler Steroide unter weiblichen Sportlern nicht verhindern.

Posted in Anabolika | Comments Off on Frauen und anabole Steroide

DIE ERNÄHRUNG

Hiermit sind wir bei dem Hauptthema des Body-Building- Trainings angelangt. Der Bedarf an Nährstoffen (Kohlenhydrate, Eiweiß, Fett, Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente) steigt so drastisch an, daß das finanzielle Limit der meisten Kraftsportler schon zu Beginn erreicht ist. Wir beziehen uns bei den Mengenangaben auf neueste Erkenntnisse der russischen Sporternährungs-Forschung. Folgende Nährstoffe sollten in den angegebenen Mengen zugeführt werden:

Eiweiß (E) 3- 5 g/kg Körpergewicht = 5,65 Kcal/gramm

Kohlenhydrate (KH) 9-13 g/kg Körpergewicht = 4,10 Kcal/ gramm

Fett (F) 1,5- 3 g/kg Körpergewicht = 9,45 Kcal/gramm

Diese Werte erscheinen nicht sehr hoch, doch lassen Sie uns diese Werte auf einen Sportler mit 100 kg Körpergewicht berechnen. Wir verwenden jeweils einen Mittelwert der angegebenen Mengen.

Eiweiß 4 g/kg = 400 g/Tag = ca. 1.600 Kcal.

Kohlenhydrate 11 g/kg = 1.100 g/Tag = 5.600 Kcal.

Fett 2 g/kg = 200 g/Tag = 1.800 Kcal.

Gesamtkalorienaufnahme ca. 9.000 Kcal.

Der tägliche Kalorienbedarf eines 100 kg Body-Builders entspricht somit fast dem wöchentlichen Kalorienbedarf eines Nichtsportlers. Diese Kalorienmenge kann ohne Nahrungszusätze in Form von Gewichtszunahmemitteln oder Eiweißkonzentraten kaum bewältigt werden. Bei diesen Mitteln jedoch ist zum einen auf die Eiweißqualität (Aminosäurebilanz), zum anderen auf die Qualität der beinhalteten Kohlenhydrate zu achten. Auch die Art der darin vorkommenden Fette ist von großer Wichtigkeit. Mittlerweile sind Gewichtszunahmemittel auf dem Markt, die anstatt normaler Nahrungsfette leicht verdauliche MCT-Fette (Medium-Chain-Triglyceride) enthalten. Diese Fettart wird vom Körper schneller und leichter in Energie umgewandelt als herkömmliche Fett. In Anbetracht des großen Kalorienbedarfs werden viele von Ihnen auf FastFood zurückgreifen. Hierzu sei nur gesagt, daß durch den zumeist sehr hohen Fettgehalt dieser Fast-Food-Nahrungsmittel mehr nicht immer besser bedeutet. Die Fettaufnahme kann zwar die angegebenen Werte überschreiten, sollte jedoch nicht höher als 25 – 30 0/0derGesamtkalorienmenge liegen. Dieser letztere Wert bezieht sich vorwiegend auf Sportler, die mehr als 110 kg Körpergewicht haben. Die Eiweißzufuhr sollte in keinem Fall 3 g/kg Körpergewicht unterschreiten. Dazu folgendes Beispiel: die übliche Nahrung setzt sich aus ca. 60% Kohlenhydrate, 25% Fett und 15% Eiweiß zusammen. Für Kraftsportler ist dieses Verhältnis ungeeignet, denn zur Hypertrophie eines Muskels (Dickenwachstum der Muskelfaser) ist eine erhöhte Zufuhr von Eiweiß erforderlich. Dabei gilt folgender Grundsatz: je größer der Anteil der Maximalkraft am Leistungsgefälle in einer Sportart, desto mehr muß das Eiweißangebot in der Nahrung das übliche Maß übersteigen. Das ist besonders dann wichtig, wenn derMaximalkraftgewinn auf eine ausgeprägte Hypertrophie abzieht. Dies belegt das nun folgende Experiment: während bei gleichbleibendem Training und einer Aufnahme von 1 g Eiweiß/ kg Körpergewicht die statische Maximalkraft um durchschnittlich 0,8%derAusgangskraft ansteigt, kommt es bei nur 0,8 g/kg Körpergewicht nicht mehr zu einer nennenswerten Zunahme (0,2 0/0/Woche). Die Erhöhung des Eiweißanteils auf 2 g/kg Körpergewicht leitet einen rapiden Kraftanstieg ein, der 2% pro Woche im Vergleich zur Ausgangskraft beträgt (Hettinger 1964). Nährstoffe, und damit das Eiweiß, müssen nach dem Training möglichst schnell aufgenommen werden. Nur so werden die entleerten Energiespeicher über das vorhandene Maß gefüllt. Zur Versorgung des Muskels mit den zum Wachstum erforderlichen Aminosäuren eignen sich freie L-Form-Aminosäuren vorzüglich. Dies ist vor allem direkt nach dem Training günstig, weil dann derEiweißanbau stark erhöht ist. In diesem Zusammenhang spricht man von einer schnellen Restitutionsphase (Wiederaufbauphase), die rund 10 Stunden andauert, und einer langsamen, die ca. 2 Tage überspannt. Auch wird die Erregbarkeit des Nervensystems durch erhöhte Eiweißzufuhr gesteigert. Die Organbelastung durch Nahrungseiweiß kann unter Zuhilfenahme von modernen Aminosäureprodukten gemindert werden. Auch verringert sich hiermit die Nahrungsmenge.

VITAMINE UND MINERALSTOFFE

Die Bedeutung der Vitamine und Mineralstoffe sollte von Body- Buildern und Power-Liftern nicht unterschätzt werden. Viele Vitamine und Mineralstoffe wirken co-enzymatisch, d. h. als Auslöserverschiedener biochemischer Vorgänge im Körper. Viele Vitamin- und Mineralstoffwirkungen sind bislang nicht erforscht, bzw. erkannt. Darauf wollen wir nicht näher eingehen, da dies in Spekulationen ausarten würde. Wir werden hier zum Vergleich eine Vitamin- und M ineralstofftabelle (a) mit Werten, wie sie von der Nationalen Akademie der Wissenschaft, Abt. Ernährung USA, erstellt wurde und eine Tabelle (b) mit den Empfehlungen Bill Starr’s aus seinen 1976 veröffentlichten Buch „The strongest shall survive”.1nwieweit diese Angaben mit den Empfehlungen des Bundesgesundheitsministerium übereinstimmen, ist uns nicht bekannt.

 

Die Beste uns bekannte Vitamintabelle finden Sie in dem ausgezeichneten Buch von Dr. Fred Hatfield „Body-Building – a scientific Approach”. DIE FLÜSSIGKEITSBILANZ Als Kraftsportler müssen Sie großen Wert auf Ihren Wasserhaushalt legen. Allein aus der Tatsache heraus, daß Ihre Muskulatur zu 77% aus Wasser besteht, können Sie die Wichtigkeit der Flüssigkeitsaufnahme ersehen. Wie Sie wissen, werden in der Muskulatur Kohlenhydrate in Form von Glykogen eingelagert. Pro g Kohlenhydrate bindet der Körper durchschnittlich 3 -4 g Wasser. Dies wiederum verdeutlicht die Wichtigkeit der Wasseraufnahme für das Muskelvolumen.

Posted in Anabolika | Comments Off on DIE ERNÄHRUNG

Hormone 7

Schutzsteroide und Verteidigung

In der Sonne steht eine einzelne, niedrige Pflanze, direkt am Waldrand — aus der Rosette der samtenen Blätter ragt ein hoher Stiel mit purpurnen, braun gepunkteten Blüten.

Der ernste junge Mann genießt einen Augenblick den friedlichen Anblick, dann beugt er sich nieder und gräbt, fast mit Bedauern, die schöne Pflanze aus. Er weiß, ihre Blätter sind giftig, aber seine Lieblingspatientin braucht sie ja nur als Malvorlage. Als er am Nachmittag die Pflanze Helena Cook überreicht, richtet sie sich in ihrem Bett auf: »Oh, ein Fingerhut! Wie lieb von Ihnen, Dr. Withering, daß Sie immer an mich denken …«

»Digitalis purpurea«, sagt er steif. »Zur 14. Klasse Didynamia Angiospermia gehörend, äußerst giftig, im Mittelalter als Brechmittel verwendet …«

Aber Helena stößt sich nicht an der Lektion. Sie weiß, daß der junge Arzt nur ihretwegen diese langen Spaziergänge unternimmt. Daß er nur ihretwegen immer neue Blumen mitbringt und jetzt sogar ein Buch darüber schreiben will. Gerührt nimmt sie ein Blatt der Pflanze und legt es sorgfältig zwischen die Fließblätter ihres Herbariums: »Es wird mich immer an Sie erinnern, mein lieber Doktor.«

Aber das Blatt war nicht nötig, um Helena an ihren Arzt zu erinnern: Kurze Zeit später heiratet Helena Cook Dr. William Withering. Man schrieb das Jahr 1776, das meiste in der Medizin war schon entdeckt worden: Landsleute Witherings hatten entdeckt, daß es einen großen und einen kleinen Kreislauf gab, hatten die Pocken, die Syphilis und die Gicht beschrieben, die ersten Leukozyten im Blut gesehen. Gab es überhaupt noch etwas zu entdecken?

Jeder sucht dort, wohin er gerne geht. Withering, der es liebte, lange Spaziergänge in freier Natur zu unternehmen, glaubte, daß man selbst im England Georges III. noch etwas von der Volksmedizin lernen könne, daß man ihre geheimen und verlockenden Rezepte auf wirksame Substanzen durchsuchen müsse, um sie nach modernen Methoden anzuwenden. Er entschloß sich daher, nicht in die Hauptstadt zu ziehen, sondern in Stafford zu bleiben, wo er eine Praxis eröffnete. Aber so sehr er sich auch in seiner Freizeit umsah, die Ergebnisse waren enttäuschend: viel Quacksalberei, viel Geheimnistuerei, viel Mißtrauen um ihn herum, aber nichts, das die Welt aus den Angeln hätte heben können. Es dauerte acht Jahre, bis er der großen Entdeckung seines Lebens auf die Spur kam. Eines Tages rief man ihn zu einem seiner Kranken, der an unheilbarer Wassersucht litt und von einem Tee, den ihm ein Kräuterweiblein aus Shropshire verschrieben hatte, heftiges Erbrechen und Durchfall bekommen hatte. Jeder andere hätte die Symptome mit Laudanum oder Bismutum behandelt oder wäre beleidigt gewesen, weil man sich an jemand anderen gewandt hatte. Aber Witherings scharfes Auge sah nicht nur auf die Vergiftungserscheinungen. Er bemerkte staunend, wie gleichzeitig der kranke Körper große Mengen Urin ausschied, wie die Anschwellungen der Beine zurückgegangen und das keuchende Röcheln, das ihm viel Sorge gemacht hatte, einem ruhigen Atem gewichen war. Gedankenvoll suchte sein Finger in den Resten des Tees, den man ihm schuldbewußt zeigte — Wurzelreste, einige Beeren, Blätter, die er schon hundertmal gesehen hatte. Plötzlich stutzte er. Er sah sich wieder am Waldesrand stehen, eine Pflanze ausgraben, sie Helena geben. Was war es gewesen? Was hatte ihn daran erinnert?

Er packte den Tee ein, und zu Hause angekommen, schlug er das Herbarium seiner Frau auf und verglich die Blätter. Dann sah er die Eintragung: »Digitalis purpurea «. Ungläubig schloß er das Buch. Sollte die Pflanze, die ja als Brechmittel bekannt war und sicher die Vergiftungserscheinungen hervorgerufen hatte, auch noch andere, unbekannte Wirkungen ausüben? Aber wieso hatte das bisher niemand bemerkt?

Withering vertiefte sich in das Studium der Digitalispflanze und fand zu seiner Überraschung, daß tatsächlich schon Dioscorides, der Leibarzt Kaiser Neros, den Fingerhut gepriesen hatte, wenn es galt, die Wassersucht zu heilen. Aber im Mittelalter war er in Mißkredit gekommen: Man war dem Rezept des Dioscorides gefolgt und hatte statt Heilung Erbrechen und Tod gesehen, obwohl einige Kranke mit Gottes Hilfe die Einnahme des Aufgusses überlebt hatten. Eine genaue Untersuchung, so sagten die Bücher, habe ergeben, daß der Fingerhut zwar nicht die Wassersucht kuriere, aber statt dessen ein einfaches Mittel sei, um herauszufinden, wen Gott schützen und wen er als Hexe umkommen lassen wolle. Die schöne Pflanze war ein Synonym für ein Gottesgericht geworden. Einmal noch hatte einer versucht, den Fingerhut für die Medizin zu retten: Der bayrische Arzt Leonhard Fuchs, der der Pflanze durch eine Übersetzung des deutschen Wortes einen lateinischen Namen gab, wies im Jahre 1542 auf die ausschwemmende Wirkung hin. Eine Zeitlang kam die Pflanze wieder in Mode, aber bald überschatteten das Erbrechen und die Durchfälle alle möglichen Vorteile. Und da der Gebrauch so oft zum Tod führte, war es kein Wunder, daß schließlich die Academie Fran9aise ein Verdammungsurteil aussprach. Seitdem hatte es kein reputabler Arzt mehr gewagt, Digitalis zu verschreiben, auch Withering zunächst nicht.

Aber die Heilung des Patienten ließ ihn nicht los. Die Londoner »Pharmacopoeia«, das offizielle Arzneimittelbuch Englands, hatte Digitalis endgültig aus der Liste der Medikamente gestrichen, die man verschreiben durfte. Konnte er es verantworten, Kranken mit unheilbarer Wassersucht, die den sicheren Tod erwarten ließ, nicht zu helfen, nur weil es die ärztliche Etikette verbot? Wenn man nun die guten Eigenschaften von den schlechten trennen könnte .. .? Konnte es eine Frage der Dosierung sein? Konnte es sein, daß die von Dioscorides und Leonhard Fuchs beschriebene wassertreibende Wirkung schon bei einer so geringen Dosierung auftrat, die keine gefährlichen Nebenwirkungen befürchten ließ? Oder waren beide unausweichlich miteinander verbunden?

Nach der Art aller Naturwissenschaftler begann Withering zu experimentieren. Durch sorgfältig angelegte Versuche gelang es ihm zu beweisen, was er vermutet hatte, daß nämlich das gefährliche Erbrechen ein Vergiftungssymptom bei hoher Dosierung war, das mit der wassertreibenden Wirkung in keinem Zusammenhang stand. Die Schwierigkeit lag nur darin, Extrakte herzustellen, mit denen die geringe Schwelle zwischen therapeutischer und toxischer Dosis nicht überschritten wurde. Einmal war es das Alter der Blätter, das die Lösung zu stark machte, dann die Jahreszeit, in der sie gepflückt wurden, dann die Frage, ob man die Wurzeln nehmen sollte, Wasser oder Alkohol als Lösungsmitel? Withering gelang es, diese Schwierigkeiten zu meistern und damit den Gebrauch von Digitalis ungefährlich zu machen. Das war ein großer Beitrag zur Medizin. Aber noch hatte er sich nicht aus seiner kleinen Praxis in Stafford herausgewagt.

Die große Probe kam, als er nach Birmingham zog und von dem Arzt Erasmus Darwin, dem Großvater des großen Charles, am 25. Juli 1776 offiziell zu einer Konsultation hinzugezogen wurde. Er sah eine Kranke mit hoffnungsloser Wassersucht. Kurz entschlossen verschrieb er das berüchtigte Mittel, und innerhalb von 24 Stunden hatte die Patientin acht Liter Wasser verloren! Die medizinische Fachwelt applaudierte, der Fall wurde veröffentlicht. Der Durchbruch war gelungen.

Witherings Ruhm verbreitete sich in England und auf dem Kontinent und drang sogar bis ins ferne Amerika. Jeder wollte jetzt den berühmten Mann sehen, und einen großen Teil seines restlichen Lebens verbrachte Withering damit, Einladungen zu Vorträgen und Konsultationen in der ganzen Welt zu folgen und seine Kollegen die richtige Anwendung des neuen Mittels zu lehren. Wenig machte es aus, daß er selbst nicht mehr erfuhr, daß Digitalis gar nicht das Wasser selbst austrieb (und daher auch nicht den Leber- und Nierenkranken helfen konnte), sondern nur dem kranken Herzen die notwendige Kraft zurückgab, seine Aufgabe zu erfüllen. Denn »Wasser«, oft auch Odem genannt, kann aus verschiedenen Gründen im Körper zurückgehalten werden, und einer der wichtigsten ist das Versagen des Herzens, das es einfach nicht mehr schafft, all die Flüssigkeit, die der Körper aufnimmt, auszupumpen. Heute wissen wir noch besser die einzelnen Wirkungen von Digitalis auf das Herz zu unterscheiden, aber das kann nicht von Witherings Erkenntnis ablenken, daß diese Wirkungen durch verschiedene Dosierung voneinander getrennt werden können. Bei der kleinsten Dosis kommt es zu einer Erhöhung der Kraft des Herzmuskels bei gleichzeitiger Verlangsamung des Pulses. Das ist die Wirkung, die therapeutisch gesucht wird. Die Kranken können in dieser Phase 30-40 Liter Wasser ausschwemmen. Wird diese optimale Dosis (die individuell für jeden Kranken schwankt) überschritten, dann kommt es zunächst zu einer Hemmung des Ablaufes der elektrischen Erregung, die jede Sekunde über das Herz hinwegläuft, um es zum Schlagen zu bringen. Dieser Erregungsablauf kann sehr schön im Elektrokardiogramm gemessen werden: Diese in der folgenden Abbildung mit P-R markierte Strecke verlängert sich nach 0,1 Milligramm Digitoxin von 0,18 Sekunden auf 0,28 Sekunden.

 

Bei Erhöhung der Digitalisdosis treten Unregelmäßigkeiten im Herzschlag auf,
wie das  folgende Elektrokardiogramm zeigt. Bei noch höheren Dosen tritt dann das Erbrechen auf und eventuell der tödliche Ausgang, der die Digitalis im Mittelalter in Mißkredit gebracht hatte.

Diese Details kannte man zur Zeit Witherings nicht, aber das war auch nicht nötig. Wie ein Funke ein ganzes Haus in Brand setzen kann, so brachte seine Entdeckung plötzlich alle alten Geschichten über »Gifte«, die das Wasser austreiben sollen, wieder in Umlauf: Man erinnerte sich der Meerzwiebel der alten Ägypter, des Goldlacks, des Maiglöckchens, des Oleanders, der Christrose und der alten Nieswurz. Selbst der phantastische Aberglaube der Chinesen, die Haut von Kröten könne in dieser Beziehung Wunder wirken, wurde auf einmal wieder ernstgenommen. Es gibt kaum ein Land, in dem sie nicht wachsen, diese Pflanzen mit den poetischen Namen, kaum ein Volk, das nicht ihre heilsame (oder unheilvolle) Wirkung kennt. Nur auf einem Kontinent schienen sie selten vorzukommen: Von den afrikanischen Pfeilgiften war lange nur ihre tödliche Wirkung bekannt. Sie waren seinerzeit über ganz Afrika verbreitet, wurden auf die Pfeile der Pygmäen geschmiert und auf die Speere der Massai. Sie wurden für Gottesurteile benutzt, auch für andere Zwecke: Ein gutes Rezept aus Buschmannskreisen besagte: »Ein wenig Strophanthus-Brei unter den Fingernagel gerieben und damit den Freund am Rücken gekratzt, ersetzt oft jahrelanges Warten auf die hübsche Witwe . . .« Aber die Hauptsache war doch die Jagd.

Ein vergifteter Speer tötet einen Elefantenbullen in wenigen Minuten. Wenn man die Wunde ausschneidet, kann man das Tier ungestraft essen, denn die geringe Menge Gift, die sich im Muskelfleisch findet, wird durch den Magen kaum resorbiert. So etwas interessiert natürlich. Und so führte 1859 Livingstone eine Expedition in das dunkelste Afrika. Bei ihm befand sich ein Botaniker, John Kirk, der diese Pfeilgifte sammeln sollte. Kirk ging ziemlich arglos mit den Giften um, trug sie in derselben Tasche, in der gelegentlich die Zahnbürste steckte. Eines Morgens muß wohl ein Giftkrümel an den Borsten hängengeblieben sein, und Kirk merkte nach dem Zähne

putzen plötzlich, wie sein Puls anfing langsamer zu schlagen. Er ahnte sofort den Zusammenhang und rief Livingstone herbei, der ihn beobachtete. Aber weiter passierte nichts. Die geringe Resorption durch die unversehrte Schleimhaut rettete Kirk das Leben. Beide Forscher schlossen korrekt, daß sich das tödliche Pfeilgift in geringen Dosen therapeutisch verwenden lassen könnte, um den Puls zu senken. Kirk brachte später einen Topf dieses »Kombe« genannten Giftes nach England, wo 1863 bestätigt wurde, daß es sich um ein Herzgift handelte, das in der Wirkung dem Fingerhut und der Meerzwiebel ähnlich war. Zunächst hielten die eingeborenen Medizinmänner die Herkunft geheim, aber später fand man, daß es aus den Samen der Schlingpflanze Strophanthus hergestellt wurde. — Damit hatte auch Afrika sein »Gift, das das Wasser austrieb«.

Jetzt, wo das Interesse geweckt war, machte man sich daran, dieses und die anderen Herzgifte zu untersuchen, und da die Rohstoffe in praktisch unbeschränkter Menge zur Verfügung standen, gelang es relativ schnell, die wirksamen Substanzen zu isolieren: 1869 isolierte Nativelle Digitalin aus den Blättern des Fingerhutes, etwas später fand man dann Digitoxin und Digoxin. Fraser konnte 1870 den aktiven Wirkstoff Ouabain aus Strophanthus isolieren, den man in Deutschland Strophanthin nannte. Ähnliche Stoffe wurden aus den anderen herzwirksamen Pflanzen isoliert. Alle diese »Gifte« hatten zunächst eine gemeinsame Eigenschaft: Sie waren in der Pflanze an einen Zucker (= Glucose) gebunden. Man nannte sie daher »Glucoside« oder auch »Glykoside«. Nur der spezifische Anteil, an dem der Zucker hing und den man Genin nannte, war unbekannt. Im Jahre 1915 äußerte Windaus zum ersten Mal den Verdacht, daß es sich bei einigen dieser Genine um Steroide handeln könnte. Mit der Entwicklung der Steroidchemie ging die Aufklärung schnell weiter. Alle Forscher zu nennen, die sich mit den bisher gefundenen 300 Herz-Glykosiden befaßt haben, ist unmöglich. Stellvertretend seien Jacobs, Reichstein und vor allem Stoll genannt. Ihnen ist es zu verdanken, daß wir jetzt die genaue Konformation aller dieser Herz-Glykoside und damit ihre zweite Gemeinsamkeit kennen: Alle haben sich als Steroide herausgestellt! Die Aufklärung der chemischen Konstitution der verschiedenen Steroid-Glykoside wurde hauptsächlich von Reichstein und seiner Schule vorwärtsgetrieben. Dabei stellte sich eine weitere Gemeinsamkeit heraus: Allen diesen Stoffen ist gemeinsam, daß die ein bis drei Zuckermoleküle immer in Position 3 angehängt sind und daß zur Herzwirkung in Position 17 ein zum Betrachter abgewinkelter zusätzlicher Fünfer- oder Sechser-Ring mit einem Sauerstoffatom gehört.

 

Nun brauchen die Pflanzengifte nicht immer auf das Herz bzw. auf das Brechzentrum zu wirken: Die Kartoffel enthält zum Beispiel das Steroid Solanin. Ist Solanin giftig? Nun, das ist ein heikles Thema. Vor einiger Zeit fiel auf, daß die Iren, die so viele Kartoffeln essen, mehr Föten mit Abnormalitäten der Wirbelsäule oder sogar ohne Kopf haben als andere Völker. Nun, das beweist den Zusammenhang genausowenig, wie er zwischen der sinkenden Geburtenrate in Deutschland und dem Ausbleiben der Störche besteht. Aber dann fand man eine ähnliche Statistik für die Kartoffelanbaugebiete der USA. Und man dekretierte vorsichtshalber, daß Kartoffeln mit 1 % Solanin untauglich für den menschlichen Genuß seien. Der englische Minister für Soziale Dienste warnte 1972 sogar vor dem Essen von Kartoffeln in den ersten Wochen der Schwangerschaft . . . Inzwischen ist man ein wenig ruhiger geworden, aber man untersucht weiter, ob es eine teratogene Wirkung gibt.

Das wäre also eine Steroid-Schutzwirkung, die nicht gegen das Herz gerichtet ist. Daneben gibt es Pflanzensteroide, welche Zellgifte oder, wie das Tomatin der Tomate, wirksame Antibiotika sind. Die Wissenschaft, die sich ja hauptsächlich um den Menschen kümmert, hat die Wirkung der Gifte auf andere Pflanzen oder Tiere ja nur erst angekratzt.

Jeder Gartenliebhaber wird aus eigener Erfahrung wissen, daß sich die Knospen gewisser Pflanzen trotz starken Milben- oder Blattlausbefalls ungestört weiterentwickeln, während die benachbarten zarten Blütenblätter schon längst abgestorben sind. Nun stecken die Knospen dieser Pflanzen so voller Steroide, daß es schwer ist, sie alle zu isolieren, geschweige denn zu identifizieren. Aber es ist sehr wahrscheinlich, daß der Schutz, den die Knospen genießen, von Schutzhormonen herkommt. Sie wirken zum Teil über eine Beeinflussung der Metamorphose der Insekten. Was von den Knospen gesagt ist, trifft auch auf die wichtigen Samen zu. Welchen Sinn haben nun die Gifte im Rahmen der lebenswichtigen Funktionen, welche die Steroide sonst ausüben? Denn daß der Rote Fingerhut kein Digitalis produziert, um uns zu helfen, ist klar.

Obwohl es auch bestritten wird, besteht wenig Zweifel, daß diese Steroide, von ihrer ursprünglichen Funktion aus gesehen, sicher Schutzhormone sind, die den Räuber töten oder abschrecken, der von ihnen frißt. Sie stellen einen starken Schutz für die vielen tausend Gruppen von Lebewesen dar, welche auf der ganzen Welt diese Substanzen in ihren Blättern oder Samen, in ihren Drüsen oder sonstwo herstellen. Wie stark dieser Schutz ist, zeigt sich daran, wie afrikanische Medizinmänner die tödlichen Pflanzen finden, die sie für ihre Gifte brauchen: Sie halten nach Bäumen Ausschau, unter denen tote Vögel und andere Tiere liegen, welche unvorsichtigerweise von den verbotenen Früchten genascht haben. Aber wieso gerade giftige Samen? Welchen Schutz brauchen sie gegen Vögel, die sie doch weiterverbreiten sollen? Wahrscheinlich sind die Vögel nur die unschuldigen Opfer eines viel weitergehenden Kampfes um das überleben: Wir können uns wahrscheinlich keine Vorstellung davon machen, welchen tödlichen Angriffen ein Samenkorn ausgesetzt ist, das sich vermehren will: Millionen Bakterien stürzen sich auf die willkommene Beute, Wurzeln benachbarter Pflanzen versuchen sich hineinzusenken und ihm die Kraft zu entziehen, und Tiere zermahlen es zwischen den Zähnen, um an die konzentrierte Nahrung des Kerns zu kommen. Die Antwort der Pflanze darauf scheinen die Saponine zu sein: In einer Arbeit aus dem Jahre 1967 zählt Reichstein allein 100 verschiedene Steroid-Glykoside aus Pflanzen auf, deren Eigenschaften zum Teil noch unbekannt sind. Aber ihre Wirkungsmechanismen sind, wo sie bekannt sind, tödlich und gehen an die Wurzel der Lebensvorgänge: Ein Kilo »früher Kartoffeln« enthält 180 mg Solanin, das als Cholin-Esterasehemmer wirkt — die gleiche Wirkstoffklasse, die sich unsere Chemiker für die stärksten Giftgase ausgedacht haben!

Man hat darüber gestritten, ob dieser Schutz ein »absichtlicher« sei. Diese Frage ist müßig, denn nichts in der Natur ist absichtlich in dem Sinne, wie es der Mensch versteht. Die Absicht der Natur kommt in der Selektion zum Ausdruck: Wer sich nicht der durch einen Zufall geschaffenen Vorteile bedient, gerät in eine schlechtere Wettbewerbsposition als seine Konkurrenten. In diesem Sinn ist auch die Steuerung der Fortpflanzung durch die Sexualhormone keine »Absicht«, genausowenig wie die noch zu besprechende Regelung des Elektrolyt-Stoffwechsels durch Aldosteron. Aber wer keinen Gebrauch davon macht, stirbt aus.

Schutzsteroide wird man aber nicht nur bei Pflanzen, sondern in irgendeiner Form auch bei anderen Lebewesen erwarten müssen — falls unsere Theorie richtig ist, daß Steroide ein Muster bilden, welches in alle Lebewesen hineingewoben ist. Und siehe da, man braucht sich nur umzusehen: Ein Wasserkäfer namens Agabus hat die giftige Wirkung von Cortexolon auf Fische entdeckt. Wenn er in Gefahr ist, kann er den unwillkommenen Angreifer durch einen ordentlichen Schuß dieses Hormons in Schlaf versetzen.

Oder nehmen wir die Herzgifte der Kröten. Wieland fing mit seinen Assistenten 20 000 Kröten und drückte ihr Ohrdrüsensekret auf Wattebäusche, bis er genügend davon hatte, um Bufotoxin, wie er es nannte, zu isolieren. Welchen Schutz es den Kröten verleiht, wird einem klar, wenn man eine Katze sieht, die versehentlich eine Kröte gepackt hat und sich darauf erbrechen muß. Diese Wirkung, die an Digitalis erinnert, erklärt den Gebrauch von Krötenhaut als Herzmittel in China. Oder nehmen wir die Stachelhäuter, auch Echinodermata genannt, welche im Meer leben. Die Seesterne sind die bekanntesten. Die Stachelhäuter stellen einen sogenannten »Kreis« im Tierreich dar, d. h. sie behaupten ihre Individualität gleichwertig neben den Wirbeltieren, den Gliederfüßlern und anderen. Entwicklungsgeschichtlich sind sie alt und sehr weit von uns entfernt, viel weiter als etwa die Fische oder die Vögel oder selbst die Krokodile, die alle zu den Wirbeltieren gehören. Und trotz dieser ungeheuren Entfernung voneinander verbindet einen kleinen Jungen, der auf Sylt neugierig ein fünfstrahliges Tier betrachtet, und diesen Seestern etwas Gemeinsames: Beide enthalten sie Steroide in ihren Zellen. Aber während sie den Jungen so steuern, daß er den roten, fünfstrahligen Stern neugierig aufhebt, helfen sie dem Seestern, sich zu verteidigen: Habermehl hat diese Gifte studiert und allein bei dem Seestern fünf verschiedene giftige Steroide identifiziert. Er fand, daß sie den pflanzlichen Saponinen ähneln. Es sind Glykoside, wie auch die Gifte der Pflanzen, und sie bestehen aus spezifischen Steroiden mit einem angehängten Zuckeranteil, welcher die Resorption erleichtert.

Diese Gifte des Seesterns werden in Drüsen der Haut des Tieres angereichert: Einige Arten können beim Menschen, der sie unvorsichtigerweise anfaßt, eine Hautentzündung hervorrufen. Tritt das Gift womöglich durch eine Wunde in den Körper ein, können sogar Übelkeit, Gefühllosigkeit und Lähmungen die Folge sein. Aber Verteidigung ist nicht der Hauptzweck der Seesterngifte, sondern Angriff:

Den Muscheln, die sich gegen den Überfall der Seesterne blitzschnell verschließen, wird durch das Gift der Schließmuskel gelähmt, so daß sie die Schalen wieder öffnen müssen und dem Seestern zu seiner Ration Muschelfleisch verhelfen. Man weiß erst seit wenigen Jahren von diesen Giften, und doch stellen sie sich schon jetzt als potente Antibiotika gegen Mikroorganismen dar, denen sie auch in starker Verdünnung gefährlich werden können.

Man hat auch andere Familien der Stachelhäuter untersucht, und siehe da, auch sie enthalten starke Steroidgifte: Die Seewalzen, brave Erdfresser, aus denen der berühmte Trepang der Südsee hergestellt wird und die keinem Tier etwas zuleide tun, benutzen sie zur Verteidigung. Das Gift, das die Seegurke bei Beunruhigung aus der Haut bzw. einer Drüse des Enddarms in das umgebende Wasser ausstößt, kann noch in einer Verdünnung von 1:1 Million angreifende Perlfische töten. Beim Menschen ist über Erblindung infolge von Hornhautschädigung berichtet worden. Wieder handelt es sich um Saponine, also schaumbildende Glykoside, welche die roten Blutkörperchen auflösen und kleinere Säugetiere in Betäubung versetzen können. Und das Verblüffende ist, daß, über alle phylogenetischen Abstände hinweg, das Steroid wieder dem Digitalin sehr ähnlich sieht, indem nämlich bei C 17 wieder ein zusätzlicher Fünfer-Ring mit 2 Sauerstoffatomen angebracht ist! Es sind Steroide mit 27- bis 30-C-Atomen, die nicht nur Mikroorganismen töten können, sondern auch Krebszellen gewisser Mäuse am Wachstum hemmen. Dieser Gedanke, die giftigen Schutzhormone für unsere eigenen egoistischen Zwecke zu benutzen, legte die Suche nach ihnen auf weiteren Ebenen nahe. Sie kann in kuriose Gebiete führen.

Das Vorkommen bei Pflanzen, Kröten, Käfern und Stachelhäutern deutet darauf hin, daß es sich bei der Schutzfunktion der Steroide um einen sehr alten Mechanismus handelt, der daher auch bei Einzellern in Erscheinung treten müßte. Und tatsächlich hat man ihn auch bei Bakterien gefunden: Sie schützen diese vor feindlichen Pilzen durch das Steroid Viridin, das 1945 durch Brian entdeckt wurde und jetzt als Antibiotikum Verwendung findet. Es hat eine ringförmige Verbindung zwischen C 4 und C 6, die auf den ersten Blick etwas ungewohnt erscheint. Der zweite Blick jedoch läßt den Steroidcharakter erkennen. Umgekehrt schützen sich die Pilze wiederum gegen die Bakterien durch eine Reihe

 

von Schutzsteroiden, die in den letzten Jahren therapeutisch bedeutsam geworden sind.

Im Jahre 1942 entdeckten Wilkins und Harris in einer Variante des Pilzes Aspergillus ein starkes Antibiotikum, die Helvolsäure, die besonders gegen den gefährlichen Staphylokokkus wirksam ist, der Eiterungen, Angina, Osteomyelitis und Sepsis erzeugen kann. Im Jahre 1945 fischte der Italiener Brotzu aus Meerwasser, in das eine Kloake einmündete, einen anderen Pilz, Cephalosporium, der ein Antibiotikum absonderte, das später Cephalosporin P, genannt wurde und wiederum sehr wirksam gegen den Staphylokokkus war, und 1953 fand der Japaner Tubaki in Affendünger eine Abart des Pilzes Fusidium und gewann aus ihm ein weiteres Antibiotikum, die Fusidinsäure, die sich bei näherem Zusehen ebenfalls gegen den Staphylokokkus als wirksam erwies.

Diese Steroid-Antibiotika sind deshalb wichtig, weil es möglicherweise weniger Resistenz gegen sie gibt als gegen die anderen Antibiotika. 1962 erschienen die ersten Berichte über erfolgreiche Behandlungen von Staphylokokkus-Erkrankungen beim Menschen, besonders bei Osteomyelitis, Endocarditis und Hauterkrankungen, die gegen andere Antibiotika resistent geworden waren, durch Fusidinsäure-Derivate. Die Fusidinsäure wirkt, weil sie in die Bakterienzelle eindringt und dort die Eiweißherstellung stoppt, ohne daß Gegen-Enzyme (wie z. B. beim Penicillin) dies verhindern können. Das Bakterium kann sich nur dadurch wehren, daß es genetische Varianten bildet, die das Eindringen in die Zelle selbst verwehren können. Bringt man jedoch reinen Zellinhalt dieser »resistent« gewordenen Bakterien wieder mit Fusidinsäure zusammen, dann wird nach wie vor die Proteinsynthese weiter gehemmt. Da man das weiß, besteht durchaus die Möglichkeit, durch Synthese einmal zu Steroiden zu gelangen, die diese Barriere durchbrechen können und gegen die es dann keinen Schutz mehr gibt.

Zuletzt aber sollten wir noch von einem Schutzsteroid berichten, das aus mehreren Gründen kurios ist. Und zwar betrifft es die Insekten. In Amerika gibt es einen Schmetterling, den »Monarch«, der in dieser Hinsicht am genauesten untersucht worden ist. Auch er besitzt ein Schutzhormon. Was passiert, wenn eine Blaudohle diesen Schmetterling frißt, erinnert an die Katze und die Kröte.

Reichstein hat die das Erbrechen hervorrufenden Steroide untersucht. Sie heißen Calatropin, Calatoxin und Usharidin und unterscheiden sich nur durch den Zuckeranteil. Kurios daran ist zunächst die Tatsache, daß diese Gifte anderen Schmetterlingen, wie etwa dem »Vizekönig«, die dieses Gift nicht besitzen und die allmählich eine ähnliche Färbung angenommen haben, ebenfalls einen Schutz verleihen, weil ein Vogel, der einen giftigen Schmetterling einmal gefressen hat, ähnlich aussehende nicht mehr anrühren wird. Kurios ist ferner, daß sie neben dieser indirekten Ausnutzung der Schutzhormone, die nach einem englischen Naturforscher des 19. Jahrhunderts Batessche Mimikry heißt, eine zweite Form der Mimikry ermöglichen: Diese beruht darauf, daß noch andere Schmetterlinge, die auch giftig sind, dazu tendieren, dem »Monarchen« ähnlich zu sehen. Sie profitieren einfach von dem Lernprozeß des Räubers und müssen nicht noch zusätzliche Opfer bringen, um den Vogel zu lehren, was giftig ist. Diese zweite Form, die nach einem deutschen Zoologen des gleichen Jahrhunderts Müllersche Mimikry genannt wird, beruht wahrscheinlich darauf, daß nur bestimmte Warnmuster vom Angreifer unterschieden werden können. Die dritte und größte Kuriosität im Fall des »Monarchen« bestand jedoch lange Zeit in der Frage, wie Schmetterlinge, die als Insekten die Fähigkeit verlernt haben, selbst Steroide herzustellen, überhaupt zu diesen Schutzhormonen gekommen waren. Es war zwar behauptet worden, daß Insekten Schutzhormone aus Pflanzen beziehen, die sie fressen. Aber es hat über 50 Jahre gedauert, bis Reichstein und Brown vor kurzem endlich den Beweis erbringen konnten, daß die giftigen Steroide des »Monarchen« tatsächlich von einer Wolfsmilch-Art geliefert werden, die den Schmetterlingen als Nahrung dient. Ähnliches konnte Reichstein z. B. für eine afrikanische Heuschrecke beweisen, die die gleichen Schutzhormone verspritzt wie der »Monarch«.

Damit haben die Insekten etwas vorweggenommen, das vom Menschen bewußt durchgeführt wird: Die Verwendung von Schutzhormonen einer anderen Spezies zum eigenen Nutzen. Dies ist vielleicht die allergrößte Kuriosität.

 

Posted in Hormone und Steroide | Comments Off on Hormone 7

DIE VERPACKUNGSFORMEN von Steroiden und Anabolika

Nun zu den Verpackungsformen der Anabolika. In Deutschland werden in den letzten Jahren die Mittel in Glasröhrchen zu 25, 50 und 60 Tabletten verkauft. Das einzige mir bekannte Mittel das noch in Päckchen zu 100 Tabletten verkauft wird, heißt Plenastril, das deutsche Äquivalent zu Anadrol 50 oder den spanischen Oxytosana-Tabletten. Im europäischen Ausland werden die Tabletten in Streifen zu je 10 Tabletten, 3 pro Schachtel geliefert. Bei den Streifen handelt es sich um Kunststoff/Aluminiumfolie-Kombinationen. Die Glasbehälter deutscher Herkunft neueren Datums haben nicht mehr den üblichen Plastikverschluß, sondern sind mit einem wiederverwendbaren Verschluß versehen, den man zunächst aufreißen muß. Somit ist ein Fälschen des Packungsinhaltes nicht mehr möglich. Injizierbare Steroide werden immer in den Muskel injiziert. Obwohl immer wieder darauf hingewiesen wird, gibt es immer noch den einen oder anderen Spezialisten, der sich die öligen Lösungen in die Vene verabreichen will. All jenen möchte ich kurz erklären, was bei einer i.v.-Injektion einer öligen Lösung im Körper geschieht. Die öligen Lösungen werden mit dem Blutstrom zu den Lungen gebracht. Dort werden kleinste Blutgefäße verstopft, was zu akuter Atemnot, vergleichbar etwa mit einem schweren Asthmaanfall, führt. Dies ist eine spezielle Form der Lungenembolie: eine meist tödliche Angelegenheit. Ist die injizierte Menge groß genug, werden auch noch Blutgefäße im Gehirn verstopft, was sich dann in einer Gehirnembolie ausdrückt. Dies alles geschieht in Minutenbruchteilen, also vorher an das Testament denken. Nach diesem kleinen Ausflug in die möglichen Konsequenzen einer falschen Injektion zurück zu den Medikamenten.

Das verwendete Öl für injizierbare Steroide ist Sesamöl. Man nimmt selbiges, weil es die wenigsten allergischen Reaktionen hervorruft. Es wird auch Baumwollsamenöl verwendet, weil es billiger ist. Die beiden Ölsorten sind durch den leicht süßlichen Geruch des Sesamöls gut auseinanderzuhalten. Außerdem ist die verwendete Ölsorte aus der Packungsbeilage zu ersehen, falls vorhanden. Steroide lösen sich nicht gut, weder in Öl noch in Wasser. Ölige Lösungen enthalten allerdings bis zu 250 mg/ml. Das einzige vollständig in Wasser gelöste Steroid, Esiclene, gibt es lediglich in einer Konzentration von 2,5 mg/ml. Um in Wasser gelöst zu werden, mäßen die Steroide zu einer Kristallgröße von 0.1 bis 0.25 mm gemahlen werden. Größere Kristalle würden die meisten Injektionsnadeln verstopfen. Wassergelöste Steroide müssen vor dem Aufziehen in die Spritze gut aufgeschüttelt werden.

Es ist billiger und einfacher ein Steroid auf Ölbasis herzustellen. Die Steroidpulver müßen mit einem aufwendigen Luftmörser gemahlen werden, damit sie nicht ihre Wirksamkeit verlieren. Steroide sind sehr wärmeempfindlich. Bei Temperaturen über 40 bis 45° C verlieren sie ihre Wirksamkeit. Wassergelöste Steroide sind nicht mehr üblich, weil die sterile Herstellung der wässrigen Lösung schwieriger ist.

Obwohl viele Athleten täglich Steroide spritzen, ist die Zahl der entzündeten Hinterteile denkbar gering. Sportler, die Probleme mit ihrem Sitzfleisch bekamen, erfuhren dies zumeist bei der Anwendung von wassergelösten Steroiden, z.B. Stromba. Durch tägliche Strombainjektionen war es mir persönlich über Wochen und Monate nicht möglich, mich schnell und überall hinzusetzen oder zu legen. Generell gelten Injektionen als weniger schädlich als Tabletten. Den Injektionslösungen werden verschiedene Zusätze beigemengt, um ihre Wirkungsdauer im Körper zu verlängern. Die Dissolutions (Lösungs) geschwindigkeit bestimmt die Wirkungsdauer im Körper. Grundsätzlich besteht der Trick darin, das Medikament schwerer abbaubar zu machen. Durch versehentliche Injektion eines wasser- oder ölgelösten Steroids in Fett oder Narbengewebe kann es geschehen, daß selbst wassergelöste Mittel bei einem Dopingtest noch viele Wochen nach dem Absetzen nachgewiesen werden können.

Im Blutkreislauf erscheint das Medikament als reines Steroid, ohne jegliche Zusätze. In Deutschland sind nur Propionat- und Enanthatzusätze üblich. Bis vor einigen Jahren war noch ein Nikotinatzusatz im Handel. Dieses Mittel, Testosteronnikotinat, ist nicht mehr in deutschen Apotheken erhältlich. In den USA gibt es außerdem noch Testosteron mit Cypionatzusatz. Jeder Zusatz verändert lediglich die Absorbtionsgeschwindigkeit im Körper, sobald das Mittel im Kreislauf ist, ist es einfach nur der freie Ausgangsstoff.

Um auf die Sicherheit bzw. Unschädlichkeit der injizierbaren Anabolika zurückzukommen: injizierbare Steroide sind zwar für die Leber unschädlicher als orale Mittel, greifen aber die Nieren stärker an. Manche Präparate sind auch einfach injizierbare Formen von oralen Steroiden. Natürlich ist auch das sicherste injizierbare Anabolikum nicht mehr sicher, wenn die Dosis zu hoch ist. Außerdem ist ein Anabolikum, das für Männer akzeptabel ist, oftmals für Frauen gänzlich ungeeignet. Die Verpackungsformen injizierbarer Steroide sind in Deutschland nicht sehr verwirrend. Bei uns gibt es lediglich hermetisch verschweißte Glasampullen zu je 1 ml Inhalt. In Frankreich sind auch 2 ml-Ampullen im Handel. Sie werden bei Medikamenten wie Parabolan und Trophobolen verwendet.

Die 2 ml-Ampullen sind aus stärkerem Glas als die 1 ml Ampullen. Sie müssen mit einer handelsüblichen Ampullensäge, die den Ampullem meistens beigelegt ist, vor dem Öffnen eingekerbt werden. Die 1 ml-Ampullen können problemlos aufgebrochen werden. (Dennoch Vorsicht! Vorsichtshalber lieber Ampullensäge benutzen.)

Außerdem sind fertige Spritzampullen im Handel, die vor der Injektion zusammengeschraubt werden müßen. Das Unangenehme an den Fertigspritzen ist die Tatsache, daß sie ausschließlich mit gigantischen, nicht sehr scharfen Kanülen versehen sind. Das macht das ganze Spiel doppelt schmerzhaft, und außerdem empfiehlt es sich, viel Pflaster bereitzuhalten, da es nämlich ganz ordentlich bluten kann. Über solche Unannehmlichkeiten können auch die formschönen Glasspritzen nicht hinwegtäuschen.

In den USA werden anabole Steroide in Mehrfach-Ampullen zu 2 ml und 10 ml angeboten. Anabolika aus der Tiermedizin kommen in Flaschen zu 30 ml, 50 ml und sogar 100 ml in den Handel. Die 30 ml- und 50 ml- Flaschen sind auch in Europa gängig. Auch 10 ml-Flaschen sind bei Tierarzeneien in Deutschland gebräuchlich. Mehrfachampullen werden von deutschen Arzeneimittelherstellern nicht verwendet, weil durch das mehrfache Durchstechens des Gummiverschlußes mit der Spritze der Inhalt unsteril werden könnte.

Diese Mehrfachampullen werden von allen Fälscherwerkstätten mit Vorliebe hergestellt. Sie sind das Herzstück jedes gediegenen Schwarzhändlers. Mit unterschiedlichen Etiketten versehen, kann den Kunden alles nur Denkbare verkauft werden. Man kann aber trotzdem feststellen, ob die gekaufte Medizin aus einem Labor oder einem Badezimmer kommt.

Die von Hand verschlossenen Aluminium-Verschlußkappen lassen sich manchmal ohne große Mühe mitsamt des Gummiverschlußes aus der Flasche herausziehen. Früher wurden hauptsächlich Steroide aus deutscher bzw. europäischer Produktion verwendet. Mittlerweile tauchen immer öfter Medikamente aus mexikanischer und amerikanischer Produktion auf. Als Hersteller wird eine Firma namens Pharmaceuticals Internacional angegeben. Der Sitz der Firma war bis vor etwa 3 Jahren Tijuana/Mexiko. Seit die amerikanischen Behörden den Schmugglern und den Herstellern immer stärkere Schwierigkeiten bereiten, hat die Firma ihren Sitz an einen mir nicht bekannten Ort verlegt. Diese und andere mexikanische Firmen warben für ihre Produkte, in dem sie Flugblätter an alle bekannten Studios in den USA verschickten. Sogar in den Zeitungen von z.B. San Diego oder Los Angeles waren Werbeanzeigen dieser Firmen zu finden. Diese Firmen brachten auch einen Großteil der Designer-Steroide auf den Markt. Die unter Namen wie Bolasteron, Dihydrolone, Nor-Diethlyn, Hexalon und dergleichen verkauften Produkte waren zumeist nur Mischungen handelsüblicher Steroide. Alle mit DDR-Label versehenen 30 ml Flaschen stammten ursprüglich aus einem Labor in San Jose. Nachdem dieses Labor geschlossen wurde, übernahmen die Mexikaner die Produktion und die Entwicklung weiterer Spezialitäten. Leider wurden diese Mittel immer schlechter, weil sich die Zusammensetzung von Serie zu Serie änderte.

Die momentan erhältlichen 2 ml-Flaschen mit injizierbarem Anadrol und Anavar scheinen guter Qualität zu sein. Ich bin sicher, daß nach Erscheinen dieses Buches auch andere Designer-Steroide wieder auf dem Markt ihre Runde machen. Falls diese dann von einem guten Labor stammen, können sich die Bodybuilder hierzulande wieder freuen. Ich werde darüber berichten.

Leider kauft hier in Deutschland fast jeder alles, was als Anbolika angeboten wird. Für den Normalsportler ist es fast unmöglich, Falsches von Echtem zu unterscheiden. Auch ich kann nicht über alles auf dem Laufenden bleiben, leider. Bevor ich die Medikamente im einzelnen beschreibe, möchte ich das Thema Bluttests ausführlich behandeln. Den in ROIDS beschriebenen Index der Steroide lassen wir dieses mal außer acht. Es ist sowieso nicht möglich, anhand des Indexes ein gutes von einem schlechten Steroid zu unterscheiden. Also, vergeßt den Index, experimentiert selbst oder glaubt, was ich schreibe. Ich werde jedes gebräuchliche Steroid und einige Designer-Steroide nach ihren Stärken und Schwächen beschreiben. Doch zunächst einmal betrachten wir uns die Blutests. In ROIDS habe ich, aus Mangel an Wissen und Erfahrung, das Kapitel Bluttests kurz gehalten. Diesen Fehler hoffe ich damit wieder auszubügeln. Vieleicht kann ich Ihnen damit weiterhelfen, ich hoffe es zumindest.

Posted in Hormone und Steroide | Comments Off on DIE VERPACKUNGSFORMEN von Steroiden und Anabolika

DIE VERSCHIEDENEN FORMEN DER STEROIDE

Anabol/androgene Steroide werden in allen möglichen und auch unmöglichen Formen d.h. Darreichungsformen hergestellt. Neben den üblichen Injektionen und Tabletten, die allseits bekannt sind, werden noch viele, zum Teil seltsame Verabreichungsformen angeboten. Hier wären zu nennen: Suppositorien, Hautpflaster, DHT-Salben und – ganz raffiniert – ein Testosteron-Implant. Auch die Suppositorien stellen eine interessante Alternative zu Spritzen und Tabletten dar, wenn auch nicht für jedermann. Zur Zeit gibt es nur ein Testosteronzäpfchen. Diese Einahmeform ergibt wie bei Buccaltabletten, eine höhere Bioverfügbarkeit des Mittels. Sicher würden sich Decadurabolin oder Dianabolsuppositorien schnell großer Beliebtheit erfreuen. Wollen wir abwarten, was sich nach Verbreitung dieses Buches so alles auf dem (Schwarz)Markt tut. Orale Anabolika wurden chemisch so aufgearbeitet, daß sie auf ihrem Weg durch den Verdauungstrakt nicht abgebaut werden. Sie werden durch ein zusätzliches Kohlenstoffatom an Position 17 ihres Kohlenstoffatomgerüstes vor dem vorzeitigen Abbau geschützt. Dieses zusätzliche Atom steht in Alphastellung zum Steroidgerüst. Eine Verlagerung des Atoms in die ebenfalls möglichen Betaposition der Steroidstruktur würde zwar die Leberschädlichkeit vermindern, aber auch die Wirksamkeit des Medikamentes entscheidend beeinflußen.

Aus diesem Grund sind auch alle außer drei kommerziellen Steroiden sogenannte 17-Alpha-alkylierte Steroide. Wenngleich auch die 17-Alpha-Alkylierung der Steroide einen guten Schutz darstellt, wird doch ein kleiner Teil des Medikamentes in Magen und Darm zerstört. Deswegen produzieren viele Untergrundlabors injizierbare Formen oraler Steroide. Mitunter findet man auch in der Tiermedizin injizierbare Formen oraler Steroide.

Die Abwandlung des Steroidmoleküls ist der Grund dafür, daß die Leber zusätzlichem Stress ausgesetzt ist. In Extremfällen kann es auch zu Leberschädigungen führen. Bei geringen Dosierungen sind Blutwerte wie HDL und alkalische Phosphatase nur gering beeinträchtigt. Bei höherer Dosierung können alle Laborwerte sehr pathologisch ausfallen. Seltsamerweise entwickeln Sportler mit selbst extremen Abweichungen keine Krankheitssymtome, sondern wirken immer kerngesund. Keine Anzeichen von Gelbsucht, auch zumeist keine Lebervergrößerung. Noch erstaunlicher ist die Tatsache, daß sich die Leberfunktionen nach Absetzen der Medikamente binnen kürzester Zeit wieder normalisieren. Das deutet darauf hin, daß unsere Leber außerordentlich belastbar ist. In Analogie hierzu sollten Sie überlegen, wieviele Frauen und Männer sie kennen, die tagtäglich reichlich dem Alkohol zusprechen und dennoch keine Probleme mit ihrer Leber bekommen.

Tatsächlich sieht es doch so aus, daß 8 von 10 Alkoholikern an irgendwelchen Erkrankungen sterben und nicht am Versagen ihrer Leber. Während meiner Zeit als Sanitäter beim DRK traf ich zwangsläufig einige Alkoholiker deren Lebenserwartung nur noch wenige Monate betragen sollte. Auch bei ihnen regenerierte sich die vorliegende Fett- oder Schrumpfleber soweit, daß sogar diese Leute, sofern sie nicht rückfällig wurden, ein ganz normales Leben führen konnten. Soweit Theorie und Fakten zur Leistungs- und Regenerationsfähigkeit unserer Leber.

Zurück zu den Steroiden. Nicht alle oralen Anabolika sind gleich schädlich. Einige sind erwiesenermaßen sehr giftig, andere wiederum sind sehr sicher und unschädlich. Viele Athleten haben hierin mehr Erfahrung als die meisten Ärzte. Die meisten Steroide haben eine Halbwertzeit von ca. 8 Stunden. Den Begriff Halbwertzeit habe ich in ROIDS ausführlich erklärt. Noch einmal kurz, für alle, die ROIDS noch nicht gelesen haben: die Halbwertzeit T1/2 beschreibt die Zeitspanne, die der Körper benötigt, um die Hälfte einer gegebenen Dosis eines Medikamentes abzubauen. Es gibt ein paar Steroide die eine T1/2 von bis zu 24 Stunden aufweisen. Steroide werden im Normalfall in ein oder zwei gleichen Dosen eingenommen. Die üblichen Medikamente werden einfach geschluckt. Ein oder zwei Präparate sind zur sublingualen Verabreichung (d.h. zergehenlassen der Tablette unter der Zunge) vorgesehen. Auf diesem Weg wird der Abbauprozeß der Medikamente im Magen-Darmtrakt umgangen. Manche Medikamente haben eine bis zu 50% höhere Wirksamkeit. Somit muß man nur die Hälfte der sonst üblichen Dosis einnehmen. Leider gibt es nur sehr wenige Medikamente die so gebaut sind, daß das Zergehenlassen unter der Zunge einen Vorteil bringt. Die dafür geeigneten Mittel sind mit einem Buccalaufdruck versehen. Die einzigen mir bekannten Mittel zur sublingualen Einnahme sind eine Primobolantablette zu 50 mg französischer Herkunft und eine 50 mg-Oxytosanatablette mexikanischen Ursprungs. Die Letztere hat sogar einen angenehmen Pfefferminz- geschmack – so angenehm allerdings, daß es schon suspekt erscheint.

Posted in Anabolika | Comments Off on DIE VERSCHIEDENEN FORMEN DER STEROIDE

Basis Steroid Zyklus mit Hochskalieren der Dosis ( 6W/SDC)

Posted in 2. Kurläne und Zyklen mit Steroiden | Comments Off on Basis Steroid Zyklus mit Hochskalieren der Dosis ( 6W/SDC)

Medizinische Anwendungen anaboler Steroide II

Verabreichung anaboler Steroide zur Behandlung der durch „Rifampin” ausgelösten Leberverfettung: „Rifampin” ist ein antimikrobiell* wirkendes Medikament, das z.B bei Tuberkulosekranken gegen säureliebende Bakterien eingesetzt wird.

Es hemmt die DNS-abhängige RNS-Polymerase bei Bakterien. PIRIOU und Mitarbeiter” konnten nachweisen, daß die bei Ratten durch „Rifampin” ausgelöste Leberverfettung durch gleichzeitig verabreichte Steroide zum Teil verhindert werden konnte. Bei den Weibchen trat dieser Effekt deutlicher zutage. Der Nachweis der Wirksamkeit anaboler Steroide in diesem Fall ist am Menschen allerdings noch nicht erbrach worden. Anabole Steroide als begleitende Medikation in der Chemotherapie: Eine effektive Therapie von Krebspatienten erfordert oft große Dosen zytotoxischer** Medikamente, die das Knochenmark schädigen und die Anfälligkeit für Infektionen erhöhen. KAHN und Mitarbeiter’ konnten nachweisen, daß das anabole Steroid „Durabolin” in einer Dosierung von 100 mg/Woche die Leukozytenzahl’ von Patienten normalisierte, die sich einer zytotoxischen Chemotherapie unterzogen. Ihre Untersuchungen unterstreichen die Bedeutung anaboler Steroide in der Behandlung von Patienten mit Knochenmarkschädigungen und als unterstützende Medikation in der Chemotherapie zur Behandlung von Krebsleiden.

Anabole Steroide in der Behandlung von Patienten mit chronischen Anämien: Es gilt mittlerweile als gesichert, daß anabole Steroide die Bildung von roten Blutkörperchen stimulieren. Die Hämoglobinkonzentration des erwachsenen Mannes liegt im Schnitt etwa 10 – 20% höher als die der Frau. Die Differenz wird allgemein auf den höheren Androgenspiegel beim Mann zurückgeführt; in den Jahren vor der Pubertät finden sich kaum Unterschiede in der Hämoglobinkonzentration von Mann und Frau.

Die Wirkung von Androgenen beim anämischen Patienten hängt von mehreren Faktoren ab: Von der Art der Blutarmut, dem Zustand des Knochenmarks, ob eine Hämolyse**** vorliegt oder nicht und anderen Parametern. Daher läßt sich die Wirkung von Androgenen zur Behandlung von Anämien nur schwer festlegen.

Bei Patienten mit einer etablierten aplastischen Anämie wie der erworbenen aplastischen Anämie ist die blutbildende Wirkung einer Steroidtherapie vor allem abhängig vom ursprünglichen Zustand des Knochenmarks. Beginnen die Steroide erst einmal zu wirken, kann von einem Andauern der Wirkung ausgegangen werden. Klinische Anämien, die mit anabolen Steroiden behandelt werden können sind die Myleofibrose mit myleoider Metaplasie,’ die chronische lymphozytische Leukämie,’ hämolytische Anämien,’ Anämien, die auf Nierenversagen zurückzuführen sind,”-34 aplastische Anämien351 und andere chronische refraktorische Anämien.4244 Verschiedene Steroidpräparate sind zur Behandlung von Anämien eingesetzt worden. Doch das beste Steroid für diesen Zweck ist wohl ein Präparat, das bei minimaler Virilisierung die Bildung von Erythrozyten anregt. Zudem weisen die injizierbaren anabolen Steroide noch den Vorteil der einfachen Anwendung in wöchentlichen, zweiwöchentlichen oder gar monatlichen Abständen auf. Der genaue der Wirkungsmechanismus von Androgenen auf die Bildung von roten Blutkörperchen ist noch unklar. Wahrscheinlich hängt sie aber mit der gesteigerten Erythropoietinproduktion zusammen, durch die das Knochenmark wiederum zur vermehrten Bildung von Vorläufern der roten Blutkörperchen angeregt wird. Zudem erhöhen anabole Steroide durch eine noch nicht geklärte Stimulation die Anzahl der auf Erythropoietin spezialisierten Zellen. Anabole Steroide können also die Blutbildung in Anämiepatienten spürbar unterstützen; die Frage der Androgenität dieser Medikamente sollte daher eine nachrangige Bedeutung haben.

Anabole Steroide bei Osteoporosepatienten: Osteoporose ist bei weißen Frauen, die die Menopause hinter sich haben, weit verbreitet und zieht ein auffälliges Krankheitsbild nach sich.” Ungezählte Therapien zur Behandlung der Osteoporose wurden bereits erprobt, darunter die einzelne oder kombinierte Verabreichung von Calcium, Vitamin D, Flourid, Calcitonin, Diphosphonaten, Östrogenen und anabolen Steroiden.’ Die Wirkung vieler dieser Medikamente war allerdings mehr als unbefriedigend. Fragwürdige Methoden zum Nachweis der positiven Wirkung über einen längeren Zeitraum tragen zur Unsicherheit bei.

Vor nicht langer Zeit wurde die Neutronenaktivationsanlyse zur Bestimmung des Körpergehalts an Calcium eingeführt.”- 61 CHESTNUT und Mitarbeiter’ konnten anhand dieser Methode die Bedeutung einer längerdauernden Therapie mit anabolen Steroiden für die Behandlung der postmenopausalen* Osteoporose untermauern. Die Zufuhr einer geringen Dosis („Dianabol” 5 mg/Tag für drei Wochen, danach eine Woche Pause, über einen Zeitraum von 26 Monaten) hatte nach längerer Zeit bei der Testgruppe einen signifikanten Anstieg des Körpergehalts an Calcium zur Folge. Die Analyse der Serum Glutamin-Oxalsäure-Transaminase bei Test- und Kontrollgruppe ergab keine signifikanten Unterschiede; bei den Steroidpatienten konnte keine signifikante Virilisation festgestellt werden. Diese Untersuchung beweist, daß die Langzeitgabe anaboler Steroide in kleinen Dosen den Verlust an Knochensubstanz bei einer postmenopausalen Osteoporose verhindern kann. Anabole androgene Steroide in der Behandlung von Männern mit Androgenmangel: Diese naheliegende Medikation wurde bei ausgewählten Patienten mit großen Erfolg eingesetzt.

Anabole Steroide in der Behandlung des Haarausfalls bei Männern: Bei der androgenen Alopecie ist die Konzentration einer im Testosteronstoffwechsel gebildeten Substanz, Dihydrotestosteron (DHT), erhöht.’ Wissenschaftler vermuten, daß ein hoher DHT-Spiegel gesunde Haarfollikel durch Hemmung des Enzyms Adenylcylase Schädigt.”Theoretisch könnte eine Hemmung der DHT-Produktion in der Vermeidung des Haarausfalls bei Männern eine Rolle spielen. Zwei Ansätze scheinen erfolgversprechend: Die Verabreichung von Antiandrogenen,67 um entweder die Testosteronkonzentration selbst zu reduzieren oder die für die Umwandlung von Testosteron in DHT verantwortlichen Enzyme zu blockieren, und die Zufuhr anaboler Steroide. Diese werden zu anderen Verbindungen abgebaut und verringern zusätzlich die Menge des zirkulierenden Testosterons durch eine Hemmung der Hypthalamus-Hirnanhangdrüse- Hoden Achse. Im Augenblick ist die Anwendung anaboler Steroide für diesen Zweck nur Theorie, weiterführende Untersuchungen stehen noch aus. Anabole Steroide zur Behandlung von Zwergwuchs bei Kindern: Ist der Zwergwuchs nicht auf eine Hormonunterfunktion, genetisch festgelegten Kleinwuchs oder andere Erkrankungen zurückzuführen, könnten Steroide zur Behandlung eingesetzt werden. Die Patienten sind später als Erwachsene viel kleiner als ihre Geschwister, körperliche Nachteile und psychologische Probleme gleichsam vorprogrammiert. Es ist schon lange bekannt, daß Testosteron und anabole Steroide in zweifacher Hinsicht das Knochenwachstum begünstigen: durch eine Zunahme des Längenwachstums und durch einen schnelleren Abschluß des Skelettwachstums. Untersuchungen mit anabolen Steroiden zur Behandlung verschiedener Wachstumsstörungen führten zu wider sprüchliche Ergebnissen und trugen bisher eher dazu bei, die Lösung des Problems zu verschleiern. MOORE und Mitarbeiters untersuchten 1976 die Wirkung einer längerdauernden Zufuhr anaboler Steroide auf das Wachstum von zwergwüchsigen Kindern und Jugendlichen. 130 Patienten im Alter von 4 bis 17 Jahren erhielten über einen Zeitraum von vier Jahren eine tägliche Dosis von 0,25 mg Oxandrolon. Die Ergebnisse:

1) Oxandrolon verdoppelte das Wachstum der Patienten
in den ersten sechs Monaten der Therapie und
blieb über vier Jahre ein effektives Wachstumsstimulans;
2 die Mehrzahl der Patienten wiesen während der Therapie
Übereinstimmungen im Verlauf des Wachstums
auf;
3) insgesamt wiesen mehr Patienten ein stärkeres Wachstum
auf als umgekehrt und
4) es wurden keine Nebenwirkungen der Oxandrolon-
Therapie festgestellt im Hinblick auf die Geschwindigkeit
des Wachstums nach der Steroidbehandlung und
der Knochenreifung in Relation zum Längenwachstum.

Anabole Steroide in der Behandlung von Patienten mit Hyperlipidemie: Bei dieser Erkrankung werden mehrere Arten durch biochemische Methoden unterschieden. Ein erhöhter Gehalt von Fetten oder fetthaltigen Substanzen im Blut wird als Hyperlipidemie bezeichnet. Vererbung, Fehlernährung und ein überwiegend sitzende Lebensweise sind Auslöser für ihre Entstehung. Mehrere erfolgreiche Behandlungen der Hyperlipidemie mit anabolen androgenen Steroiden sind bekanntgeworden.” MENDOZA und Mitarbeit& wiesen nach, daß Männer mit Oligospermie* und niedrigem Testosteronspiegel einem größeren Herzinfarktrisiko ausgesetzt sind.

Zusammenfassung

Anabole Steroide sind sehr wirksame Hormone, die zur Behandlung vieler Erkrankungen eingesetzt werden könnten. Obwohl viele Indikationen eindeutig sind und einem Patienten potentielle Vorteile eröffnen würden, zögern viele Ärzte mit der Verschreibung dieser Medikamente. Und obwohl mehr als ein Dutzend Indikationen bekannt sind und viele andere möglich wären, ist unter Ärzten eher bekannt, daß der überwiegende Anteil anaboler Steroide im Handel von Sportlern zur Leistungssteigerung eingesetzt wird. Die Untersuchung der immunologischen Wirkungen anaboler Steroide steckt noch in den Kinderschuhen; das Studium der Eignung dieser Medikamente für andere Zwecke ebenfalls. Es ist anzunehmen, daß die Steroidforschung in Zukunft mehr Aufmerksamkeit erfahren wird

Posted in Anabolika | Comments Off on Medizinische Anwendungen anaboler Steroide II

Hormone 6

Sexualhormone und Fortpflanzung

Der schönste Moment ist nicht das Setzen der Banderillas oder das Cuarto de la Muerte. Das Schönste ist der Augenblick, wenn der Stier in die Sonne der Arena trabt und geblendet stehenbleibt.

Fünftausend Menschen halten den Atem an und starren auf den schwarzen Kampfstier, der unentschlossen mit dem Huf im Sande scharrt. Es herrscht völlige Stille. Nur ein Kind weint. Aus der Richtung der niedrigen Sonne fegt ein kühler Windstoß über den Platz. Der Matador fühlt die Augen der Frau auf sich. Ohne hinzusehen, rückt er an seiner Mütze und nimmt die Schultern zurück. Dann geht er mit gestelzten Schritten auf den Stier los . . .

Und dieser Augenblick ist so schön, weil in ihm so viel Bedeutung liegt, so viel Kraft und Schönheit. Männliches und weibliches Prinzip — vive la diff8rence! Wenige nur sind sich in diesem Augenblick bewußt, was dahintersteckt — hinter den 600 Kilogramm geballter Kraft, der Geste des Toreros, hinter der Frau mit dem blauschwarzen Haar unter der Mantilla. Wenn man nachdächte, wahrscheinlich käme man auf Hormone. Aber wieviel haben sie damit zu tun?

Die Antwort darauf ist eine lange Geschichte — die Geschichte der »Difference«. Sie beginnt 300 Millionen Jahre vor Christus. Einige Würmer, Schnecken und seltene Fische haben sich aus jener Zeit zu uns herübergerettet und lassen ahnen, wie es damals war, als es den Unterschied noch nicht gab, der so viel Schwung in die Welt bringen sollte und so viel Brillanz, so viel Leid, aber auch so viel Liebe.

Damals war man ein Zwitter und lebte vor sich hin, wie man unter so freudlosen Bedingungen eben leben kann, beobachtete höchstens Futterbedingungen und Regenfall, vielleicht auch ein wenig die Außentemperatur . .. Irgendwo im Hirn saß währenddessen ein Anhängsel, die Hypophyse, und sammelte all diese Nachrichten, und wenn ihr die Jahreszeit, der Laichplatz und manch anderes recht schien, sandte sie winzige Spuren von zwei Eiweiß-Hormonen aus, den Gonadotropinen, die die Ur-Keimzellen dieser Tiere mobilisierten. Und wenn die Keimzellen in das umgebende Wasser oder die Erde ausgeschieden und vielleicht befruchtet und vielleicht nicht von ihren Eltern gefressen worden waren, dann ergaben sie zusammen vielleicht ein neues Tier. Ein Tier, das dem Zufall entsprang. Zu viele »Vielleicht« beschränkten die phylogenetische Entwicklung. Mit fortschreitender Evolution stiegen die Ansprüche des befruchteten Eies. Ein differenzierterer Embryo bedurfte zur Entwicklung eines besseren Schutzes und mehr Nahrung. Außerdem benötigte jedes Individuum einen selektiveren Zugang zu fremdem Erbgut, um neue Formen des Lebens entwickeln zu können. Man wollte sich den besten vorhandenen Partner aussuchen. So erfand die Natur die Zweiteilung, die Trennung von männlichem und weiblichem Prinzip. Hier konnte sich jeder Teil spezialisieren — der männliche auf Schutz und der weibliche auf die Ernährung und Pflege des Nachwuchses. Das bedeutete gewaltige Umwälzungen. Der schwierige Auftrag, den die Evolution den Tieren erteilte, die sich weiter entwickeln wollten, lautete konkret: Körperliche Trennung der in jedem Individuum vorhandenen potentiellen weiblichen und männlichen Eigenschaften zum Zwecke ihrer Betonung in einer ersten Phase. Eine zweite Phase sollte der Wiederannäherung dienen, und zwar unter dem Gesichtspunkt einer der Evolution dienenden Partnerwahl, der Befruchtung.

Und eine Synthese des weiblichen und männlichen Prinzips in einer zur Aufzucht am besten geeigneten Form in der dritten Phase.

Das war ein großer Auftrag, den die Gonadotropine, die ja bisher nur Keimzellen auf Befehl des Gehirns zum Reifen gebracht hatten, nicht ausführen konnten. Für diese ungeheuren Änderungen im Körper brauchten sie die Hilfe von Stoffen, die die bisher neutralen Körperzellen dazu bringen konnten, ihre vorprogrammierten Ziele zugunsten der neuen Aufgaben zu ändern. Dies konnte nur durch relativ komplizierte, flache Moleküle erreicht werden, die wir heute Steroid-Hormone nennen. Sie standen jenen primitiven Lebewesen in großer Zahl zur Verfügung, und aus ihnen suchte sich die Natur zwei Gruppen aus, die bisher schon unter dem Oberbefehl der Gonadotropine die primitiven Ausführungsvorgänge, die sogenannten Wolffschen bzw. Müllerschen Gänge, zum Transport der Keimzellen vorbereitet und bei der Reifung der Keimzellen geholfen hatten: Die Gruppe, die die Vermännlichung durchführen sollte, wird heute androgen und jene, die die Verweiblichung durchführen sollte, wird östrogen genannt (s. Abb. S. 66).

Beide wurden durch diesen Auftrag zu den Sexualhormonen, wobei man sich vor Augen halten muß, daß sie trotz dieses Namens weder mit dem Ei noch mit den Spermien in direktem Zusammenhang stehen. Der schwierige Trick bestand zunächst darin, die Trennung von männlich und weiblich zu bewerkstelligen, d. h. eine befruchtete neutrale Eizelle in eine Richtung zu stoßen, in der sie sich in polar entgegengesetzte Formen entwickelte. Denn von Natur aus waren ja alle befruchteten Eizellen gleich und wollten gleiche Tiere produzieren. Dazu gehörte ein Gleichgewicht an androgenen und östrogenen Hormonen. Aber gleiche Mengen von Androgenen und Ostrogenen hätten sich neutralisiert, hätten nicht das Spannungsfeld erzeugt, nicht die Polarität, in der unser Leben verläuft. Es galt also zuerst ein Ungleichgewicht zu erzeugen — sowohl an Steroiden als auch an Organen, auf die sie wirken sollten; denn jedes Hormon braucht sein Zielorgan.

Die Lösung, die die Natur erdachte, war brillant. Sie bediente sich dazu der Chromosomen. Die kleinen, paarigen Stäbchen, im Kern einer jeden Zelle, die bestimmen, ob ein Kind blaue oder braune Augen bekommt oder einen Klumpfuß, kennen wir noch aus dem Biologieunterricht. Beim Menschen sind es 23 Paare von je 2 Chromosomen. Bei der Befruchtung schließen sich immer ein Chromosom der Eizelle mit je einem der Samenzelle zu 23 neuen Paaren zusammen. Diese Chromosomenpaare nennt man die X-Chromosomen (s. Abb. S. 67). Es scheint nun, daß vor etwa 200-300 Millionen Jahren (oder waren es 500?) ein neues, kleines Chromosom aufgetaucht ist, das man Y-Chromosom nennt und das bei einigen Zellen eines der X-Chromosomen ersetzt hat, so daß das entsprechende »Paar« von dann ab aus XY bestand. Nun hing es rein vom Zufall ab, ob sich aus einer Zelle mit den Chromosomen XX bei der Befruchtung einer Zelle mit den Chromosomen XY eine befruchtete Zelle mit dem Paar XX oder dem Paar XY bildete. Das Y-Chromosom (oder vielleicht auch das Fehlen des zweiten X-Chromosoms) bewirkte eine Beschleunigung der Androgen-Produktion. Schon 4 Wochen nach der Befruchtung (bevor sich noch die weiblichen Sexualhormone bilden konnten) wird in XY-Organismen männliches Hormon in der Form von Testosteron gebildet. Damit ist die Schlacht gewonnen!

 

 

Im Handstreich bringt Testosteron die Müllerschen Gänge (die etwas später weibliche Organe und Hormone hergestellt hätten) zum Verkümmern. Von ihnen sind beim Mann später nur Spuren nachzuweisen. Statt dessen werden die Wolffschen Gänge und die Kloake zum Wachstum angeregt: Durch Ostrogen nicht gehemmt, entstehen jetzt typisch männliche Geschlechtsteile, die beim Zwitter noch nicht ausgeprägt waren. Da auch die Hemmung der Testosteron-Produktion durch Ostrogen fortfällt, ist auch der absolute Hormonspiegel im Blut höher als beim Zwitter. Zusätzlich werden die Zielorgane sensibilisiert, so daß sie später in der Pubertät bevorzugt auf die gleichen androgenen Hormone ansprechen. Außer den primären und sekundären Geschlechtsorganen sind es der Körperbau und besonders das Gehirn, die sensibilisiert werden. Das Gehirn ist schon bei der Geburt so unwiderruflich männlich geformt, daß das verschiedene Verhalten von Jungen und Mädchen beim Spielen nur zum kleinen Teil durch Umwelteinflüsse erklärt werden kann. Die neueste Forschung glaubt, daß die »Verlötung« der einzelnen Hirnzellen untereinander schon beim Embryo durch Testosteron so festgelegt ist, daß auch spätere, selbst massive Dosen von weiblichen Hormonen keinen verweiblichenden psychischen Effekt mehr auslösen können. Das Umgekehrte findet statt, wenn zwei X-Chromosomen sich in der befruchteten Zelle zusammenfinden: In der achten Woche bilden sich die Östrogene und lassen die Wolffschen Gänge verkümmern, von denen nur Reste bei der Frau zu finden sind. Statt dessen regen die Ostrogene — ungehemmt durch Testosteron — die Müllerschen Gänge dazu an, die weiblichen Geschlechtsteile auszubauen, bis schließlich ein weiblicher Embryo entsteht. Auch hier wieder die Erhöhung der eigenen Hormonproduktion und die Ausbildung von Zielorganen wie Brustdrüsen und Uterusschleimhaut, die später in der Pubertät auf größere Mengen weiblicher Sexualhormone ansprechen werden.

Die Polarisierung in der ersten Phase bewirkt also eine Erhöhung des betreffenden Hormon-Blutspiegels, eine Hemmung des konträren Hormons, die Ausbildung von geschlechtsspezifischen Organen und die Sensibilisierung dieser und anderer Organe gegenüber seiner eigenen Wirkung.

In Wirklichkeit verläuft die Sache natürlich komplizierter. Aber das Prinzip bleibt bestehen, daß eine geringe zeitliche Verschiebung der Steroidproduktion der Schneeball ist, der die Lawine der Ungleichheit ins Rollen bringt. Es klingt unglaublich simpel und wird doch mit der äußersten Sparsamkeit an Kräften durchgeführt. Und die Fälle, wo das irgendwie nicht geklappt hat, das sind dann die Hermaphroditen. Nachdem die Steroidhormone die Aufgabe der Trennung gelöst hatten, machten sie sich in einer zweiten daran, die Vereinigung mit dem anderen Geschlecht unter den erwähnten Gesichtspunkten vorzubereiten — diesmal ganz ohne die Mitwirkung der Chromosomen.

Die zur Befruchtung notwendigen Geschlechtsteile, sensibilisiert wie sie sind, werden in der Pubertät durch Testosteron bzw. Ostrogen zur völligen Reife gebracht. Man könnte dies die sexuelle Wirkung der Steroidhormone nennen. Die für die evolutiv wichtige Partnerwahl resultierende Schwierigkeit, daß sich nämlich zwei absichtlich wesensfremd gemachte Individuen für eine Befruchtung wieder anziehend finden müssen, wird wieder durch die Sexualhormone elegant gelöst: Sie sensibilisieren während der Pubertät, wenn sich durch die sexuelle Wirkung Behaarung und Stimme ändern und die berühmten Rundungen bilden, die vorprogrammierten Gehirne zusätzlich so, daß plötzlich das, was das konträre Hormon geschaffen hat, als schön empfunden wird. über Nacht werden aus dem »Raufbold« und der »dummen Pute« plötzlich Romeo und Julia, ohne daß sich für den neutralen Beobachter etwas geändert hätte. Hier handelt es sich nicht um eine sexuelle, sondern eher um eine cerebrale Wirkung.

Die Weisheit des arabischen Sprichworts, daß »die Schönheit im Auge des Betrachters liegt«, wird offenbar. Aber das ist nicht nur beim Menschen so, sondern im ganzen Tierreich, und überall verläuft es nach gleichen Gesetzen, schafft Schönheit und Bewunderung. Schon mancher wird sich gefragt haben, wieso sich das Empfinden für Schönheit in der ganzen Wirbeltierreihe so einheitlich geformt hat: Das ist verwunderlich und reizt zum Nachdenken, denn es ist ja nicht so ganz selbstverständlich, daß wir auch das schön finden, was Androgene und Östrogene beim Tier hervorrufen. Warum sollten dem Menschen eigentlich das herrliche Rad des Pfaus oder das Hochzeitskleid des Flammenwebers oder ‘die Anmut des Rehs gefallen? Und doch werden sie auch vom Menschen als schön empfunden. Aber vielleicht ist das nicht so verwunderlich, wenn man bedenkt, daß alle diese Veränderungen durch die gleichen Steroidhormone hervorgerufen werden, für die auch der Mensch sensibilisiert ist.

Allerdings deckt sich das Schönheitsideal nicht in allen Fällen. Es gibt da nämlich noch eine andere, sehr seltsame Hormon-Werbung, die nicht auf dem Umweg über die eigene »Schönheit« auf den Partner wirkt, sondern direkt, womöglich über größere Entfernungen. Man nennt solche Hormone mit Fernwirkung auch Pheromone. Die bekanntesten sind jene, die Schmetterlinge über weite Entfernungen anziehen. Unter den Steroiden gibt es nur ganz wenige Pheromone, und deshalb sollen sie erwähnt werden. Vor hundert Jahren beobachtete Louis Agassiz, daß weibliche Krebse, die während ihrer Häutung einige Tage hilflos sind, von männlichen Krebsen umklammert und vor Feinden geschützt werden. Ryan fand 1964, daß der Grund, der die männlichen Krebse anlockt und zu diesem Verhalten stimuliert, nicht das Aussehen des Weibchens ist, sondern ein Steroidhormon (ein Pheromon), das die Weibchen zu dieser Zeit mit dem Urin ausscheiden und das direkt auf das Gehirn der Männchen wirkt.

Ein anderes Beispiel einer nicht nachempfindbaren Schönheit ist der Duft von A -16-Androsten, das Schweineeber durch die Speicheldrüsen nach außen absondern und dessen moschusartiger Geruch die Sauen deckwillig machen soll. Nach dem Gesagten ist über die dritte Phase nicht mehr viel auszuführen. Der Schutz durch den Mann und die Pflege durch die Frau wird durch Eigenschaften gesichert, die gleichzeitig der Annäherung dienen: Die Größe des Mannes, seine Aggressivität und seine Stärke sind Folgen einer Testosteron-Wirkung auf das Gehirn und die Muskeln. Auf der anderen Seite sind Pflegebereitschaft, die Entwicklung der Brustdrüsen und ein Fettpolster »für den Fall der Not« auf die Wirkung von weiblichen Sexualhormonen zurückzuführen.

Wir müssen hier einen Augenblick innehalten, um uns darüber klarzuwerden, welches technische, aber auch konzeptionelle Meisterwerk die Natur mit der Sexualisierung geschaffen hat. Sie hat aus einem Individuum zwei räumlich getrennte Wesen geschaffen, die einander bedürfen, um ihr Fortbestehen zu garantieren. Und sie hat das Wunder mit einem Minimum an Aufwand erreicht, allein durch die geschickte Manipulierung von einigen Komponenten, deren Reste ohne Ausnahme auch heute noch als Grundausstattung vorhanden sind: Jeder Mann hat noch Spuren von weiblichen Hormonen, und umgekehrt hat die Frau Testosteron im Blut. Beide Geschlechter reagieren auf FSH und LH, und beide haben noch Reste der Müllerschen bzw. Wolffschen Gänge in sich.

Wenn man die Bilanz dieser hypothetischen Entwicklung zieht, so bleibt festzustellen, daß zwar die Chromosomen den Anstoß für die Sexualisierung gegeben, aber zu deren spezifischer Ausprägung nichts beigetragen haben: Sie bestimmen also nicht den Unterschied zwischen den Geschlechtern. Dasselbe trifft auf die Gonadotropine zu. Sie sind bei beiden Geschlechtern in gleichem Ausmaß vorhanden, wenn auch der Rhythmus ihrer Produktion unterschiedlich ist. Auf keinen Fall aber beeinflussen sie das verschiedene Aussehen von Mann und Frau. Das bedeutet, daß »la difference « allein von den Steroidhormonen hervorgerufen wird.

Von den praktischen Erfahrungen der griechischen Bauern und den Experimenten von Berthold bis zu dieser Erkenntnis ist es ein langer Weg gewesen. Zuerst war es die Empirie, die auf das Vorhandensein von Sexualhormonen hinwies, dann die Vermutung und endlich der Beweis im Jahre 1929. Das ist nun fast 50 Jahre her. Butenandt lebt und arbeitet noch. Weil er damals so wahnsinnig jung war, als ihm die Tat gelang. Nur wenige Menschen haben das Glück, miterleben zu dürfen, was aus ihrer Arbeit geworden ist. Man möchte sie kennenlernen.

Ich habe noch Zeit bis zur Begegnung und halte den Wagen an dem kleinen Kirchhof an, der am Wege zum Max-Planck-Institut liegt. Martinsried wird von der kräftigen Frühjahrssonne beschienen, aber der Wind ist noch frisch, selbst für April. Zwischen den ruhigen, etwas altmodischen Grabsteinen liegt das Grab eines Soldaten, der in jenem Jahr geboren ist. Revolutionen hat es seitdem gegeben und Kriege, aber auf die Dauer wird die Entwicklung des Jahres 1929 schwerer wiegen. Später sehe ich die bizarren Würfel des Instituts in der oberbayrischen Landschaft. Butenandt ist erst nach einigem Suchen zu finden. »Der Professor? Da nehmen Sie am besten den Gang geradeaus . . .« Der Pförtner kratzt sich am Kopf und entscheidet dann anders. »Nein, versuchen Sie es im ersten Stock, Gebäude D.« Schließlich ist es doch im Erdgeschoß.

Der Eindruck eines freundlichen Patriarchats bleibt in den langen Gängen bestehen, die von kleinen Labors und Büros eingesäumt sind. Im letzten von ihnen sitzt ein hochgewachsener Mann mit weißem Haar. Eine Narbe am Kinn. Selbst wenn man nicht wüßte, daß man einen der Granden dieser Erde vor sich hat, den Entdekker des Follikelhormons, des Androsterons, des Progesterons, des Ecdysons, einen Nobelpreisträger, Ritter des Ordens pour le merite, Ehrenpräsident aller Max- Planck-Institute, so fühlte man dennoch — das muß Adolf Butenandt sein.

Er sitzt in der Morgensonne, raucht mit Genuß seine Zigarette und erzählt davon, wie es zur Entdeckung des Follikelhormons kam, erzählt mit Begeisterung und ohne Melancholie von den Jahren, an die man sich im Leben am besten erinnert, weil sie noch voller Illusionen sind. Die Atmosphäre am Chemischen Institut in Göttingen wird wieder lebendig, wo mönchische Zuwendung zur Arbeit mit Ausflügen in den Harz abwechselte und oft mit einem Glas Wein beim Chef endete. Butenandt erzählt von dem schicksalsschweren Tag, an dem ihn Windaus in sein Zimmer rief, um ihm die Erforschung der Sexualhormone zu übertragen, ohne damals noch zu wissen, daß es Steroide waren. Der Auftrag kam von einer Arzneimittelfirma, und die Tatsache, daß er nach Göttingen erging, war nichts als ein glücklicher Zufall. Windaus, der mit dem Cholesterinproblem beschäftigt war, gab den Auftrag an seinen jungen Assistenten weiter.

Immer wieder sucht Butenandt nach dem rechten Wort, um seinem Lehrer gerecht zu werden, um seine Dankbarkeit und Verehrung für dessen Großzügigkeit auszudrücken. Und auch für die Verdienste seiner eigenen Mitarbeiter bei der Entdeckung des Follikelhormons. Darin besteht die echte Größe dieses Mannes — in seiner Menschlichkeit, seiner Anständigkeit.

Wir sprechen darüber, wie es zur Entdeckung der Sexualhormone kam. Wie Berthold 1849 seine Hodenverpflanzung vorgenommen hatte, Knauer und Halban um die Jahrhundertwende Eierstöcke von Kaninchen bzw. Meerschweinchen verpflanzten und dabei ähnliche Einflüsse auf die Vagina entdeckten, wie Berthold sie zum Hahnenkamm gefunden hatte. Wie sie sicher gewesen waren, daß es neben den männlichen Hormonen entsprechende weibliche gab und diese in den Ovarien enthalten sein mußten. Später hatte man ihre Spuren auch in der menschlichen Placenta gefunden. Im Blut dagegen oder im Urin schienen sie kaum enthalten zu sein. Wir sprechen darüber, wie die folgenden 20 Jahre mit vergeblichen Versuchen verbracht wurden, aus diesen Organen wirkungsvolle Extrakte herzustellen — aus dem gleichen Grunde, der auch Windaus beim Vitamin D so lange aufgehalten hatte:

Weil es keine schnelle Methode gab, festzustellen, ob in irgendeinem Extrakt das hypothetische Hormon überhaupt vorhanden war.

Damals hörte der Biochemiker Edward Doisy während eines Aufenthaltes in Washington von seinem Freund, dem Anatomen Edgar Allen, daß möglicherweise die Maus die Antwort geben könnte. Beide arbeiteten zusammen einen Test aus, der heute noch unersetzlich und als Allen-Doisy-Test bekannt ist. Er bestand darin, die zu untersuchende Substanz einer Maus einzuspritzen und daraufhin ihre Vaginalzellen zu untersuchen. Dadurch konnte noch 1110000stel eines Milligrammes eines Ostrogens nachgewiesen werden Damit hatte man noch nicht das Hormon gefunden, aber man konnte sagen, in welchen Extrakten und in welcher Stärke es darin vorhanden war. Langsam und unerbittlich begann man es einzukreisen. Die größte Schwierigkeit bereiteten die bis dahin unvorstellbar geringen Mengen, mit denen man arbeiten mußte, um das Hormon zu isolieren. Die Forscher arbeiteten zum Teil mit Organen, die nur 10 Mäuseeinheiten pro Kilogramm Substanz enthielten, das heißt: 1 Teil Hormon befand sich unter 1 Milliarde von Teilen, die nicht dazugehörten! Wie sollte man es davon trennen? Die entscheidende Wende kam, als Aschheim und Zondek 1927 in Berlin fanden, daß große Mengen des gesuchten Hormons im Harn schwangerer Frauen zu finden waren. Ein besonders glücklicher Umstand, da sich Urin nicht nur billig und in unbegrenzten Mengen beschaffen ließ, sondern auch keine störenden Beiprodukte wie Eiweiß oder Gewebe enthielt, die die Bearbeitung der Ovarien beträchtlich erschwert hätten. Kaum war diese Tatsache bekannt, so begann das internationale Rennen auf beiden Seiten des Atlantischen Ozeans. Drüben war es hauptsächlich Doisy mit seinen Mitarbeitern, in Europa hingegen eine lange Reihe von Forschern mit jahrelanger Erfahrung, Laqueur, Aschheim, Löwe, Zondek und viele andere, die die Isolierung versuchten. Keiner kannte damals noch Butenandt, den Windaus gerade erst mit dieser Aufgabe betraut hatte.

Doisy, mit seiner größeren Erfahrung, gewann das Rennen um Kopfeslänge. Am 23. August 1929 zeigt er während eines Vortrages vor dem Internationalen Physiologie- Kongreß die ersten zwei Aufnahmen eines kristallisierten Steroidhormons.

 

Die Menge, die Doisy gewonnen hatte, wog 1,39 Milligramm. Wenige Monate später konnte der bis dahin unbekannte Adolf Butenandt ebenfalls über die Isolierung des Follikelhormons berichten — nach nur anderthalbjähriger Zusammenarbeit mit seiner späteren Frau Erika von Ziegner. Der 26jährige Butenandt ahnte schon damals die Konstitution: In seiner ersten Veröffentlichung weist er darauf hin, daß es sich bei diesem neuen Stoff wahrscheinlich um ein Steroid handelt — die Verwandtschaft mit Digitalis ist ihm klar. Aber noch kann er es nicht beweisen. Die Struktur dieses Hormons, das man Ostron nennt, stellte sich später wie folgt heraus:

falsch aufgestellt worden war und die Butenandt damals kritisiert hatte — aus ästhetischen Gründen! »Ich nahm Anstoß an der sonderbaren Ecke des B-Rings. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, daß die Natur nicht ästhetischer sein sollte.« Ein sonderbarer Grund für einen Wissenschaftler, der nur Zweckmäßigkeit als Maßstab gelten lassen sollte. Und dann sehe ich die Erklärung: Zweckmäßigkeit der Natur als Ästhetik zu empfinden — das ist Genie. Alles andere ist Fleiß, Begabung, Glück. Jeder von uns kann die innere Notwendigkeit eines Kristalls oder eines Sonnenuntergangs als ästhetisch empfinden, aber die nur einzig mögliche Konstellation eines Steranmoleküls als schön zu empfinden, dazu gehört mehr. Während Doisy nach anderen Ostrogenen sucht und später auch die Identität des Vitamins K aufklären wird (wofür er den Nobelpreis erhält), wendet sich Butenandt jetzt dem männlichen Hormon zu. Und wieder hilft ihm dabei ein Test zur Identifizierung — der Hahnenkammtest von Koch:

Wird ein kastrierter Hahn, dessen Kamm zurückgebildet ist, für zwei Wochen mit einem Extrakt behandelt, der das unbekannte männliche Sexualhormon enthält, dann vergrößert sich die Oberfläche des Kammes und der Schnabellappen bis auf das Sechsfache (s. Abb. S. 74). Diesmal wendet sich Butenandt gleich dem Urin als Ausgangsprodukt zu. Die notwendigen Mengen beschafft er aus Polizeikasernen von Berlin bis zum Balkan. Tscherning hilft ihm bei der Arbeit. Aus 15 000 Litern gelingt es Butenandt schließlich, 15 Milligramm eines männlichen Hormons zu isolieren, das er Andosteron nennt. Man schreibt das Jahr 1931. Butenandt befaßt sich mit der Struktur dieses Hormons und kommt zu dem Schluß, daß er auf Grund eines damals ganz ungeheuer erscheinenden Zufalls schon wieder auf ein Steroid gestoßen ist:

er schon eine Formel vor, die erst viele Jahre später als richtig bewiesen werden kann, wenn man genügende Mengen zur Strukturaufklärung zur Verfügung haben wird. Aber Butenandt hat seine Suche noch nicht beendet. Er versucht die Isolierung eines weiteren weiblichen Hormons, das sich in seiner Wirkung vom Ostrogen unterscheiden soll. Die Amerikaner nennen es Progestin. Aber die Untersuchung des Urins ergibt enttäuschenderweise nur unwirksame Abbauprodukte. Auch im Blut ist nicht genügend aktive Substanz vorhanden. So geht also Butenandt an die schwierige Arbeit, das fehlende Hormon aus Schweineovarien zu isolieren. Aber er ist nicht der einzige. Das Problem wurde inzwischen auf der ganzen Welt erkannt, und überall arbeitet man fieberhaft an der Isolierung des Hormons, das im Gelbkörper der Ovarien enthalten sein soll. Der Test, der diesmal die Suche ermöglicht, war wieder von zwei Amerikanern entdeckt worden — Comer und Allen. Drei Jahre lang arbeiten die Hormonlaboratorien in Europa und Amerika an dieser Aufgabe, und es mutet ganz unwahrscheinlich an, daß sich der Erfolg noch einmal Butenandt zuwenden sollte. Er schildert lebendig, wie er im Herbst 1933 als frisch gebackener Professor von Göttingen nach Danzig kommt, mit 30 Jahren ältester einer Forschungsgruppe, die aus jungen Assistenten und Studenten besteht. Nur die ovarienlosen Mäuse, die sie aus Göttingen mitgebracht hatten, war noch jünger. Es muß eine unvergeßliche Zeit für Butenandt und seine Gruppe gewesen sein, als sie nach morgendlichen Ritten in den Kiefernwäldern der Küste die Tage im Wettkampf gegen die besten Biochemiker der Welt verbrachten und abends mit einem Bad in der kalten Ostsee beendeten. Im März 1934 sehen er und sein Assistent Westphal, wie sich im Hals einer Retorte glitzernde Kristalle bilden. »Ein Anblick, für den wir bereit waren, 1000 Tage unseres Lebens hinzugeben!« Am 11. April berichten sie der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin, daß sie das gesuchte Gelbkörperhormon gefunden haben. Im gleichen Jahr isolieren Slotta in Breslau, Allen und Wintersteiner in den USA und Hartmann und Wettstein in der Schweiz dasselbe Hormon. Bei einer Konferenz aller Beteiligten in London wird es Progesteron genannt.

Die größte Menge, die Butenandt davon je in Händen gehalten hat, waren 20 Milligramm, und dazu hat er die Ovarien von 20 000 Schweinen gebraucht! Er sieht, daß für therapeutische Zwecke eine Gewinnung auf diesem Wege aussichtslos ist, und zeigt einen Weg, wie das Hormon aus Sojabohnenöl gewonnen werden kann. Wir werden später sehen, welche Bedeutung dieser Erkenntnis zukommt. Und dann folgt im Jahre 1935 die Entdeckung des letzten großen Sexualhormons, des Testosterons. Lange hatte man Androsteron für das eigentliche männliche Keimdrüsenhormon gehalten, bis Laqueur und seine Mitarbeiter in Amsterdam das noch stärkere Testosteron abspalten konnten. Innerhalb von drei Monaten haben sie zusammen mit Ruzicka in der Schweiz und Butenandt in Danzig die Konstitution aufgeklärt.

 

 

1939 erhält Butenandt für seine Arbeiten den Nobelpreis, den ihm die deutsche Regierung anzunehmen verbietet. Später, als der Krieg vorbei ist, wird ihm dann die Urkunde mit gewöhnlicher Post zugestellt — aber das Geld bleibt in Stockholm. Der erste große Akt der Steroidforschung ist zu Ende. Seine Akteure waren Kometen am Himmel der Wissenschaft. Ihr Thema: der Felsuntergrund, auf dem unser Leben ruht.

Jetzt konnte man beginnen, ihn zu vermessen. Die Folgen dieser Entdeckungen waren unübersehbar. Sie beschränkten sich nicht auf den naturwissenschaftlichen Bereich, sondern haben viel mehr, als wir vielleicht ahnen, unser weltanschauliches Bild beeinflußt. Zwar hatte Darwin eine stammesgeschichtliche Verwandtschaft mit dem Tier bewiesen, doch schloß dies eine Sonderstellung des Menschen, ein Über-sich-Hinauswachsen nicht aus. Nun lagen auf einmal sichtbare, glitzernde Kristalle vor uns, die wir nicht nur mit den Tieren gemeinsam hatten, sondern die auch unser Verhalten und Denken steuern sollten — als ob wir nicht einzelne, individuelle Wesen wären. Das muß einen Schock erzeugt haben, der darum nicht geringer war, weil er nur langsam in das Bewußtsein der Menschen eindrang. Nachdem die Erde seit Kopernikus ihre Einmaligkeit verloren hatte, war es jetzt die Spezies Mensch, ja sogar die Individualität, die in Frage gestellt wurde. Zugegebenerweise war man von philosophischer Seite her diesen Schritt schon längst gegangen, aber der Beweis hatte gefehlt, um ihm zum Durchbruch zu verhelfen. Man muß sich fragen, ob das Interesse, das existentialistische Strömungen in unserer Zeit gefunden haben, nicht durch diese Entdeckungen der zwanziger und dreißiger Jahre geweckt worden ist, ja inwieweit nicht das gegenwärtige skeptische Weltgefühl der Erkenntnis entspringt, »ein Spielball unserer Hormone und Nerven« zu sein. Es wird geraume Zeit dauern, bis wir diesen zweiten kopernikanischen Schock überwunden haben. Das wird in dem Augenblick geschehen, wenn wir erkennen, daß wir durch diese Entdeckungen gleichzeitig in einem höheren Sinne freier geworden sind.

Sicher, wir sind heute nicht weniger gefangen in dem Bauplan der Natur oder weniger abhängig von der Hand unseres Schöpfers als früher, aber wir haben die großartige Gelegenheit gewonnen, in uns hineinzusehen und ein wenig mehr von uns selbst zu verstehen, als dies je zuvor möglich war. Und in einigen Fällen haben wir sogar die Möglichkeit gewonnen, die Webfehler der Natur auszubessern. Denn in dem Augenblick, in dem die Sexualhormone in Reinsubstanz zur Verfügung standen, war nicht nur der Weg frei zum Verständnis, sondern auch zur Hilfe. Was das Verständnis betraf, so kamen dabei ganz sonderbare Entdeckungen zutage: So fand man zur allgemeinen Überraschung, daß z. B. Testosteron trotz seines Namens (Testes = Hoden) auch in der Nebennierenrinde und in den Ovarien der Frau produziert wird. Man kann sich die Frage kaum verkneifen, welche als typisch »weiblich« oder »männlich« kritisierten Eigenschaften auf diese hormonelle Gemeinsamkeit zurückzuführen sind. Man fand weiter, daß nicht nur offensichtlich männliche Merkmale wie der Kamm des Molches oder das Schnabelpigment der Vögel von Testosteron geprägt werden, sondern auch Verhaltensweisen, die nicht mit der Paarung zusammenhängen: Die soziale Rangleiter von Küken, nach der sie sich hacken dürfen, wird durch Testosteron bestimmt. Behandlung mit diesem Hormon bedingt einen Aufstieg in der Hack-Hierarchie. Ebenfalls ein Feld für Spekulationen!

Trotz dieser Vielfältigkeit lassen sich die Eigenschaften des Testosterons (wenn wir zunächst bei diesem verweilen) in drei Wirkungsgruppen zusammenfassen: Die androgene oder vermännlichende Wirkung, die am meisten ins Auge fällt, die eiweißaufbauende oder anabole Wirkung, die gern therapeutisch verwendet wird, und die hemmende Wirkung auf die Hypophyse.

Die androgene Wirkung wird therapeutisch relativ wenig verwendet: Es gibt bei Knaben eine Entwicklungsstörung, bei der die Hoden auf ihrem entwicklungsgeschichtlichen Weg von der Bauchhöhle in den Hodensack in der Leiste steckengeblieben sind. Wenn Abwarten nichts hilft, versucht man hier zunächst Testosteron, bevor man operiert. Warum das wichtig ist? Einfach weil es in der Leistenbeuge für die Spermatozyten zu warm ist. Um sich zu fruchtbaren Samenzellen zu entwickeln, brauchen sie einen Ort mit einer Temperatur, die etwas unter der des übrigen Körpers liegt. Und Testosteron, neben seinen vielen anderen Aufgaben, sorgt auch noch dafür, daß sie dorthinkommen.

Und dann gibt es Kinder, bei denen infolge der erwähnten Chromosomendefekte die Testosteronproduktion von Anfang an nicht recht angelaufen ist und die daher in die Nähe der Zwitter gerückt sind. Die Namen der Krankheiten sind hier uninteressant, doch stellt der Gebrauch von Androgenen oft die einzig mögliche Therapie dar. Beim normalen erwachsenen Mann ist die Verabreichung von Androgenen im allgemeinen auf die Störung der Libido und der Potenz reduziert, die mit zunehmendem Alter auftreten. Sie kompensiert den allmählichen Ausfall der eigenen Testosteronproduktion.

Eine Testosteronkur stellt oft das geistige und physische Wohlbefinden wieder her, dem leider oft das äußere Erscheinungsbild nicht entspricht. Einen Jungbrunnen gibt es nicht, aber des Menschen Wille ist sein Himmelreich, und die Frage, ob man überhaupt der Natur ins Handwerk pfuschen soll, haben die meisten von uns bereits positiv beantwortet. Auch bei den Fällen von Unfruchtbarkeit, von denen man glaubt, daß sie auf einem solchen Ausfall beruhen, wird Testosteron verwendet. Es sei gleich gesagt, daß es keine dramatischen Erfolge gibt; lange und komplizierte Behandlungen (sowohl beim Mann als auch bei der Frau) sind die Regel, und ihr Erfolg hängt, wie man früher sagte, immer noch ein wenig vom Segen des lieben Gottes ab. Später sagte man »vom Glück«, heute vom »konkomitanten Enzymmuster«. Wahrscheinlich ist alles das gleiche.

Was die anabolen Eigenschaften von Testosteron betrifft, so werden sie schon häufiger therapeutisch in Anspruch genommen: Bei Nierenerkrankungen, Frühgeburten, schlecht heilenden Knochenbrüchen und selbst zum Doping von Sportlern werden Steroide dieser Gruppe verwendet, weil sie den Stoffwechsel günstig beeinflussen. Bei Frauen hat das natürlich den Nachteil, daß Vermännlichung auftritt — Bartwuchs, Stimmbruch und »Geheimratsecken«. Daher ersetzt man Testosteron hier durch andere Steroide. Bei einer Erkrankung allerdings fallen diese Nebenerscheinungen nicht ins Gewicht, und das ist der Krebs. Wir hören noch davon.

Die dritte Wirkung von Testosteron, die Hemmwirkung auf die Hypophyse, wird therapeutisch kaum angewandt. Sie ist aber aus theoretischen Gründen interessant: Wie wir schon beim Vitamin D gesehen haben, sind Steroidhormone in einen Reglermechanismus eingebaut. Die Hemmwirkung der Sexualhormone auf die Hypophyse ist Teil dieses Reglermechanismus

Theoretisch könnte ein solcher Mechanismus beim Testosteron folgendermaß en aussehen: Der Hypothalamus befiehlt z. B. der Hypophyse den Beginn der Pubertät. Das Gonadotropin LH wird ausgeschüttet, welches die Testosteronsekretion anregt. Das Testosteron wiederum baut die Samenblase aus, fördert den Bartwuchs, baut die Muskeln auf usw. Die Erfolgsorgane melden (via Hypothalamus) die Fertigstellung an die Hypophyse: Die Produktion von LH wird eingestellt. Das Testosteron versiegt. So war es beim Vitamin D, wo der Erfolg in den Reglerablauf eingebaut war. Bei den Sexualhormonen aber, mit ihren vielseitigen Wirkungen, ist es unmöglich, alle zeitlich oft differierenden Erfolge zu einer Meldung zu koordinieren. So begnügt sich denn die Hypophyse mit der Meldung über eine Erhöhung des Testosteronspiegels im Blut. Ist diese Meldung anhaltend und stark genug, dann reduziert sie, in der Hoffnung, daß die Arbeit ausgeführt worden ist, die Produktion von LH, worauf die Testosteronproduktion wieder absinkt. Wir müssen uns aber darüber klar sein, daß dies keine echte Erfolgsmeldung ist.

Ähnlich verhält es sich mit den weiblichen Sexualhormonen. Mehr jedoch als die männlichen haben sich die weiblichen Hormone für unser Selbst-Verständnis und für die Therapie als fruchtbar erwiesen. Erst durch ihre Isolierung lernte man die komplexen Aktionen und Interaktionen der verschiedenen weiblichen Hormone zu differenzieren. Man fand, daß Östrogene, von denen das auch beim Mann vorkommende Ostradiol das bekannteste ist, dem Testosteron beim Mann entsprechen, indem sie den Ausbau der Geschlechtsmerkmale bewirken und die Reifung der Keimzellen unterstützen. Man konnte nach der Isolierung zum ersten Mal (im Kontrast zu den Progestagenen) genau die Zielorgane bestimmen, wobei im einzelnen neben dem Gehirn der Uterus, die Vagina und die Brustdrüse erwähnt seien, die alle durch Östrogene in einer spezifischen Form zum Wachstum angeregt werden.

Parallel zum Testosteron zeigt sich auch beim Ostrogen ein anaboler Effekt, der sich besonders beim Knochenwachstum äußert: In der Pubertät schließen sich (nach einem kurzen Schuß in die Länge) die Epiphysenfugen, und das Wachstum wird abgeschlossen. Wie zu erwarten, wirkt auch Ostrogen bremsend auf die Hypophyse, und zwar auf den FSH-Anteil der Gonadotropine. Davon leitet sich das jetzt schon bekannte Rückkopplungsschema ab, bei dem statt der geleisteten Arbeit wiederum nur das Steroid als Signal von der Hypophyse empfangen wird. HYPOTHALAMUS

Man lernte ferner die andere weibliche Hormongruppe, zu welcher als bekanntestes das Progesteron gehört, in ihrer Wirkung zu differenzieren. Sie dient der Vorbereitung der Schwangerschaft, für die es beim Mann keine Parallele gibt: Vorbereitung der Uterusschleimhaut für die Einnistung des Eies, Erhaltung der Schwangerschaft und Verhütung weiterer Eisprünge sind die hauptsächlichsten Aufgaben. Auch hier wieder gibt es Einflüsse auf Leber, Muskeln, Haut und Gehirn . Und zum Schluß findet auch hier wieder die Rückkopplung statt, die sich am Steroidgehalt des Blutes orientiert statt an der erzielten Wirkung .

Endlich lernte man den weiblichen Zyklus, dem bis dahin immer etwas Geheimnisvolles angehaftet hatte, zu verstehen. Man erfuhr, wie das Gonadotropin FSH in der ersten Hälfte des Zyklus nicht nur ein Ei des Ovars zum Wachsen brachte, sondern auch gleichzeitig die Produktion von Ostrogenen anregte, während das Gonadotropin LH in der zweiten Hälfte des Zyklus das Ei reifen ließ und gleichzeitig die Progesteronproduktion ankurbelte, so daß sich für den Zyklus der Frau etwa das folgende Schema ergibt, welches die Ausschüttung der verschiedenen Hormone während eines Monats zeigt :

Hier ist nicht der Ort, ein Kompendium der Behandlung mit weiblichen Sexualhormonen zu schreiben, die durch Gewinnung der Reinsubstanzen möglich geworden ist. Aus der ungeheuren Fülle seien nur die Behandlung des Abortus, der Sterilität, der Dysmenorrhöen und des Klimakteriums genannt, die Millionen Frauen in bedrückenden Situationen Hilfe gebracht hat (s. Abb. S. 85). Die Methodik hat sich so verfeinert, daß man in den letzten Jahren sogar gelernt hat, bei einer noch näher zu beschreibenden Therapie die Medikamente so auszusuchen, daß sie auf das vorherrschende Hormonmuster der Patientin Rücksicht nehmen.

Diese eine Therapie sei näher erwähnt, weil sie der Welt wahrscheinlich die größte biologische Umwälzung seit dem Aussterben der Dinosaurier gebracht hat — die hormonelle Geburtenverhütung!

Um die »Pille« zu verstehen, müssen wir daran denken, wie die Hypophyse sich über die Ausführung der von ihr angeordneten Arbeit orientiert: nur indem sie die im Blut zirkulierenden Steroide mißt. Mit einem Wort — schlampig. Selbst für die ureigenste Aufgabe der Gonadotropine, nämlich die Stimulierung der Keimzellen, besteht kein eigener Meßapparat. Werden die Gonadotropine ausgeschickt, um das Ei zum Reifen zu bringen, und melden sich darauf die Steroide, so wird sofort die Produktion von Gonadotropinen und damit auch die Reifung der Eizellen wieder eingestellt. Man ahnt, welchen Trick man hier der Natur spielen kann. Die ersten Beobachtungen, daß die Einpflanzung von Ovarien Sterilität erzeugt, geht auf Tierärzte zurück, die die Brunft bei Kühen und das Eierlegen bei Hühnern dadurch hinauszögern konnten. Der Innsbrucker Haberlandt schlug daraufhin schon 1921 den entsprechenden Gebrauch beim Menschen vor. Zufällige klinische Beobachtungen bewiesen die Richtigkeit dieser Theorie. Und es wird wohl für immer ein Rätsel bleiben, wieso volle 30 Jahre vergehen mußten, bis dieser Gedanke aufgegriffen wurde.

Der Mann, der den entscheidenden Schritt tat, hieß Gregory Pincus. Den Gedanken, Progestagene zur Sterilisation zu benutzen, hat er nicht als erster gehabt. Den hatten schon Haberlandt im Jahr 1921 und noch viele andere Wissenschaftler. Den Gedanken, die Behandlung jeweils nach 20 Tagen abzubrechen und damit eine künstliche Menstruation zu erreichen, hat er auch nicht als erster gehabt. Den hatte Kaufmann im Jahre 1933. Den Gedanken, die reichen Vorräte an Barbasco zur Herstellung von Progestagenen auszunützen, hat Marker gehabt. Und die verschiedenen Progestagene hat ihm die Firma Searle hergestellt. Aber Pincus hat das Ganze vom Experiment in die tägliche Realität übergeführt. Er hat die Pille hoffähig gemacht, indem er nach Kaufmanns Idee die ersten Versuchspersonen von der Neurasthenie befreite; er hat sie für den Geldbeutel der Frauen von Puerto Rico erschwinglich gemacht, indem er die halbsynthetischen Produkte ausprobierte, die Searle für ihn herstellte. Es begann im Jahre 1953, als er und Chang zeigten, daß zugeführtes Progesteron die Ovulation, d. h. die Abberufung des Eis, bei Kaninchen verhüten kann. Schon damals vermutete er korrekt, diese Wirkung sei auf die Hemmung der Gonadotropine zurückzuführen, da die Hypophyse nicht zwischen ihren eigenen und fremden Progestagenen unterscheiden kann. Dann dehnte er die Versuche auf Menschen aus, was kein Risiko darstellte, da Progesteron schon seit fast 20 Jahren in hohen Dosen therapeutisch verwendet worden war, allerdings hauptsächlich zum gegenteiligen Zweck — der Erhaltung einer bestehenden Schwangerschaft. Zunächst gab Pincus kontinuierlich 300 mg Progesteron an junge Ehefrauen. Doch obwohl sich der erwartete Erfolg einstellte, drohte die daraus resultierende Amenorrhöe, d. h. das Fehlen von Perioden, den Zusammenbruch des Experimentes aus psychologischen Gründen herbeizuführen: Frauen, Ehegatten und Untersucher litten zunehmend unter einer »Amenorrhöe-Psychose«, wie Pincus sie nannte. Da griff er Kaufmanns Idee auf und legte eine fünftägige Pause ein. Heute erscheint dieser Gedanke logisch, weil wir ihn alle kennen, aber damals trug er entscheidend dazu bei, die »Pille« salonfähig zu machen.

 

 

Später probierte Pincus verschiedene synthetische Gestagene aus, d. h. Substanzen mit progesteronähnlicher Wirkung. Eine von ihnen, Norethynodrel, zeigte die gewünschte Wirkung, und 1960 kam die erste Pille auf den Markt, die statt der ursprünglichen 300 Milligramm Progesteron nur 10 Milligramm dieses Progestagens enthielt. Sie enthielt außerdem geringe Mengen eines künstlichen Ostrogens, um den Zyklus möglichst naturgetreu nachzuahmen. Wiederholen wir noch einmal die große Idee der Kontrazeption, die Pincus zu einer sicheren und bewährten Methode ausgebildet hat: Die Gonadotropine, die in regelmäßigen Abständen von der Hirnanhangdrüse ausgesandt werden, um neue Keimzellen zum Reifen zu bringen, sind blind. Sie wissen nicht, ob ihre Anstrengung von Erfolg gekrönt ist. Als Äquivalent akzeptieren sie die Rückmeldung über einen anderen Effekt, den sie ausüben: die Stimulierung der weiblichen Sexualhormone. Steigt deren Spiegel im Blut an, wird die Abberufung der Eizellen eingestellt, gleichgültig ob die Meldung von körpereigenen oder von fremden Hormonen erfolgt. Im Laufe der Zeit wurden drei Arten von »Pillen« entwickelt, die man wenigstens im Prinzip kennen sollte:

Da ist zunächst die von Pincus entwickelte Kombinationsform, bei der während 21 Tagen das Progestagen immer im festen Verhältnis mit einem Ostrogen gegeben

wird. Nach Absetzen am 21. Tag erfolgt dann die Abbruchsblutung, die als Menstruationsblutung empfunden wird.

Später hat man die sogenannten phasischen Präparate entwickelt, bei denen während 16 Tagen der Progesteronanteil niedrig gehalten und erst in den folgenden 7 Tagen auf die Dosis der Kombinationspräparate angehoben wird. Und in den letzten Jahren hat man mit sogenannten Minipillen experimentiert, die niedrige Progesterondosen (ohne Ostrogen) enthalten und ständig eingenommen werden müssen. Hierbei wird die Ovulation (der Eisprung) nicht verhütet, und die Menstruation ist echt. Es ist klar, daß hier der Schutz gegen Befruchtung auf anderen Mechanismen beruht. Man vermutet eine hormonelle Veränderung des Schleims im Gebärmutterhals, die das Sperma nicht eindringen läßt. Alle drei Methoden haben ihre Vor- und Nachteile und dementsprechend ihre Verteidiger und Gegner. Die Weiterentwicklungen sind nicht immer allein wissenschaftlichen Motivierungen gefolgt, sondern oft dem einfachen Bestreben, immer geringere Mengen an Arzneistoffen zu verwenden, wobei die niedrigsten Dosierungen natürlich nur durch extrem aktive Steroide erreicht werden können, so daß der Vorteil diskutabel bleibt. Trotzdem ist der Fortschritt beachtlich: Im Jahre 1951 benutzte Pincus noch 300 mg Progesteron, die er später durch 10 mg Norethynodrel ersetzte. 1961 senkte Searle die Dosis auf 5 mg und später, wieder mit Hilfe eines neuen Progestagens, auf 1 mg und dann auf 0,5 mg. Diese Menge konnte lange Zeit nicht unterschritten werden. Erst in den letzten Jahren gelang dies durch die Synthetisierung von d-Norgestrel. Die Minipillen enthalten jetzt Dosen von 0,03 mg; das ist der 10 000ste Teil der ursprünglichen 300 mg!

Die Suche nach immer schwächeren Dosierungen ist durch die oft zitierten Nebenwirkungen der Pille beschleunigt worden. Wie gefährlich ist nun die Pille wirklich? Das ist natürlich eine wichtige Frage, da ca. 20 Millionen Frauen auf der Welt hormonale Kontrazeptiva einnehmen. Daß es Nebenwirkungen gibt, ist sicher. Es ist aber nur fair, sie mit den Nebenwirkungen der Schwangerschaft, mit Aborten, Blutungen, Infektionen und Nierenerkrankungen zu vergleichen. So gesehen schneidet die Pille besser ab als die Schwangerschaft. Trotzdem muß man die Nebenwirkungen kennen. Ganz sicher kann die Pille bei einem relativ geringen Prozentsatz der Frauen Übelkeit, Kopfschmerzen, Ansteigen des Körpergewichtes, Zwischenblutungen und Empfindlichkeit der Brust erzeugen. Jedoch sind dies relativ harmlose Beschwerden im Vergleich mit den zwei Hauptvorwürfen — die Pille bewirke Thrombosen und Krebserkrankungen. Zu letzterem sei sofort gesagt, daß dafür im menschlichen Bereich kein Beweis vorliegt. Das geht besonders aus Studien mehrerer Autoren in Deutschland hervor. Trotzdem empfehlen erfahrene Gynäkologen regelmäßige Untersuchungen der Frauen, die die Pille einnehmen. Schwerwiegender sind jedoch die Einwände, die sich mit der Gefahr von Venenthrombosen und Embolien befassen.

Wer sich unbefangen den hierüber veröffentlichten Berichten nähert, sieht sich bald einem Wust von esoterischen Statistiken und Gegendarstellungen gegenüber, in denen sich selbst Regierungen und pharmazeutische Firmen kaum noch auskennen. Trotzdem kann man vielleicht sagen, daß ein Ostrogenanteil, der 0,05 mg überschreitet, eine Gefährdung darstellt. Die meisten Firmen haben hieraus die Konsequenz gezogen und die Erzeugung derartiger Präparate fast zur Gänze eingestellt. Den geschilderten Nachteilen steht die Tatsache gegenüber, daß die Pille die sicherste und wirkungsvollste Form der Empfängnisverhütung darstellt — abgesehen von dem »Glas Wasser«. Sie ist aber möglicherweise nicht die letzte Antwort. Injektionen, deren Wirkung Monate anhält, Einpflanzungen von Tabletten unter die Haut, die sogenannte »Jahrespille«, werden seit Jahren ebenso genau klinisch geprüft wie intrauterine Einlagen von Hormonen oder Armbänder, die Steroide kontinuierlich an die Haut abgeben.

Bei alledem wird oft der Mann vergessen. Es ist selbstverständlich, daß sich im Prinzip die Hypophysen-Spermien-Achse genauso mit Hilfe von Steroiden unterbrechen läßt wie bei der Frau. Das ist auch bereits geschehen. Versuche mit Einpflanzungen unter die Haut haben die Möglichkeit einer einjährigen Sterilisation gezeigt. Jetzt, wo das Ei des Kolumbus gefunden ist, mangelt es nicht an Vorschlägen, wie sich das Prinzip verbessern ließe. An Stelle der Vorkämpfer, der Erfinder und Neuerer haben nun Fleiß und Emsigkeit das Wort.

Posted in Hormone und Steroide | Comments Off on Hormone 6

Medizinische Anwendungen anaboler Steroide I

Nachdem die ersten synthetischen Testosteronderivate* in den frühen Fünfziger Jahren für Laborgebrauch und Studien zur Verfügung standen, wurden bald auch die ersten Versuche mit Tieren und Menschen durchgeführt. Die virilisierenden Effekte der Testosteronabkömmlinge führten aber dazu, daß die medizinische Anwendung auf vielen Gebieten bis heute eingeschränkt ist.

doch sind sie die am wenigsten untersuchte und beschriebene Gattung der Steroidhormone. Viel mehr Aufmerksamkeit wurde den Corticosteroiden gewidmet, den Östrogenen und den Progesteronsteroiden. Und obwohl anabole Steroide sich theoretisch für viele medizinische Anwendungen eignen, spielen sie keine Hauptrolle in der Behandlung von Krankheiten. Steroiden werden vor allem unterstützende und begleitende Rollen zugedacht.

Präsentation der medizinischen Anwendungen

Da anabole Steroide auch als antikatabole Steroide gelten können, sind viele medizinische Anwendungen bekannt, die sich auf diese Eigenschaft der Steroide stützen. Einige dieser Indikationen* beinhalten die Verabreichung an:

1) chronisch kranke Patienten zur Unterstützung der Ernährung
in Krankenhäusern;
2) Patienten, die an rheumatoider Arthritis leiden, mit
oder ohne gleichzeitige Verabreichung von „Prednisonff;
3) frisch Operierte, um der katabolen Stoffwechsellage
nach einer Operation entgegenzuwirken;
4) Patienten mit chronischem Raynaud-Syndrom bei Gefäßkrankheiten;
5) Patienten, die lebertoxische Medikamente wie z.B. „Rifampin”
erhalten und
6) zur Senkung des Infektionsrisikos an krebskranke Patienten,
die sich einer Chemotherapie unterziehen
müssen.

Andere Einsatzgebiete für die Therapie mit anabolen Steroiden
konzentrieren sich auf die anabolen Eigenschaften
dieser Medikamente, z.B. die Verabreichung an:

7) Patienten mit chronischen Anämien;*
8) nierenkranke Patienten, die sich einer Dialyse** unterziehen
müssen;
9) Patienten mit Osteoporose;***
10) Patienten mit Testosteronmangel;
11) Sportler, die an Muskelmasse, Kraft und Ausdauer gewinnen
wollen;
12) Männer, die an Haarausfall leiden;
13) kleinwüchsige Jungen, und
14) Patienten mit einigen Arten der Hyperlipidemie.

Diskussion einiger Anwendungen

Verabreichung anaboler Steroide zur Ernährungsunterstützung: Seit den sechziger Jahren widmen Mediziner der Ernährung kranker Menschen größere Aufmerksamkeit. Die intravenöse* Ernährung, die Ernährung durch nasogastrische Schläuche’ und durch chirurgisch in den Darm implantierte Schläuche hat sich in der heutigen Medizin durchgesetzt. Die Festlegung einer angemessenen Dosierung von Infusionen, der nötigen Kalorienaufnahme bestimmter Patienten, wie auch der Mengenverhältnisse von Kohlenhydraten, Fetten, Proteinen, Mineralien, Vitaminen und Elektrolyten sind ebenso wie technische und medizinische Fragen noch nicht abschließend geklärt. Viele Patienten in Krankenhäusern müssen wegen Problemen bei der oralen Aufnahme von Nahrung künstlich ernährt werden. Das Ziel der künstlichen Ernährung ist die Korrektur existierender Stoffwechseldefizite und die Unterstützung von Heilungsvorgängen. In diesem Zusammenhang wurde auch der Einsatz anaboler Steroide untersucht. Sie erhöhen die Stickstoffretention, sind also antikatabole Medikamente, die theoretisch eine anabole Stoffwechsellage bei vielen Erkrankungen auslösen können. Mehrere Wissenschaftler haben die Auswirkungen anaboler Steroide auf katabole Stoffwechsellagen bei verschiedenen Krankheitsbildern untersucht. Die Ergebnisse lassen den Schluß zu, daß der Stickstoffverlust durch eine Steroidtherapie reduziert oder sogar umgekehrt werden kann. 1981 untersuchten LEWIS und Mitarbeiter die Bedeutung anaboler Steroide als routinemäßigen Bestandteil künstlicher Ernährung. Sie stellten fest, daß die Verabreichung von 50 mg „Deca Durabolin” alle zwei Wochen über einen Zeitraum von zwei bis drei Wochen bei künstlich ernährten Patienten mit katabolen Erkrankungen — trotz leicht erhöhter Stickstoffietention — letztlich keine signifikanten Unterschiede in Stickstoffretention und Proteinmetabolismus bewirkte. Obwohl die Wissenschaftler die Unterschiede in der Stickstoffretention als statistisch nicht bedeutsam werteten (p kleiner als 0.05), erhöhten die Steroide die Stickstoffretention um 13%. Die größten Zuwächse erfolgten nach der zweiten Woche der Steroidtherapie. Die Autoren dieser Studie kamen dennoch zu dem Ergebnis, daß die routinemäßige Zufuhr anaboler Steroide bei künstlicher Ernährung nicht gerechtfertigt sei. Lediglich bei künstlicher Ernährung über einen Zeitraum von mehr als drei Wochen sei eine unterstützende Steroidtherapie von Nutzen. Die Veröffentlichung einer Untersuchung dieser Art kann viel bewirken — unangemessene Schlußfolgerungen und im ungünstigsten Fall eine Einstellung der Forschung auf diesem Gebiet. Im vorliegenden Fall war an der Methode LEWIS und seiner Mitarbeiter nichts auszusetzen, trotzdem könnten einige Schwachpunkte die Ergebnisse ihrer Untersuchung ins Wanken bringen

1) Der Einsatz von „Deca-Durabolin”: Dieses Präparat ist ein starkes Steroid, das seine Wirkung über einen längeren Zeitraum entfaltet. Andere injizierbare Steroide mit schneller einsetzender Wirkung könnten die Stickstoffretention innerhalb weniger Tage verbessern, statt im Verlauf von einigen Wochen, wie in der Studie geschehen.

2) Die Dosierung: Die Injektion von 50 mg „Deca-Durabolin”
alle zwei Wochen ist wahrscheinlich zu niedrig,um wirklich statistisch signifikante Veränderungen
auszulösen.

3) Dauer der Therapie: Da für diese Studie ein Steroid mit einer langen Halbwertzeit gewählt wurde, wäre es interessant, die Stickstoffretention über einen Zeitraum
von vier bis sechs Wochen nach Beginn der Therapie
zu untersuchen. Dies wäre bei einem schneller wirkenden Steroid nicht nötig.

Verabreichung anaboler Steroide bei Patienten mit rheumatoider Artritis: BROCHNER-MORTENSEN und Mitarbeiter untersuchten die durch „Prednison” in Kombination mit den anabolen Steroiden „Nilevar” und „Durabolin” ausgelösten Stoffwechseleffekte bei Patienten mit chronischer Arthritis. Sie kamen zu folgenden Ergebnissen:

1) es konnte überzeugend nachgewiesen werden, daß
die katabolen Auswirkungen von „Prednison” auf
Stickstoffhaushalt, Calcium- und Phosphorbalance
durch den Einsatz anaboler Steroide verhindert werden
können;

2) „Durabolin” zeigte bei zwei der vier weiblichen Test
personen nur geringe virilisierende Effekte;

3) Die Wirkung von „Durabolin” war erheblich stärker
und hielt länger an als die von „Nilevar”, einem oralen
anabolen Steroid, und

4) anabole Steroide störten die positive Wirkung von
„Prednison” auf die Krankheitssymptome nicht.

Das Immunsystem allgemein wird von Sexualhormonen beeinflußt. Es wird angenommen, daß Autoimmunkrankheiten* wie Lupus Erythematosis, rheumatoide Arthritis und Sklerodermie durch einen Mangel an T-Supressor- Lymphozyten ausgelöst werden. Vor kurzem wurde ein Enzym (20-alpha-SDH) entdeckt, mit dem sich T-Lymphozyten markieren lassen.1’14 1981 wiesen WEINSTEIN und BERKOVICH12 mit Hilfe der Markierung durch 20-alpha- SDH nach, daß mit Androgenen behandelte weiblich Mäuse eine gesteigerte Aktivität der T-Supressor Lymphozyten aufweisen. Allerdings blieb unklar, ob Androgene eine verstärkte Freisetzung von T-Supressor Lymphozyten aus dem Knochenmark begünstigen oder die T-Supressor- Lymphozyten direkt zu verstärkter Teilung anregen. Obwohl die Wirkungsweise anabol-androgener Steroide für die Behandlung von Autoimmunerkrankungen noch nicht abschließend geklärt werden konnte, sollte die Behandlung mit diesen Medikamenten doch in Betracht gezogen werden.

Einsatz anabole Steroide nach Operationen: Patienten reagieren auf den Stress schwerer Verletzungen oder umfangreicher Operationen für gewöhnlich mit einer katabolen Stoffwechsellage als Ausdruck des gesteigerten Bedarfs an Protein und Kalorien für Wundheilung und Energie. Wird dieser Bedarf nicht befriedigt, kommt es zu einem signifikanten Abbau von Körpergewebe. Dieser Zustand steht im krassen Gegensatz zu der Stoffwechsellage von Patienten, die sich einer Therapie mit anabolen Steroiden unterziehen. Der begleitende Einsatz anaboler Steroide nach Operationen sollte also in Erwägung gezogen werden.

BRADSHAW und Mitarbeiter stellten diese Forderung schon 1960.15 Sie waren zwar der Meinung, das die zu diesem Zeitpunkt verfügbaren Informationen noch keine gesicherten Aussagen über die Wirksamkeit von Steroiden erlaubten.

Doch sei eine eingeschränkte Anwendung bei solchen Krankheiten gerechtfertigt, bei denen der Ernährungsstatus des Patienten eine wichtige Rolle für dessen Genesung spielt. Dies galt ihrer Auffassung nach auch für Erkrankungen, die durch einen Überschuß an antianabolen oder katabolen Hormonen verursacht werden sowie für frisch operierte Osteoporosepatienten. Die Wissenschaftler waren überzeugt, daß weitergehende Untersuchungen den Beweis für die positiven Wirkungen anaboler Steroide auch auf die Genesungszeit nach anderen Operationen bestätigen würden. Mittlerweile sind die Methoden zur Bestimmung des Muskelproteinabbaus nach Operationen verfeinert worden.1417″ Diese fortschrittlichen Methoden sollten bei zukünftigen Untersuchungen berücksichtigt werden.

 

Posted in Anabolika | Comments Off on Medizinische Anwendungen anaboler Steroide I